Charles Ives
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Charles Ives Three Places in New England

Charles Ives
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Vitale Entdeckerfreude und unverwechselbare Originalität kennzeichnen die epochalen kompositorischen Leistungen von Charles Ives, dem “Vater der modernen amerikanischen Musik”. Er repräsentiert den rasanten Aufschwung des riesigen Landes ohne gemeinsame ethnische Wurzeln zu Beginn unseres Jahrhunderts und bleibt doch bis in die 30er Jahre hinein von öffentlicher Wirksamkeit fast völlig ausgeschlossen. – Mit den ersten europäischen Einwanderern entfalten sich zwar amerikanische Varianten des volkstümlichen Kirchengesangs und des Tanzes, außerdem entstehen während des Bürgerkriegs patriotische Lieder und Märsche, aber die Erschließung dieser einfachen Musik zur nationalen Identitätsfindung lässt ebenso lange auf sich warten wie der schöpferische Umgang mit afroamerikanischen und auch indianischen Musikkulturen. Konzertmusik und Oper sind bis über die Jahrhundertwende hinweg weitgehend von europäischen Einflüssen bestimmt. Zudem hat die musikalische Avantgarde den Vereinigten Staaten Anlaufschwierigkeiten, weil sie im Gegensatz zu anderen Ländern staatlichen so gut wie nicht gefördert wird. Daraus resultieren letztlich jedoch auch enorm stimulierende geistige Kräfte, die zur produktiven Überbrückung von nahezu unvereinbar erscheinenden Gegensätzen in Leben und Werk von Charles Ives führen.

Als außerordentlich erfolgreicher Businessman gründet er um 1907 eine eigene Versicherungsagentur und gibt 1920 eine Broschüre heraus, die als „Bibel für Versicherungsbeamte“ weite Verbreitung findet. Zugleich nutzt er jede freie Minute zum Komponieren von Werken, die vorerst keiner hören mag. Höchst ungewöhnlich kombiniert er darin heterogene musikalische Strukturen, die von klassischen europäischen Standards bis zur Gebrauchsmusik von einheimischen Militärkapellen und Kirchenorgeln reichen. Zum Schlüsselerlebnis für diese multistilistischen Verquickungen werden ihm hierbei legendäre Klangexperimente seines Vaters, der zum Beispiel mehrere Blasorchester mit ganz unterschiedlichen Stücken auf einem Dorfplatz aufmarschieren lässt, um das Durch- und Gegeneinander mit seinem Sohn vom Kirchturm aus zu verfolgen. Darüber hinaus wendet sich Charles Ives der Geisteshaltung des neuenglischen Transzendentalismus eines Ralph Emerson und Henry Thoreau zu. Daraus leitet er ästhetische Prämissen ab, nach denen die Kunst unmittelbar „der Vielfalt der Natur nachgebildet sein soll und diese Vielfalt erst in einer höheren Einheit jenseits aller konkreten Erscheinungen aufgehoben ist“ (Felix Meyer).

Das Orchester-Set „Three Places in New England“ entstand im Zeitraum zwischen 1903 und 1914. Aber erst 1930 wurde die Komposition als überhaupt erstes größeres Opus des Komponisten in Boston uraufgeführt. Durch den zusammenfassenden Titel, Satzüberschriften und ein kurzes Vorwort gibt Ives seine Vorstellungen während des Schaffensprozesses zu erkennen, die seinen Sinn sowohl für Naturstimmungen als auch für historische Ereignisse hervorheben. Der übergreifende Titel verweist – im Sprachgebrauch der ersten englischen Einwanderer – auf das Gebiet an der Ostküste der USA, vor allem im Befreiungskrieg gegen England eine wichtige Rolle spielte.

Die Überschrift des ersten Satzes bezieht sich auf ein Denkmal von Augustus St. Gaudens, das 1897 zu Ehren von Colonel Robert Gould Shaw (1837-1863) und dem ersten im Bürgerkrieg kämpfenden Farbigen-Regiment der Union Army in einem großen Park von Boston errichtet wurde. Musikalisch heben sich aus der anfangs fast unmerklich wachsenden Ereignisdichte folkloristische Motive heraus, die das Lied „Old Black Joe“ sowie die Weise „The Union Forever“ zitieren. Die Bezeichnung des dritten Satzes ist dem gleichnamigen Gedicht Robert Underwood Johnsons entnommen, das den Fluss „Housatonic“ bei Stockbridge beschreibt (und das später von Ives auch als Lied vertont wurde). Im Begleittext schildert der Komponist außerdem seine wunderbaren Natureindrücke, als er an dieser Stelle des Flusses 1908 mit seiner ihm gerade angetrauten Frau spazieren ging und aus der Ferne Kirchengesang hörte. Als ob er diese unterschiedlichen Impressionen in der feinsinnigen musikalischen Faktur zu einem atmosphärischen Ganzen fügen wolle, schichtet er hier vier rhythmisch-melodische Figuren übereinander und zitiert ein Kirchenlied.

Der dazu scharf kontrastierte Mittelsatz wird in der musikwissenschaftlichen Literatur immer wieder genannt, um die visionäre Kraft des amerikanischen Komponisten zu betonen, weil er mit dieser polystilistischen, das Geräusch emanzipierenden Musik Klangereignisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorauszuahnen scheint. An die erwähnten Experimente aus seiner Kindheit anknüpfend und auch sich selbst zitierend, verwendet er Teile aus „March and Overture 1776“, seiner Komposition für Blaskapelle von 1902/03, sowie aus „The Country Band March“. Zusätzlich benutzt er die Melodie des englischen Liedes „The British Grenadier“, zu der ein Soldat des Generals Israel Putnam einen neuen Text mit dem Titel „Hail Amerika“ schrieb. Dieser im Befreiungskrieg eingesetzte amerikanische General hatte 1778/79 in der Nähe des Städtchens Redding, Conneticut, sein Winterquartier aufgeschlagen, an das inzwischen eine Gedenkstätte gemahnt. Wie Ives in einer kleinen Story zu seiner Musik anmerkt, komme nun ein Junge am Unabhängigkeitstag hierher und habe die Erscheinung einer Frau: „Sie erinnert ihn an ein Bild der Göttin der Freiheit, das er zuhause hat, – aber ihr Gesicht ist sorgenvoll – eindringlich bittet sie die Soldaten, ihre ‚Sache‘ nicht zu vergessen, für die sie so große Opfer gebracht haben. Sie aber marschieren mit Trommeln und Pfeifen nach einer damals populären Melodie aus dem Lager heraus…“.

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 15:03 Uhr