Das undatierte Archivbild zeigt den 1896 gestorbenen Komponisten Anton Bruckner.
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Anton Bruckner Sinfonie Nr. 8 c-Moll WAB 108 (Fassung von 1887)

Das undatierte Archivbild zeigt den 1896 gestorbenen Komponisten Anton Bruckner.
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Mit Anton Bruckner ist vielleicht zum letzten Mal Gesang in die österreichische Sinfonie gekommen. Denn Gustav Mahler, welcher bei ihm Vorlesungen hörte und ihm sehr zugeneigt war, schöpft zwar auch noch aus dem Fundus der Volksmusik und besitzt in den langsamen Sätzen durchaus den langen melodischen Atem, ist aber schon von ganz anderem Wesen: urban, nervös; vor allem: weniger gläubig, weniger naiv, skeptisch, belesen.

Von Wagner gelernt

Bruckner hat sehr wohl von Wagner gelernt, doch eine überhitzte Partitur gibt es bei ihm nicht. Stattdessen erscheint – paradox – tätige Beweglichkeit und zugleich schwingende Ruhe; eine Ausstrahlungskraft geistiger Art.

So wechselreich Bruckners neun (oder gar elf?) Sinfonien sind, so tief sind sie. Die Bedachtsamkeit, mit der er komponiert, kommt in der Bedächtigkeit vieler seiner Sätze zum Ausdruck. Man findet aber auch viel Kraft und Wärme und eine Freude am Tätigsein. Bruckner beschenkt die Hörer mit einem breiten Gesang, der riesige Tonräume ausfüllt und gibt ihm damit etwas, was Beethoven weniger mitgegeben hat, was in dessen willensgeladenen Motiven fast schon verloren gegangen schien. Dieser Gesang ruht auf harmonischen Pfeilern, deren Sekundgänge den Eindruck räumlicher Tiefe und Perspektive hervorrufen, wie er vor Bruckner so nicht bekannt war.

Adagio ganz besonderer Art

Die musikgeschichtliche Tat dieses Meisters war, den Gewinn des Wagnerstils – die »unendliche Melodie«, die »sprechende« Musik – vom Musikdrama und von den zuweilen sehr äußerlichen Programmen der sogenannten Neudeutschen Schule losgelöst zu haben. So bezieht sich Bruckner, der Erbe Schuberts und die Klärung Wagners, sowohl auf Bach als auch auf Beethoven: Bei ihm verbindet sich, kurz gesagt, die Objektivität des Bachschen Themas mit der Subjektivität der Beethovenschen Strategie und Organisation. Sein Lieblingstempo ist ein Adagio ganz besonderer Art. Es scheint, als ob es der messbaren Zeit entrückt sei. Selbst die schnellen Sonatenhauptsätze bauen meist auf Gedanken auf, denen eigentlich einzig jenes langsame Zeitmaß angemessen ist.

Großer Orgelspieler

Wenn Bruckners Orchester mit dem Wagners äußerlich auch übereinstimmt, so wird mit ihm doch ganz anders verfahren. Bruckner hat zwar relativ wenig für die Orgel geschrieben, war aber einer der größten Orgelspieler seiner Zeit. Er »registriert« denn auch auf dem großen Orchesterapparat. Die Instrumente treten also in chorischen Gruppen an, werden wieder geschieden und jeweils nur für ihre spezifischen Aufgaben herangezogen. Selten geht ein Thema, wie später bei Mahler oder Schönberg, von einem Thema zum anderen und noch seltener werden ihre Klangfarben gemischt.

Man hat freilich Bruckner zu seinen Lebzeiten und auch später allerlei Schwächen zum Vorwurf gemacht: eine schwerfällige Diktion, Längen und dann wieder Sprünge und Risse mindestens in den Außensätzen der Sinfonien, Formlosigkeit. Wahrscheinlich lässt sich das meiste widerlegen oder wenigstens auf die Finalsätze beschränken: Diese scheinen Lücken zu besitzen, scheinen uferlos und gar formlos dahinzufluten. Nun ist jedoch der Abschluss der Sinfonie seit Beethoven überhaupt zum Problem geworden: Soll er noch der alte fröhliche Kehraus sein oder aber von ernstem Charakter? Soll er, wenn vielleicht alles schon gesagt ist, bloß wiederholen und zusammenfassen oder soll er Neues und ebenso Gewichtiges bringen wie der Anfang, ohne zu vergessen, dass er wirklich schließen soll?

