Eine Skulptur von Johannes Brahms von Maria Fellinger aus dem Jahr 1889
Bildrechte: dpa

Johannes Brahms Rhapsodie op. 53 für eine Altstimme, Männerchor und Orchester

Eine Skulptur von Johannes Brahms von Maria Fellinger aus dem Jahr 1889
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Nach Johann Wolfgang von Goethes Aussage hat das Gedicht Harzreise im Winter (1877) seinen Zeitgenossen mehrfach Kopfzerbrechen bereitet und ihn zu zwei nachträglichen Kommentaren veranlasst. In beiden hebt Goethe hervor, dass der Dichtung zwei ineinander verflochtene Handlungen zugrunde liegen: einmal die (allein Charlotte von Stein anvertraute) Absicht einer damals für unmöglich gehaltenen Brockenbesteigung im Winter, zum anderen der Besuch bei Friedrich Plessing in Wernigerode, »eines unglücklichen, missmutigen« Jünglings, in dem die Werther-Stimmung nur negative Seiten angeschlagen hatte. (»Ich wollte den Jüngling sehen, aber unerkannt, und deshalb habe ich mich eigentlich auf den Weg begeben«, schreibt Goethe.)

Gipfel des Brocken erklommen

Beide Kommentare unterstreichen als Grundhaltung des Dichters die verschiedenen Seiten der Liebe, die alle Strophen der von Hermann August Korff als »Gedankengedicht« bezeichneten Harzreise durchzieht. Der achtundzwanzigjährige Goethe empfindet die Allgüte des Geschicks, das ihn in Weimar in einen Kreis verstehender und liebender Menschen auf die erste Gipfelhöhe seines Lebens geführt hatte; in sich steigernder Innigkeit findet die Hoffnung Ausdruck, dass der »Vater der Liebe« das Herz des tief Leidenden erquicken möge. Als es ihm schließlich gelingt, den Gipfel des Brocken zu erreichen, löst dieses Erleben zugleich das Hochgefühl des Menschen über die Elemente der Natur wie das des tiefen Erstaunens vor der nahezu unberührten Größe des Berges aus.

Angeregt zur Komposition der Harzreise im Winter wurde Brahms während eines Besuches bei dem Bonner Musikschriftsteller Hermann Deiters durch eine Sammlung von Gesängen des Goethe-Zeitgenossen Johann Friedrich Reichardt, die auch dessen liedhafte Vertonung einiger Strophen aus der Harzreise enthielt. Im September 1869 beendete er in Baden-Baden die Partitur. Von Reichardt übernahm Brahms den Titel »Rhapsodie«, die Tonart und metrische Vorzeichnung, traf aber für sein Werk eine andere Textauswahl. Entsprechend deren strophischer Gliederung ist Brahms‘ Rhapsodie in drei Teile gegliedert.

Innerer Friede und Versöhnung mit der Welt

Wird im ersten (Adagio) über düsteren Bassmelodien die Gestalt des in der öden Landschaft dahinschreitenden Jünglings geschildert, bringt der zweite (Poco Andante) in der Art eines dreiteiligen Ariosos die Klage um ihn, »der sich Menschenhass aus der Fülle der Liebe trank«. Der letzte Teil, in dem nun auch Männerstimmen als neues Klangmittel hinzutreten, ist von der Bitte um Erlösung des Unglücklichen und der Anrufung der Liebe (»Erquicke sein Herz«) erfüllt und führt das Werk (echt brahmsisch) zu einem verklärten Schluss: der Jüngling kann durch Naturbetrachtung zum inneren Frieden und zur Versöhnung mit der Welt finden.

»Ich lege der Korrektur eine kleine Neuigkeit bei, für die ich in Anbetracht ihrer Vortrefflichkeit 40 Friedrichdors begehre«, schrieb Brahms am 5. Oktober 1869 an Fritz Simrock.

Sie können sie sich anschauen, und als Verleger lockt Sie vielleicht die zierlichste Partitur, die es gibt. »Postludium zu des Verfassers Liebesliedern op. 52«. – Das Ding heißt Rhapsodie (Fragment aus Goethes Harzreise im Winter) für eine Altstimme, Männerchor und Orchester (oder Pianoforte). Es ist das Beste, was ich noch gebetet habe, und wenn’s nun auch die werten Altistinnen nicht gleich begierig singen werden, so gibt’s genug Leute, die ein derartiges Gebet nötig haben. Jedenfalls möchte ich’s gern rasch heraus haben, und melde mich darum jetzt und schicke gleich die Partitur; der Klavierauszug folgt.

Johannes Brahms an seinen Verleger Fritz Simrock

Kurz zuvor hatte Clara Schumann in ihr Tagebuch geschrieben

Clara Schumann
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Johannes brachte mir vor einige Tagen ein wundervolles Stück, Worte von Goethe aus der Harzreise ... Er nannte es s e i n e n Brautgesang. Es erschütterte mich so durch den tiefsinnigen Schmerz in Wort und Musik, wie ich mich lange nicht eines solchen Ausdrucks erinnere ... Ich kann dieses Stück nicht anders empfinden als wie die Aussprache seines eigenen Seelenschmerzes. Spräche er doch ein Mal nur so innig in Worten!

Clara Schumann, Tagebucheintrag

Ob sie freilich geahnt hat, dass in der Alt-Rhapsodie Brahms‘ (nie ausgesprochene) Liebe zu ihrer Tochter Julie anklingt, die gerade einen italienischen Grafen geheiratet hatte, bleibt offen.

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2018, 08:00 Uhr