Dmitri Schostakowitsch
Dmitri Schostakowitsch (1906 - 1975) Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47

Dmitri Schostakowitsch
Dmitri Schostakowitsch (1906 - 1975) Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Er war der bedeutendste russische Komponist des 20. Jahrhunderts und der größte Sinfoniker seit Gustav Mahler. Sein umfangreiches Gesamtwerk, das alle Gattungen umfasst, bietet bis heute schier unerschöpfliche Wege zu Annäherung und Durchdringung. Seine künstlerische Laufbahn begann verheißungsvoll. Bereits die 1. Sinfonie machte den 19-jährigen Schostakowitsch weltbekannt, seine Oper Die Nase nach Gogol sorgte für große Aufmerksamkeit und Diskussionen. Er war bereits ein Prominenter, als der raue Wind des politischen Wandels Ende der zwanziger Jahre einsetzte. Niemand wird ermessen können, was Dmitri Schostakowitsch am Abend des 21. November 1937 empfand. Jewgeni Mrawinski dirigierte in einem Konzert der Leningrader Philharmoniker die Uraufführung der 5. Sinfonie – angesichts der innerpolitischen Situation wie der persönlichen Lebensumstände des Komponisten keine Selbstverständlichkeit. Der unleugbare Erfolg des neuen Werkes war nicht »kulturpolitisch gemacht«. Schostakowitschs Musik erreichte die Zuhörer, sie waren berührt. Der Cellist Mstislaw Rostropowitsch berichtete: »Das Publikum applaudierte eine Stunde lang. Die Menschen waren aufgewühlt und liefen bis zum frühen Morgen durch die Straßen Leningrads, fielen sich in die Arme und gratulierten einander, dass sie diesem Ereignis hatten beiwohnen dürfen. Sie hatten die Botschaft verstanden, die den ›unteren Boden‹ der Sinfonie ausmacht: Es ist die Botschaft von Leid, Schmerz und Einsamkeit.« Isaak Glikman, langjähriger Freund Schostakowitschs, bezeugte die uneingeschränkte Begeisterung und Ergriffenheit der Konzertbesucher: »Ich war erschüttert, während des Largos viele, sehr viele Menschen weinen zu sehen«. Im Saal befand sich auch der musikalisch begabte Philologe Wladimir Schischmarjow, der sich erinnerte (so Glikman), nur einmal einen vergleichbaren Triumph erlebt zu haben – bei der von Tschaikowski selbst dirigierten Uraufführung seiner Pathètique.

Schostakowitsch hatte am 18. April 1937 mit der Niederschrift der 5. Sinfonie begonnen, am 20. Juli beendete er die Partitur. Das Ausmaß staatspolitischer Machtperversion gegen das eigene Volk, ja gegen »Idealisten« und unbeirrbare Verteidiger der kommunistische Idee – schon seit Anfang der 30er Jahre verstärkt im Gange – nahm gerade jetzt neue, ungekannte Dimensionen an. Der Einzelne, ob anonym lebend oder im Rampenlicht, war gefährdet, erlebte Verlust der Freunde und Familienangehörigen unmittelbar. Nachdem am 1. Dezember 1934 der Leningrader Parteichef Kirow ermordet worden war, setzte eine massive »Säuberungswelle« ein; allein in Leningrad wurden in den ersten Monaten 30.000 bis 40.000 Menschen verhaftet. Im August 1936 und Anfang 1937 kam es zu großen Schauprozessen und im Mai zur Ablösung der Militärspitze. Der stellvertretende Volkskommissar für Kriegswesen Michail Tuchatschewski – geboren 1893, seit 1935 Marschall der Sowjetunion – gehörte zu den Angeklagten. Schostakowitsch schätzte das »außerordentlich gewinnende Wesen«, die »bestechende demokratische Gesinnung, Aufmerksamkeit und Feinfühligkeit« des Freundes. Nach seiner Hinrichtung traf ihn das allgemeine gegenwärtige Grauen ganz unmittelbar: »Plötzlich kam der furchtbare Tag, an dem ich in den Zeitungen von der Gewalt an Michail Nikolajewitsch las. Mir wurde schwarz vor Augen. Vor Kummer und Verzweiflung empfand ich fast physischen Schmerz. Das Gefühl war so, als ob die Kugel, die ihn ereilt hatte, mir ins Herz gedrungen wäre.«

