MDR-Sinfonieorchester im Gewandhaus Strawinskys "Frühlingsopfer" mit Live-Visualisierungen

Für dieses besondere visuelle Konzertereignis hat MDR-Chefdirigent Dennis Russell Davies einen langjährigen Kooperationspartner ins Boot geholt: den Videokünstler Cori O'Lan. Im Gewandhaus hat der Österreicher die Musik des MDR-Sinfonieorchesters live visualisiert. Man durfte gespannt sein, wie er Strawinskys "La sacre du printemps" und Ravels "Ma mère l'oye" optisch umsetzte - zwei sehr verschiedenartige Kompositionen, die für das Ballett entstanden.

Standbild aus Visualisierung von Musik durch den Künstler Cori O'Lan
Bildrechte: Cori O'Lan

Hinter dem Künstlernamen Cori O’Lan verbirgt sich der langjährige Leiter des Ars Electronica Centers in Linz. Er hat bereits Visualisierungen zu einer ganzen Reihe von Konzerten gestaltet – wobei der ausschlaggebende Part der finalen Gestalt dessen, was auf der Leinwand erscheint, von den Musikerinnen und Musikern live auf der Bühne geschaffen wird.

Wie funktioniert Live-Visualisierung?

In den Realtime- bzw. Live-Visualisierungen von Cori O’Lan werden sämtliche graphischen Elemente unmittelbar aus dem akustischen Material, also dem Klang der Musik abgeleitet bzw. damit verknüpft. Dazu werden die Instrumente mit Mikrophonen abgenommen und deren Klang in Echtzeit von einem Computer analysiert. Die daraus gewonnenen Informationen über Lautstärken, Tonhöhen, Klangfarben, Dynamik und Rhythmik etc. werden verwendet um einen Grafikcomputer zu steuern, um graphische Elemente entstehen zu lassen bzw. sie in vielfältigster Weise zu verändern. Da diese Prozesse in Realtime ablaufen, entsteht eine unmittelbare und ausdrucksstarke Verbindung zwischen der Musik und ihrer visuellen Umsetzung. Die Visualisierung wird also im eigentlichen Sinn nicht vom Computer, sondern von der Musik erschaffen.

Live-Mitschnitt anhören

Chefdirigent Dennis Russell Davies beim Dirigieren im Gewandhaus 150 min
Bildrechte: MDR KLASSIK/Tom Schulze
150 min

Beim Konzert "Frühlingsopfer" interpretierte das MDR-Sinfonieorchester Strawinskys "Le sacre du printemps", Ravels "Ma mère l'oye" und Henzes "Barcarole" unter Dennis Russell Davies im Gewandhaus.

MDR KULTUR - Das Radio So 03.04.2022 19:30Uhr 149:54 min

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Audio

Bilderwelten zu Strawinskys "Sacre"

Cori O'Lan hat Igor Strawinskys Ballettmusik "Le sacre du printemps" (1913) bereits in der Klavierversion visualisiert, nun aber für die Klangspektren des Orchesters viel neues Material entwickelt. Für die Bilderwelten verwendete er unter anderem Originalfotos und Zeichnungen von der Jesup North Pacific Expedition (1897–1902). Diese bedeutende anthropologische Forschungsexpedition u. a. nach Sibirien widmete sich der umfangreichen Dokumentation der Lebensweisen der dortigen Völker. In Russland weckte das Material vor allem in intellektuellen Kreisen die Begeisterung an den archaischen Riten und Mythen und war damit auch eine wichtige Inspirationsquelle für Strawinsky.

Abstrakte Visualisierungen für Ravel und Henze

Standbild aus Visualisierung von Musik durch den Künstler Cori O'Lan
Bildrechte: Cori O'Lan

Maurice Ravels poetisches "Ma mère l'oye" (Mutter Gans) entstand zwischen 1908 und 1911 erst für Klavier, dann als Orchestersuite und schließlich als Ballettfassung. Die verschiedenen Märchenerzählungen von "Dornröschen" bis zu "Die Schöne und das Biest" formte Ravel zu so bizarren wie überirdisch schönen Klangwelten, für deren Visualisierung Cori O'Lan computergrafisches, abstraktes Material verwendete. Gleiches gilt auch für Hans Werner Henzes Komposition "Barcarola - In memoriam Paul Dessau" von 1979. Das Werk fordert die visuelle Fantasie heraus, denn mit dem Werktitel "Barcarole" meint Henze die Überquerung des Styx – jenes Flusses, der die irdische Welt vom Totenreich trennt.

Das Konzert wurde am Konzerttag live auf MDR KLASSIK und MDR KULTUR gesendet.