Sommertour Klassisch unterwegs auf der "Straße der Musik": Gräfenroda

Händel in Halle, Telemann in Magdeburg, Schütz in Dresden und natürlich Bach in Eisenach oder Leipzig. Was aber ist mit Ermitz, Gräfenroda oder Panitzsch? Was mit Schein, Stricker, Graupner, Jürgen Hahn und weiteren weit über 2300 Komponisten? Sie alle sind in Mitteldeutschland geboren oder beerdigt, haben hier gewirkt oder wirken noch immer. MDR KLASSIK hat Orte mit musikalischer Geschichte besucht, die abseits urbaner Musikzentren liegen – entlang der "Straße der Musik". Hier geht es nach Gräfenroda.

Herbstlich ist der Blick auf Gräfenroda (Thüringen) inmitten des Thüringer Waldes.
Gräfenroda ist mit fünf Kilometern Länge das längste Dorf im Ilm-Kreis. Bildrechte: dpa

1290 erstmals erwähnt, gilt Gräfenroda als Geburtsstätte der Gartenzwerge. 1705 wird der Komponist Johann Peter Kellner hier geboren und ist jahrzehntelang Kantor. Ohne seine Notenkopien hätten viele Bach-Werke nicht überlebt. Die Weise-Orgel in der St. Laurentius-Kirche disponiert er gezielt auf einen authentischen Barock-Klang. Sein aktueller Nachfolger im Kantorenamt, Peter Harder, ist seit 2005 Ehrenbürger von Gräfenroda.  

St. Laurentius in Gräfenroda
Kleiner Ort und große Kirche: St. Laurentius in Gräfenroda Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Viel Holz ohne Protz

Steil geht es die knarzige Holztreppe hinauf zur Orgelempore, dem Arbeitsplatz von Peter Harder, seit Jahrzehnten Kantor in der St. Laurentiuskirche von Gräfenroda. Dort oben angekommen, dreht er dem imposanten Instrument zunächst den Rücken zu und schaut in das barocke Kirchenschiff, das von einer holzvertäfelten Decke zusammengehalten wird.

Innenansicht der St. Laurentius in Gräfenroda
Blick in die holzdominierte Kirche St. Laurentius Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Das viele Holz sei typisch für Thüringen, beschreibt Harder dieses doch recht große, aber auch recht schlichte Gotteshaus mit seinen zwei Galerien. Es kommt recht gut ohne Prunk und Protz des Provinzadels aus. Schließlich haben die Gräfenrodaer ihre Kirche aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten in den Ort gesetzt.

Englisches Zinn im Thüringer Wald

Dann dreht sich Harder um zur Orgel, die ihn mit ihrem ausladenden Prospekt scheinbar in die Arme schließen will: "Hier merkt man, dass die Gräfenrodaer alles in die Orgel gesteckt haben. Schon allein die Größe, selbst im Pedal ein Prinzipalregister aus englischem Zinn, was wirklich sehr kostspielig war und wohl eher zu einer Stadtorgel passt als in das Dorf Gräfenroda", weiß der Kantor.

Peter Hader, Kantor
Peter Harder ist seit Jahrzehnten Kantor in der St. Laurentiuskirche von Gräfenroda. Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Das sieht und hört man. Johann Peter Kellner sei Dank. Der wird 1705 in Gräfenroda geboren, ist Lehrer und leidenschaftlicher Organist, übernimmt die Kantorenstelle und kümmert sich intensiv um die Disposition dieses Instrumentes, das 1736 vollendet wird. Die 26 Register sollten vor allem den Werken des von ihm verehrten Thomaskantors Johann Sebastian Bach eine klangliche Heimat geben. Dessen Kompositionen sammelt Kellner emsig, um sie in Gräfenroda zu spielen, an dieser Orgel, deren Blasebalg im Hintergrund immer mal so herrlich grummelt. 

Orgel der St. Laurentius in Gräfenroda
Die Weise-Orgel in ihrer Pracht Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

"Johann Peter Kellner hat ja viele Organisten vor allem an Bachs Werken ausgebildet, die dann ihrerseits zu bedeutenden Interpreten wurden und vor allem in Gottesdiensten für die weitere Verbreitung der Musik des Leipziger Thomaskantors sorgten", erzählt Harder.

Andenken pflegen und wiederentdecken

Mittlerweile kümmert sich die Johann-Peter-Kellner-Gesellschaft um das Andenken an den bedeutenden Gräfenrodaer Sohn, eine Gesellschaft, die Peter Harder mitgegründet hat. Kellners Werke, einst populär und viel gespielt, erkämpfen sich seitdem mühsam ihren Weg zurück auf die Notenpulte. Vor allem natürlich auch in der St. Laurentius Kirche Gräfenroda.

Die Orgel in der Sankt Laurentius Kirche in Gräfenroda.
26 Register, 2 Manuale und im Pedal sogar ein Prinzipal aus englischem Zinn Bildrechte: MDR/Theo M. Lies

Dabei ist es gar nicht verwunderlich, dass ein solches musikalisches Talent aus diesem Thüringer Örtchen mit seinerzeit gerade einmal 700 Einwohnern stammt. Es gehört einfach zum sprichwörtlichen guten Ton, als Gräfenrodaer mindestens ein Instrument spielen zu können, ohne Musikschule versteht sich.

"Wenn so viele Menschen ein Musikinstrument beherrschen, gibt es immer auch welche, die gut genug sind zu unterrichten. Und wenn ein Gräfenrodaer Handwerker Bratsche spielte, musste der Lehrling auch Bratsche spielen."  

Bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts musiziert ein ortseigenes Streichorchester mit beachtlichem Niveau, sodass die Streicher auch hin und wieder in umliegenden Hof- und Theaterorchestern ausgeholfen haben. Doch diese Zeiten seien wohl vorbei, konstatiert Peter Harder. Nur noch die Blasmusik werde gemeinschaftlich gepflegt.

Kellners Pionierarbeit in Sachen Bach aber habe überlebt, ja manche Komposition des berühmte Leipziger Thomaskantors wäre ohne die Kopien des Gräfenrodaer Kantors vielleicht sogar vergessen.

Kompositionen aus Gräfenroda

Eine Fuge und eine Toccata D-Moll BWV 565 wird sogar von manchen Wissenschaftlern gleich ganz Kellner oder dessen Umfeld zugeschrieben. Jedenfalls liegt dieses Blatt wie auch die meisten Notenabschriften jetzt im Leipziger Bacharchiv.

Die eigenen Kompositionen des Gräfenrodaer Kantors sorgen indes immer wieder für Überraschungen. So wurden erst kürzlich Kantaten von seiner Hand in der Dorf-Kirche von Thörey, zwischen Erfurt und Arnstadt gelegen, gefunden. Das läge aber wohl daran, "dass man das Pfarrhaus dort nie aufgeräumt hat", mutmaßt etwas schmunzelnd Kellners Nachfolger auf dem Kantorenamt. "In Gräfenroda haben wir so viel aus- und umgebaut, da ist nichts liegengeblieben!"

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 11. Juli 2022 | 09:10 Uhr

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