Wolfgang Amadeus Mozart
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Wolfgang Amadeus Mozart Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur KV 299

Wolfgang Amadeus Mozart
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Daß ihr Sohn sich von einem Orte entfernet, welches für sein Genie zu enge war, ist wohl sehr gut geschehen. Ich bin versichert, er werde überall anständiger aufgenommen werden, auch wird es ihm zur vollendlichen Bildung und Erlangung der nöthigen Weltkenntnis dienen, wenn er sich ein wenig in der Welt umsieht. Ich traue den ihm von seinen rechtschaffenen Eltern von Jugend an eingepflanzten guten Grundsätzen zu, dass er sich nicht leicht in üble Gesellschaften verfangen wird...

Brief Franz von Heufeld an Leopold Mozart

Zwei Jahre hatte Mozart Salzburg nicht verlassen. Die täglichen Spannungen im höfischen Dienst bei Erzbischof Colloredo, dem er als Konzertmeister und Hofcompositeur verpflichtet war, hatten zur inneren Verbitterung geführt. Im Stillen wünschte sich der in der Kunst Umschwärmte, am Hofe als geigender und komponierende »Lacay« Gedemütigte eine unabhängige, freiheitliche Existenz, unendlich Zeit zur Tonsetzkunst.

Wachsende künstlerische Reife in Komposition und Instrumentalspiel drängten geradezu nach freiheitlicher Existenzform, nach Loslösung von Hof und Elternhaus, von feudaler Reglementierung und väterlicher Aufsicht. Dies schien völlig unzeitgemäß und unerreichbar: ein Künstlerleben ohne soziale Bindung an einen feudalen Brotgeber. Und doch wollte er, in realer Einschätzung seines Talent, von Charakter und belastbarer Physis, diesen sozialen Zustand erzwingen.

Heimlicher Plan: Paris-Reise

Etwa ab Sommer 1777 betrieb Mozart zielstrebig seine Loslösung von Salzburg. Eine Kunstreise nach Paris, jener Stadt, die ihn einst als »miracle«, als »seltenes Phänomen« und »Wunderkind« gefeiert, stand auf dem (heimlichen) Plan. Materielle Unabhängigkeit sollte sie bringen, um den ungeliebten Hofdienst quittieren und ohne tägliche Erniedrigung sich dem musikalischen Schöpfertum widmen zu können.

Vater Leopold, der kühl kalkulierende Pragmatiker, sehr besorgt um Wolfgangs Zukunft, die er – hierin erstaunlich kurzsichtig - an seiner Seite in Salzburg sah, setzte den hochfliegenden, riskanten Plänen seines Sohnes erbitterten Widerstand entgegen. Eine Fahrt nach Paris, ohne Einladung ins Blaue hinein, war für den welterfahrenen Mann von vornherein zum Scheitern verurteilt. Die sichere, wenn auch nach seinem Gusto künstlerisch unergiebige, das Genie Wolfgangs mehr behindernde als fördernde Stelle am Hofe plötzlich aufzugeben, hielt er schlicht für unangebracht, unangemessen und verfrüht.

Fristlose Kündigung am Hofe

Colloredo indes bewegten andere Gründe, seinen begnadeten Domestiken zurückzuhalten: Der Potentat fürchtete um seinen guten Ruf und liebte es nicht, wenn sein Kunstgesinde »so ins Betteln herumreise«. Wolfgangs Gesuch um Beurlaubung auf mehrere Monate, geschrieben in aufsässiger Diktion, wurde zurückgewiesen. Die fristlose Kündigung für ihn und den unschuldigen Vater (Leopold, Vizekapellmeister, wurde bald wieder eingestellt) folgte auf dem Fuße. Sie hätten die »Erlaubnüß«, ließ der Erzbischof lakonisch mitteilen, »ihr Glück weiter zu suchen«. Familie Mozarts soziale Existenz stand auf dem Spiel.

Moralische Wegzehrung

Unter solchen schlimmen Vorzeichen und Turbulenzen trat der verlorene Sohn dann die ominöse Paris-Reise an. Zum ersten Male musste er ohne den lebenstüchtigen Vater unterwegs sein, in Begleitung der mehr als Last empfundenen kränklichen Mutter (die dann auch in Paris starb). »In Paris spielt die Musik«, hatte ihm dann noch der welterfahrene Leopold, der, um Wolfgang Amadé standesgemäß auszustatten, einen Kredit aufnahm, Geld borgte, Kopf und Kragen riskierte, resigniert eingeschärft und submisseste Verhaltensnormen, den Kratzfuß vor den hohen Herrn wie kritiklose Gefolgschaft als moralische Wegzehrung mitgegeben. In Paris würden die Kunstkarten immer wieder neu gemischt, die Gewichte verteilt, der Weltruhm besiegelt, die Finanzen geordnet.