Die öffentlichen Angriffe, deren sich der Komponist seit einiger Zeit erwehrte, erschienen harmloser, da an seiner Musik entzündet. Lebte er darum ungefährlicher? Seit dem Erfolg der Leningrader Uraufführung seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk Anfang 1934 stieg das Ansehen des Komponisten schnell und über die Landesgrenzen hinaus. Noch wehrte er sich gegen verordnete Kulturdoktrin vehement; Ende 1934 notierte er: »Wir haben grundsätzlich die Tendenzen überwunden, die während der RAPM-Periode vorherrschend waren, in unsere Konzertprogramme nichts aufzunehmen, das nach ›westlicher Gegenwartsmusik‹ riecht. Trotzdem findet sich in unseren Konzerten immer noch sehr wenig westliche Musik. Dabei könnten wir von westlichen Meistern der Gegenwartsmusik wie Schönberg, Krenek, Hindemith und Alban Berg lernen.« Auch gegen erste kritische Stimmen an der Lady hatte er sich zunächst selbstbewusst behauptet; noch 1935 betonte er: »Ich war seinerzeit heftigen Angriffen von Seiten der Kritik ausgesetzt, hauptsächlich wegen des angeblichen Formalismus. Die Vorwürfe nahm ich in keiner Weise an und nehme ich nicht an. Ich war nie ein Formalist und werde nie einer sein.« Als nach dem Prawda-Artikel »Chaos statt Musik« Ende Januar 1936, ausgelöst durch Stalins Missfallen nach einem Aufführungsbesuch der Lady, die öffentliche Kritik zur Kampagne ausartete, schwanden seine Chancen zu öffentlicher Gegenwehr. Als die Uraufführung der im Mai 1936 beendeten Vierten Sinfonie noch während des Probenprozesses ob des Vorwurfs verschärften Formalismus’ durch höchste Kulturfunktionäre abgesetzt wurde, nötigte man Schostakowitsch, von sich aus einen Aufführungs-Verzicht zu deklarieren – lange Zeit kursierte die erst 1961, Jahre nach Stalins Tod, uraufgeführte Sinfonie als vom Komponisten zurückgezogenes Werk.

War bei der 5. Sinfonie nun alles anders? Beugte sich der ungehorsame Sohn reumütig der Kulturdoktrin von Vater Staat und dessen Diktator? Schostakowitsch erläuterte in der Moskauer Abendzeitung Ende Januar 1938 zwar seine »schöpferische Antwort« auf die Prawda-Kritik. Wer zwischen den Zeilen und Noten zu lesen verstand, vernahm die keineswegs Stalin getreuen Ansätze: »Wenn es mir wirklich gelang, in meine Musik all das hineinzulegen, was ich nach den kritischen Artikeln in der ›Prawda‹ durchdacht und empfunden habe, kann ich zufrieden sein.« Schostakowitsch gab – das Wichtigste wohl überhaupt – seine eigene Sprache, seine »Stimme« nicht preis. Dass er die 5. Sinfonie »nach dem Vorbild der klassischen sinfonischen Musik in viersätziger Form geschrieben « hatte, bedeutete keinen »Rückzug«. Was er über das Thema der Sinfonie, »das Werden der Persönlichkeit« schrieb, ließ verschiedene Lesarten zu: »Gerade den Menschen mit seinem ganzen Erleben sehe ich im Mittelpunkt der Idee des Werkes, das seinem Charakter nach vom Anfang bis zum Schluss lyrisch ist.« Die nachdenklich-lyrischen Töne nach kraftvollem Beginn konnte man als zu gewagt, zu düster interpretieren, was einige Musiker der Uraufführung eine neuerliche Gefährdung des Komponisten befürchten ließ. Bissige Heiterkeit, ein Aufbegehren in Tönen verbarg sich eher im nun an zweiter Stelle platzierten Scherzo und seinen Parallelen zu den Mahler-Anklängen der darob kritisierten Vierten Sinfonie. Mag das aus tiefster Seele sprechende Largo wie ein »genussvolles Zelebrieren von Innerlichkeit« (Bernd Feuchtner) erscheinen, in dieser Dimension erschöpft es sich nicht. Umso ernüchternder wirken die kämpferische Attitüde und der unerbittliche Rhythmus des vierten Satzes – doch Schostakowitsch fand nicht zu einem optimistischen Jubelfinale für ein unbeschadet fröhliches Sowjetvolk. Bei allen Marsch-Anklängen – Nachdenklichkeit und Schmerz wollen aus dem Schluss nicht weichen. Ein Musterbeispiel des »antiformalistischen«, »sozialistischen Realismus«?

Das Werk im MDR-Konzert

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 17:04 Uhr