Franz Schubert
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Franz Schubert Sinfonie C-Dur D 944

Franz Schubert
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Franz Schuberts Auseinandersetzung mit der sinfonischen Gattung war von zahlreichen Fehlschlägen begleitet, da er von seinen insgesamt 13 Sinfonien, die er komponierte beziehungsweise zu komponieren begann, nur sieben fertig gestellt hat. Denn nachdem der 16- bis 21-Jährige im Anschluss an einen ersten nur 30 Takte umfassenden sinfonischen Versuch in den Jahren zwischen 1813 und 1818 sechs Sinfonien komponiert hatte, die fest in der seinerzeit nahezu als normativ geltenden von Haydn und Mozart vorgegebenen Tradition verankert sind, folgte danach (1818 bis 1822) eine Phase des Suchens und Zweifelns, in der Schubert die Arbeit an vier neuen Sinfonien aufnahm, aber keine einzige von ihnen zu Ende führte.

Durchbruch mit C-Dur-Sinfonie

In diesen Entwürfen entfernte er sich zusehends von der Gattungstradition seiner frühen Werke, um sich der für ein öffentliches Konzertpublikum komponierten repräsentativen »großen Sinfonie« anzunähern. Hatte er die hierbei entstehenden grundlegenden kompositorischen Probleme bereits in seiner sogenannten Unvollendeten 1822 in Ansätzen gelöst, gelang ihm mit der »Großen C-Dur-Sinfonie« der endgültige sinfonische Durchbruch. Denn in diesem 1826 vollendeten Werk bewältigte er nachhaltig die Schwierigkeiten einer individuellen sinfonischen Neukonzeption, welche ihn zum Initiator eines neuen Gattungstypus’ – der romantischen Sinfonie nach Beethoven – werden ließ.

Genialer Einfall

Das zentrale Problem, das sich Schubert (ebenso wie Mendelssohn und Schumann) stellte, war die Unvereinbarkeit des in sich geschlossenen, liedhaften thematischen Materials mit der dramatischen Entwicklungsform des Sonatensatzes. Im ersten Satz der Unvollendeten umging er dieses Problem mit Hilfe des brillanten Einfalls, in der Durchführung nicht auf das lyrisch-sangliche Haupt- bzw. Seitenthema zurückzugreifen, sondern mit der Verarbeitung der jeweiligen Themenbegleitung nur deren Stellvertreter zu präsentieren.

Formabschnitte geben Sinfonie vor

Im ersten Satz der Großen C-Dur-Sinfonie findet Schubert zu einer anderen Lösung, die sich grundlegend von Beethovens Prinzip der logischen Entwicklung sowie der motivisch-thematischen Arbeit unterscheidet. Denn der musikalische Prozess entwickelt sich hier nicht aus der kontinuierlichen Entfaltung thematischer Keimzellen, sondern durch die Abfolge aufeinander bezogener und metrisch fest gefügter Formabschnitte, die zu ausgeprägten sinfonischen Steigerungen finden und gleichzeitig mit diesen Steigerungen zu einem konsequent angesteuerten Ziel des Formverlauf führen.

Erster Satz

Das einleitende Andante beginnt mit einer langsamen Introduktion, die mit dem signalhaften Einsatz der beiden unisono geführten Hörner den romantischen Tonfall des gesamten Werkes vorgibt (Schumann hat später in seiner Ersten Sinfonie die einleitende Fanfare übernommen – nur in die Trompete verlegt –, und so eine Hommage an Schubert komponiert). Dieses Hornthema (und nicht das des Hauptsatzes) wird zur initialen Erfindung des musikalischen Verlaufs, indem es mehrfach seine thematische Struktur verliert und wieder zurückgewinnt, um zum Satzende schließlich in apotheotischer Steigerung das Ziel des formalen Diskurses zu manifestieren.

2. Satz

Der zweite Satz beruht, bei weitem mehr als noch in der Unvollendeten, auf der Reihung fest geformter und vielfach wiederholter Einheiten, die sich hierarchisch zu den jeweiligen Themeneinheiten zusammenschließen. Wie in keinem anderen langsamen Satz Schuberts werden hier lyrische und dynamische Extreme ausgeglichen, etwa wenn nach dem in der Reprise frühzeitig erreichten Höhepunkt nach einem ausgedehnten Moment spannungsvoller Stille eine Musik folgt, die einen überaus erhabenen lyrischen Zauber entfaltet.

Scherzo und Finale

Nach einem bewegten Scherzo, das Schubert deutlicher als Beethoven jemals zuvor als Sonatensatz gestaltet hat, folgt das mit über 1000 Takten groß dimensionierte Finale, mit dem Schubert eine völlig neuartige sinfonische Finalkonzeption realisierte. Denn indem er die Idee der zusammenfassenden Bündelung mit einer heiteren und ungemein pulsierenden Spiellaune verbindet, macht er den Satz zwar eindeutig zum Ziel der zyklischen Anlage, vermeidet jedoch dabei jegliche an Beethoven gemahnende Erhabenheit und Größe des Tonfalls.

Initialwerk

Es ist sicherlich keine Übertreibung, Schuberts Große C-Dur-Sinfonie als das initiale Werk zu bezeichnen, mit dem die Epoche der romantischen Sinfonik eingeleitet wurde. Hätten Komponisten wie Mendelssohn oder Schumann, die selbst unter größten Schwierigkeiten an der Idee einer Poetisierung der sinfonischen Musik gearbeitet hatten, die Komposition nicht erst mehr als zehn Jahre nach ihrer Entstehung kennengelernt (sie wurde am 21. 3. 1839 durch Mendelssohn in Leipzig uraufgeführt), wäre die Entwicklung der sinfonischen Musik innerhalb des 19. Jahrhunderts unzweifelhaft anders verlaufen. Aber auch so wirkte das Werk als eine Art Katalysator: Schumann begann, nachdem er bisher keine sinfonische Komposition hatte fertig stellen können, 1841 sein »sinfonisches Jahr«, und Mendelssohn vollendete 1842 seine Schottische Sinfonie, deren Entstehung sich fast über ein Jahrzehnt hingezogen hatte.

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2018, 16:48 Uhr