Widerworte und grimmige Miene

Doch hier, in der mit Wien konkurrierenden Kulturhauptstadt Europas, scheiterte der Aufsässige grandios. Es gelang ihm nicht, in Paris auch nur annähernd Fuß zu fassen oder eine lukrative Stellung zu erhalten. Der 21-Jährige kam mit dem feudalen, auf Huld, Gnade und Gunst ausgerichteten, veralteten Protektionswesen im Musikleben nicht zurecht. Er schien im Kontakt mit einflussreichen Personen wenig charmant und vergab sich alle Chancen durch latenten Widerstand, maulende Widerworte und unverhüllt zur Schau gestellte grimmige Mienen. »Gewinnen werde ich nichts hier«, war sein frühes Resümee.

Konzert für Flöte und Harfe

Mittellos verbrachte der stets Hungrige trübe Tage in ungeheizter Kammer ohne Klavier, der erhoffte Geldsegen blieb aus, was seine Schaffenskraft lähmte. Nur wenige Kompositionen, darunter die sogenannte Pariser Sinfonie (KV 297), entstanden in den sechs Monaten überflüssigen Aufenthalt, ferner ein Konzert für Flöte und Harfe (KV 299). Letzteres kam nur deshalb in die Welt, weil ihm eines Tages, während eine der vielen, in kalten Vorzimmern verbrachten Wartestunden, ein flötespielender Comte von Guines nebst harfeschlagender Tochter über den Weg lief, der bei ihm, dem kleinen, kindlich wirkenden Instrumentaldomesticen, ein Liebhaberstück in Auftrag gab.

Komposition nicht honoriert

Doch der Graf betrog ihn, um das vereinbarte Honorar sowieso, aber auch um die erbetene Fürsprache am Königshofe. Anfangs schien der stets leicht entflammbare, sein Vertrauen sofort übermäßig verschenkende Mozart begeistert vom scheinbaren Gönner – er »spielle unvergleichlich die flöte«, seine Tochter, der er auch sogleich Kompositionsstunden gab, »magnifique die Harpfe« ließ er wissen-, doch revidierte er sich später: sie sei »von herzen dumm, und dann von herzen faul«. Dieses Urteil fiel, als sich der Comte aus dem Staube gemacht, aufs Land flüchtete und Stück wie Lektionen unhonoriert ließ.

In einem Brief an den Vater im fernen Salzburg raste er sich aus:

Der Mr: Le Duc hatte also keine Ehre im leib... was mir den größten verdruß hier macht, ist, dass die dummen franzosen glauben ich seye noch sieben jahr alt weil sie mich in diesem alter gesehen haben.

Wolfgang Amadeus Mozart: Brief an den Vater

Der zierliche Mozart wusste sich figürlich Respekt nicht zu verschaffen; einzig, wenn er virtuos die Tasten schlug und fantasierte, unterbrach man kurz die Konversation oder legte Stickrahmen wie Gabel beiseite.

Galantes Stück

Sein weitsichtiger Vater hatte ihm empfohlen, »für Liebhaber leicht« zu schreiben und »popular«, um zu gefallen, damit sich Paläste öffneten. Wenigstens im Doppelkonzert hielt er sich (wenn auch, was die gesellschaftliche Wirkung angeht, vergebens) an die väterlichen Ratschläge. Das in Art einer Sinfonia concertante komponierte galante Stück beginnt einer französischen Ouvertüre ähnlich; mit gravitätischer Würde schreitet das erste Thema feierlich voran, bevor die ungleich dialogisierenden Soloinstrumente – die ausgedehnt melodiös schwelgende Flöte erhält den stärkeren Part, während die zumeist »begleitende« Harfe kurzwertige Figurationen verantwortet – das abwechslungsreich-farbige, von verschwenderischen Bläserpiecen eindrücklich befestigte, mit einer beredten wirkungsvollen Kadenz gekrönte Geschehen bestimmen.

Das Andantino verheißt paradiesische Zustände einer überirdisch-romantischen Stimmungskunst. Der empfindsam-seelenvolle Gesang der vorangehenden Flöte in etwas behaglicher Emphase dominiert den Satz innenekstatischer, orgiastischer Lyrik, während im Rondeau ein aufgeheiterter Gavottenrhythmus springlebendige Tanzkünste im höfischen Festgetriebe suggeriert.

Das Werk im MDR-Konzert

Zeitgenössische Darstellung von Joseph Haydn.
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Konzertsaison 2018/2019 - Gastkonzerte

Haydn | Mozart

Sa, 25.05.2019 15:00 Uhr

Bad Lauchstädt, Kursaal

Konzert

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 12:33 Uhr