Maurice Ravel Valses nobles et sentimentales

Maurice Ravel
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Obgleich Maurice Ravel bereits als junger Mann große Affinität für Musik zeigte, waren seine ausgiebigen Studien am Pariser Conservatoire nicht gerade von Erfolg gekrönt: Nach zwei Jahren in einer Vorbereitungsklasse erhielt er ab 1891 Klavierunterricht bei Charles-Wilfrid de Bériot. Die rein auf konzertpianistische Fähigkeiten ausgerichtete Ausbildung lag dem jungen Ravel jedoch nicht, er sah den Klaviersatz eher als Grundlage einer sinnvollen Orchestrierung beim Komponieren an. Da es im Harmonielehre-Unterricht überdies zu Spannungen mit den konservativen Lehrern kam, verließ Ravel das Conservatoire 1895, ohne einen Preis gewonnen zu haben.

Einen zweiten Versuch unternahm er 1898, indem er dem Conservatoire nun als Kompositionsstudent von André Gédalge und Gabriel Fauré beitrat. Doch auch hierbei überwogen die Enttäuschungen: Ravels Kompositionen wurden vom Pariser Publikum abgelehnt, 1900 verlor er den Status als ordentlicher Student, weil er im Fugenwettbewerb ohne Preis geblieben war, schließlich scheiterten zwischen 1900 und 1905 fünf Bewerbungen des jungen Komponisten um den Rom-Preis. Entmutigen ließ sich Ravel durch all diese Misserfolge nicht. Im Gegenteil stärkten sie ihn in seiner nonkonformistischen, akademischen Institutionen eher misstrauisch gegenüberstehenden Haltung, die wenig Wert auf das Urteil der Umwelt legte. Wesentliche Anregungen erhielt Ravel außerhalb des Conservatoires, etwa durch Begegnungen mit Eric Satie sowie die Treffen des Freundeskreises »Les Apaches«, dem u. a. Manuel de Falla und Florent Schmitt angehörten. Ravels Kompositionen dieser frühen Schaffensphase weisen einen selbstbewussten, vollkommen eigenständigen Stil auf.

Im Jahre 1911 komponierte Ravel ein Klavierwerk, das den leicht retrospektiven Titel Valses nobles et sentimentales trägt. Damit stellt er sich zunächst in die große Tradition von Walzerkompositionen, die von Franz Schubert und Carl Maria von Weber über Frédéric Chopin, Franz Liszt und Johannes Brahms bis hin zu Johann Strauß und Franz Lehár führt. Ravel fügt in seiner Komposition acht recht unterschiedlich geartete Walzer zu einer zyklischen Form zusammen. Aber Ravel wäre nicht Ravel, wenn er dieses traditionelle Muster im 3/4-Takt nicht mit neuen Inhalten füllen würde. Das Neue spielt sich in diesem Werk vor allem in den Harmonien ab, die alles andere als walzerselig, sondern von großer Mannigfaltigkeit und Kühnheit bestimmt sind.

Gleich der Beginn des Werkes lässt gewaltig aufhorchen: In den ersten Takten präsentiert Ravel regelrechte Dissonanzen im vollem Klang, die sich zwar etwas später auflösen, aber hinsichtlich ihrer Schärfe und Betonung die ansonsten noch bestehende Tonalität ernsthaft erschüttern. Der zweite Walzer (»mit intensivem Ausdruck«) gibt nach den machtvollen ersten Klängen eine gewisse Entspannung, im kecken dritten Walzer nutzt Ravel den Effekt rhythmischer Verschiebung. Elegante Figuren kommen im Walzer Nr. 4 hinzu, bevor der fünfte Abschnitt »mit verinnerlichtem Sentiment« aufscheint. Das Tempo wird dabei wiederum gedrosselt und erinnert eher an einen Ländler als an einen schnellen Walzer. Die Nr. 6 erklingt wieder etwas burlesker und betont die Eigenwilligkeit der Bassstimme. Eine Sonderstellung nimmt der Walzer Nr. 7 ein: Er beginnt mit einer ruhigen, langsamen Einleitung und steigert sich dann in Tempo und Lautstärke zu einer brillanten Tanzfolge; zuweilen glaubt man hier bereits die Klänge von La Valse zu vernehmen. Der letzte Walzer schließlich ist als »Épilogue« überschrieben und lässt den Zyklus nachdenklich und still ausklingen.

Bereits ein Jahr nach der Vollendung der Valses nobles et sentimentales fertigte Ravel eine Orchesterfassung des Werkes an, die bis heute wesentlich populärer als ihr pianistisches Original ist. Bei der Erstaufführung der Orchesterversion im April 1912 unter Ravels Leitung trug das Stück den Namen »Die Sprache der Blumen« und wurde mit einer Choreographie der Tänzerin Natalia Trouhanova begleitet.

Das Werk im MDR-Konzert

Christian Zacharias (Dirigent und Pianist)
Bildrechte: OCL und Nicole Chuard

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 12:29 Uhr