Finale soll Sinfonie krönen

Viele Schlusssätze in den Sinfonien des 19. Jahrhunderts schwanken, zeigen sich unentschieden. Die meisten sind auf jeden Fall von lockerer Art als die vorangehenden Sätze; sind auf Sprung und Flug bedacht, mit durchaus aufeinander prallenden Gegensätzen und nicht nachlassender Phantasie in der Durchführung, welche den Hauptgedanken für den endlichen Sieg vorbereitet. Das Finale soll die Zuhörer, wenn nicht lärmend und fröhlich, so doch aufgelockert in den Alltag entlassen.

Das ist bei Bruckner anders. Wohl geht auch er am Schluss freier mit den Mitteln um, und sind die Gegensätze von Feierlichkeit, Kraft und Leiden auch schroff: Sein Finale soll die Sinfonie krönen; soll nicht bloß jubeln oder gar zerstreuen. Krönung aber ist hier bloße Extension, Ausdehnung, Ausweitung, Steigerung, allerdings: mit Blick zurück aufs Adagio. Dieses ist der Kern der Sinfonie. Das Adagio ist der Ort, in welchem Bruckner der Vision einer metaphysischen Ordnung am nächsten kommt.

Volksgesänge bruchlos in die Sinfonien eingefügt

Niemand braucht selbstverständlich Bruckners Glauben zu teilen, um das tief Menschliche zu fühlen, das seine Musik durchströmt. Trotz der Volksverbundenheit, die sich am reinsten in seinen Scherzi mitteilt, war dieser Sohn eines Schulmeisters, der Zögling des Stifts St. Florian, in klerikalen Anschauungen befangen, die eine damals schon nicht mehr volksverbundene Klasse ihm anerzogen hat. Damit hängt gewiss eine gewisse Einseitigkeit seines Schaffens zusammen, und daran kranken gewiss auch manche Einzelzüge. Umso erstaunlicher, dass dieses Genie es verstanden hat, Choräle, Tänze und österreichische Volksgesänge bruchlos seinen sinfonischen Kolossalgebäuden einzuverleiben. Es sind Werke, die immer noch einsam aufragen, mag uns heute auch die vielfach gebrochene und mutig in andere Ausdrucksbereiche vorstoßende Musik des interessanteren und moderneren Mahler näher stehen...

"unnatürlich und verderblich"

August Halm, einer der großen Musiktheoretiker des 20. Jahrhunderts, schrieb einmal: »Will man wissen, was feindliches Verkennen heißt und was es an Schaden anrichten kann, so muss man das Geschick Bruckners, nicht das Beethovens, betrachten.« Nun, die Uraufführung der Achten Sinfonie c-Moll am 18. Dezember 1892 in Wien unter Leitung Hans Richters hatte einiges in der Einstellung zu Bruckner verändert: Sie wurde ein Erfolg; selbst die gegnerischen Stimmen waren in ihrer Ablehnung des Werkes weniger gehässig, eher maßvoll. Jedenfalls gab es jetzt nicht – wie noch nach der Uraufführung der Siebenten Sinfonie E-Dur (am 30. Dezember 1884 in Leipzig unter Arthur Nikisch) – Urteile wie »Bruckner componirt wie ein Betrunkener« oder Bekenntnisse wie das Eduard Hanslicks, den Bruckners Sinfonie »antipathisch« berührte, der sie »unnatürlich aufgeblasen, krankhaft und verderblich« fand.

Bruckner war im Jahr der Uraufführung der Achten Sinfonie immerhin schon 68 Jahre alt, er hatte das Werk aber bereits zwischen 1884 und 1886 komponiert. Es fand sich nicht gleich ein geeigneter Dirigent: Hermann Levi, welcher der Siebenten Sinfonie 1885 in München zum Sieg verholfen hatte, verstand die Achte nicht, und der junge Felix Weingartner wurde noch während seiner Beschäftigung mit dem Werke nach Berlin berufen. Indessen nahm der ebenso kritische wie unsichere – oder eigentlich: unsicher gemachte – Bruckner 1889/90 eine ziemlich einschneidende Umarbeitung vor, was, mehr als bei den anderen Sinfonien, für die gewissenhaften Interpreten unserer gelehrten Gegenwart mancherlei Probleme mit sich brachte.

