Festjahr: "Schütz 22" Wie Heinrich Schütz die "Sonne Italiens" zu uns brachte

Italien zählt zum beliebtesten Urlaubsland der Deutschen – und das schon sehr lang: Bereits im 17. Jahrhundert sind sie in das Land am Mittelmeer gepilgert. Vor allem Musiker und Musikerinnen waren geradezu verrückt nach der Kultur und Musik. So auch Heinrich Schütz, der als wichtigster Vermittler des italienischen Stils im lutherischen Raum gilt. Man kann sagen, er hat die Sonne Italiens zu uns gebracht. MDR KLASSIK hat sich auf Spurensuche begeben.

Venedig, Sonnenuntergang
Heinrich Schütz hat sich vom italienischen Stil inspirieren lassen und einiges davon in seinen Kompositionen verarbeitet. Bildrechte: IMAGO / UIG

Mit 24 Jahren reiste Heinrich Schütz zum ersten Mal nach Italien, genauer: nach Venedig. Er stammt aus dem beschaulichen Köstritz und hat am Ziel seiner Reise erst einmal einen Kulturschock. Als so ein "Feuerwerk der Eindrücke" stellt es sich zumindest Friederike Böcher vor, die Leiterin des Bad Köstritzer Schütz-Hauses:

"In Venedig erlebte er eine der größten Städte der Welt. Er sah zum ersten Mal das Meer. Er erlebte eine Stadt, wo alle Nationen und alle Religionen zusammentrafen. Einen Wochenmarkt mit unbekannten Früchten, Gewürzen oder Fischen. Das hat er sicher noch nie gesehen oder gegessen."

Markusplatz mit Dogenpalast in Venedig
In Venedig eröffnete sich für Schütz eine neue Welt. Bildrechte: dpa

Venezianische Mehrchörigkeit

Mindestens genau so faszinierend – wenn nicht noch mehr – ist für Schütz das musikalische Spektakel in der Kirche "San Marco": Bis zu 16 verschiedene Stimmen und Instrumente erklingen hier gleichzeitig, und aus bis zu vier verschiedenen Richtungen: Venezianische Mehrchörigkeit.

"Mit diesem mehrchörigen Musizieren wird Raum erlebbar. Das ist Quadrophonie live. Ich als Zuhörer sitze zwischen vier Chören. Das setzte Schütz in seiner ersten großen Komposition für den Dresdner Hof um, in den Psalmen Davids, die 1619 erschienen", sagt Böcher.

Basilica di San Marco in Venedig
In der "Basilica di San Marco" in Venedig ließ sich Schütz von der venezianischen Mehrchörichkeit inspirieren. Bildrechte: IMAGO / K-P Wolf

Der Organist von San Marco heißt Giovanni Gabrieli – und ist eine zentrale "Adresse" für Musikstudierende. Bei ihm lernt Schütz italienische Kompositionsweisen, besonders das Madrigal: Sozusagen Gedichtvertonung mit Sinn für Details.

Die Leiterin des Schütz-Hauses erklärt es so: "Alle Bilder im Text werden in Noten umgesetzt. Wenn es um etwas Hohes oder etwas Tiefes geht, geht die Melodie nach oben oder nach unten. Wenn es um etwas Schnelles und Wildes geht, dann ist der Rhythmus entsprechend. Wenn es um eine Frage geht, geht die Melodie aufwärts."

Schütz inspiriert

Erst lernte Schütz auf italienische Weise zu komponieren, dann kreiert er seinen eigenen Stil: Er legt Wert auf den strengen Kontrapunkt und vertont deutsche Texte, vor allem aus der Luther-Bibel.

Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz
Das Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz: Am 8. Oktober 1585 wurde der Komponist hier geboren. Bildrechte: imago/Hanke

Er wird Hofkapellmeister in Dresden und erlangt so eine große Reichweite. Weitere Komponisten wurden dadurch inspiriert – wahrscheinlich auch seinen Freund Johann Hermann Schein, Kantor an der Leipziger Thomasschule.

"Schein schrieb als Thomaskantor geistliche Madrigale. Das war ganz neu: Er hat den Madrigal-Stil auf Bibel-Sprüche übertragen und vermischte Motetten-Stil und Madrigal-Stil", erläutert die Musikwissenschaftlerin Henrike Rucker.

"Von Schütz zu Bach"

Wie Schütz die Thomaskantoren beeinflusst hat – darüber hat Henrike Rucker die Ausstellung "Von Schütz zu Bach" im Leipziger Bach-Museum gestaltet.

Ein wichtiges Thema dabei: der 30-jährige Krieg. Selbst als der wütet, versuchen die Kantoren auf dem neuesten Stand zu bleiben. Zum Beispiel Tobias Michael mit seiner "Musicalischen Seelenlust".

"Trotzdem ist ihre Musik voller Glaubenszuversicht. Sie entwickelten große Innovationskraft. Gerade Michael schrieb in einem zusätzlichen Notationssystem italienische Verzierungen hinein. Man hat das Gefühl, dass die Komponisten die Sonne Italiens in ihre Musik hinüberpflanzten, um dem Dunkel, das hier geherrscht hat, eine Gegenwelt zu erschaffen", so Rucker.

Einfluss Monteverdis

Heinrich Schütz reist noch ein zweites Mal nach Italien. Da entdeckt er Konzerte Claudio Monteverdis, die ihn wahrscheinlich zu seinen "Symphoniae sacrae" inspirierten: geistliche Konzerte mit teilweise deutschem Text.

Aufgeführt werden sie an großen Höfen, aber auch in Halle, Gera oder Saalfeld. Heute gilt Schütz als der erste deutsche Komponist von Weltrang. Diesen Status konnte er nur erlangen aufgrund seiner Eindrücke aus Italien.

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Zumindest drückt sich die Oboistin und Schalmeiistin Katharina Bäuml darin am liebsten aus. Ein Gespräch mit Grit Schulze über detektivische Arbeit, die Begeisterung am Komponisten Heinrich Schütz und ihr Konzertritual.

MDR KLASSIK Do 07.10.2021 09:30Uhr 10:50 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 27. Juni 2022 | 08:40 Uhr

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