Gabriela Montero

Pianistin Gabriela Montero
Bildrechte: Shelly Mosman

»Wenn ich Musik im Ohr habe««, sagt Gabriela Montero, »fängt mein Gehirn sofort an, um alles herum zu improvisieren, das ist bei mir unvermeidbar. Manchmal wünsche ich mir, ich würde einen Schalter finden, um das auszuschalten …« Die gebürtige Venezolanerin, die in Los Angeles lebt, ist nicht nur eine exzellente Interpretin, die immer wieder »ins Schwarze« trifft (Bayerischer Rundfunk), sondern auch eine begnadete Improvisationskünstlerin: Bei ihren Konzerten fantasiert sie auf Zuruf vor begeistertem Publikum – über bekannte Melodien aus Klassik, Pop und Jazz. Ihre Mentorin Martha Argerich (»Ich bin selten so einem Talent wie Gabriela begegnet.«) hat sie dazu angespornt, diese Fähigkeit nicht verkümmern zu lassen: »Die Improvisation gibt mir die einmalige Chance, mit dem Publikum eine Verbindung herzustellen, und umgekehrt. Sie ist ein so wichtiger Teil von mir, und deshalb auch die spontanste und natürlichste Art und Weise, mich auszudrücken. Von meinem ersten Kontakt mit dem Instrument an habe ich improvisiert, und ich habe diesen Teil meines musikalischen Lebens für viele Jahre für mich behalten. […] Es war Martha, die mich davon überzeugte, dass ich meine Karriere als ernste ›klassische‹ Künstlerin mit dieser Seite von mir verbinden könnte. Was ziemlich einzigartig ist.« Das Improvisieren nennt Montero »Geschichtenerzählen« und betont, dass sie hierbei eigentlich nichts anderes tue als Schumann oder Schubert beim Komponieren: Stimmungen in Klang übersetzen und Emotionen transportieren.

Dass die Ausnahme-Pianistin auch komponiert, steht hierzu in keinem Widerspruch – man denke nur an einen Virtuosen-Komponisten wie Frédéric Chopin, für den Komponieren bedeutete, das zuvor im Improvisationsakt dem Gedächtnis und den Fingern Eingeprägte schriftlich zu fixieren. Joseph Filtsch, der ältere Bruder von Chopins Meisterschüler Karl Filtsch, beschrieb diesen Prozess in einem Brief vom 8. März 1842: »Ich habe letztens Chopin bei George Sand improvisieren hören. Es ist wunderbar, ihm zuzuhören, wenn er auf diese Weise komponiert; seine kompositorische Inspiration realisiert sich so unverzüglich und so vollkommen, dass er einfach ohne Zögern spielt, als ob alles genau so sein sollte.« Ungefähr so muss es auch bei Gabriela Montero sein …

Geboren wurde Gabriela Montero 1970 in Venezuelas Hauptstadt Caracas. Ihre erste Begegnung mit dem Klavier hatte sie im zarten Alter von sieben Monaten: »Da haben mir meine Eltern, angetrieben von meiner Großmutter, ein Zwei-Oktaven-Kinderklavier in mein Bett gelegt. Meine Mutter sang mich jeden Abend in den Schlaf, und ich begann, diese Melodien zu spielen und zu improvisieren. Da merkten meine Eltern, dass ich kein normales Kind war. Mit zwei Jahren spielte ich alle diese kleinen Stücke, und meine Mutter machte über 200 Aufnahmen. An meinem dritten Geburtstag bekam ich mein erstes richtiges Klavier. Mit vier bekam ich meinen ersten Unterricht, mit fünf gab ich mein erstes Rezital, mit acht mein Orchesterdebüt mit Haydns D-Dur-Konzert [José Antonio Abreu leitete das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar]. Ich bin mit diesen Genen geboren und bin dafür sehr dankbar.«

1978 siedelte die Familie in die USA über, wo Gabriela Montero dank eines staatlichen Stipendiums studieren konnte und bald auch zahlreiche Wettbewerbe gewann. Nach ihrer Ausbildung bei Lyl Tiempo und Andrzej Esterhazy ging sie zu Hamish Milne an die Royal Academy of Music nach London, wo sie 1994 ihren Abschluss machte. Erste internationale Aufmerksamkeit errang die Musikerin, als sie 1995 beim Chopin-Wettbewerb in Warschau die Bronze-Medaille gewann. Seitdem gibt sie weltweit Konzerte mit renommierten Orchestern wie dem New York Philharmonic Orchestra, dem Philharmonia Orchestra, dem Rotterdam Philharmonic Orchestra und dem UBS Verbier Chamber Orchestra unter Dirigenten wie Lorin Maazel, Antonio Pappano, Gustavo Dudamel, James Judd, José Serebrier, Stanisław Skrowaczewski und Tamás Vásáry. Als Gabriela Montero mit Ex Patria ihre erste große Komposition für Klavier und Orchester vorlegte – ein einsätziges Klavierkonzert, das sie im Gedenken an ihre Heimat Venezuela geschrieben hat –, war die Resonanz groß, was allerdings nicht ausschließlich musikalische Ursachen hatte: »Es ist nicht weiter verwunderlich, dass ich als im Ausland lebende Venezolanerin mit meiner Musik die Sehnsucht nach der Schönheit meines Geburtslandes ausdrücken möchte. Mein Debüt als Komponistin reicht jedoch über private Nostalgie hinaus; es ist ein öffentlicher Aufschrei. Ex Patria ist eine emotionale Antwort auf die Tatsache, dass sich Venezuela aufgegeben hat und in Gesetzlosigkeit, Korruption und Chaos versinkt – mit einer Mordrate, die zu der höchsten der Welt zählt. […] Meine Werk ist nicht politisch. Ich bin keine Politikerin. Das Stück spiegelt die Geschichte meines Heimatlandes und zeigt mein Bedauern darüber.« Nach der Premiere im Jahr 2011 in Nürnberg bekam Gabriela Montero ersten Drohungen, der zahlreiche weitere folgten: »Ich wollte mit dieser Komposition den moralischen Verfall meines Landes anprangern und habe es den 19.336 Toten gewidmet, die allein 2011 unter dieser Diktatur starben – und im Jahr 2013 waren es sogar 25.000 Tote!« Und weiter: »Ich rede nicht über Politik, sondern von einer humanitären Katastrophe. Kürzlich bin ich zur Ersten Honorarkonsulin von Amnesty International ernannt worden. Diese Aufgabe nehme ich sehr ernst.«

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 10:23 Uhr