Instrumentation geglättet

Wir wissen, dass die Achte Sinfonie jahrzehntelang in einer Gestalt aufgeführt worden ist, die weder mit dem Manuskript der 1. Fassung noch mit dem der 2. Fassung übereinstimmt. Wohlmeinende und zugleich zelotische Freunde, die unter des Meisters Verkennung mehr litten als er selbst, passten die Sinfonien dem damaligen Zeitgeschmack an; vor allem glätteten sie die Instrumentation, führten Tempomodifikationen ein, nahmen Kürzungen vor (alles nur zum Teil mit Zustimmung Bruckners), kurz: Sie taten Dinge, die heute einfach nicht mehr zu verantworten sind. Freilich gab es für die meisten zu Bruckners Lebzeiten eine Schranke: Was sich später als Vorwegnahme heutiger Tendenzen herausstellte, hielten sie für Ungeschicklichkeit, unzeitgemäße Verschrobenheit. Indes komponierte Bruckner bereits in Kategorien, die erst im 20. Jahrhundert ins Blickfeld vieler Komponisten gerieten.

So kam vor über einem halben Jahrhundert die Idee auf, Bruckners ursprüngliche Intentionen wiederherzustellen und seine Werke in der so genannten »Originalfassung« aufzuführen. Man kann sich heute Bruckner auch gar nicht anders vorstellen, nur ist gerade im Falle der Achten Sinfonie nicht ganz sicher, was als »Originalfassung« zu betrachten ist.

Beide originale Fassungen

Robert Haas, der verdienstvolle Leiter der Musiksammlung der österreichischen Nationalbibliothek, stellte die originale Zweitfassung wieder her, übernahm aber einige Stellen aus der 1. Fassung, die Bruckner unter dem Einfluss seiner »Ratgeber« gestrichen hatte. Musikalisch gesehen hat diese Edition vieles für sich. Streng philologischen Argumenten hält sie allerdings nicht stand: Es ist anfechtbar, zwei verschiedene Fassungen zu vermischen. Leopold Nowak legte deshalb in der neuen Kritischen Gesamtausgabe der Werke Bruckners beide originale Fassungen getrennt vor.

Es gibt (teils aus Briefen, teils aus Gesprächen bekannt geworden) sonderbare Äußerungen Bruckners über seine Achte Sinfonie. Über die Entstehung des ergreifenden Adagio-Themas sagte er: »Da hab ich einem Mädel zu tief in die Augen geschaut.« Das Motiv des Scherzo nannte er den »Deutschen Michel«. Im Trio »will der Kerl schlafen, und träumerisch findet er sein Liedchen nicht; endlich kehrt er selbst um«. Und zum Finale: »Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Czaren in Olmütz; daher Streicher: Ritt der Kosaken; Blech: Militärmusik; Trompeten: Fanfaren, wie sich die Majestäten begegnen. Schließlich alle Themen wie Tannhäuser zum 2. Akt der König kommend, so als der deutsche Michel von seiner Reise kommt, ist alles schon im Glanze. Im Finale ist auch der Totenmarsch und dann (Blech) Verklärung.«

Tiefer Abgrund

Nicht der unbeholfene Ausdruck dieser Sätze steht zur Debatte, sondern das Läppische solcher »Erklärungen«. Wollte Bruckner nachträglich etwas Programmähnliches liefern, um auch »auf der Höhe der Zeit« zu sein? Oder spielten die genannten Erfahrungen bzw. Vorstellungen tatsächlich eine Rolle im Entstehungsprozess des Werkes? Wir können hier nicht auf Deutungsversuche der Achten Sinfonie eingehen, doch eins steht fest: In keinem Werk Bruckners ist der Abgrund tiefer zwischen der unvergleichbaren Erhabenheit der musikalischen Gestalt und jenen schüchternen, umwerfend naiven Erklärungen.

Innerer Motor

Trotzdem sollte man bedenken: Sicher entsteht ein Werk auf viel kompliziertere Weise als man bisher angenommen – die Musikpsychologie hat noch immer nicht ihre große Stunde gehabt. Vielleicht braucht der innere Motor des genialen Menschen gerade ganz simple Impulse (in Form von Erinnerungsmotiven, Begebenheiten, Vorstellungen usw.), um einen schöpferischen Prozess in Gang zu setzen, der im Falle Bruckners von der gegebenen »naturhaften« Einfachheit musikalischer Intervalle zu einem vielfach tönenden Phänomen führt, an das Worte nicht heranreichen.

Das Werk im MDR-Konzert

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2019, 10:15 Uhr