Der US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen (M) tritt am 19.07.1988 in der DDR-Hauptstadt Berlin auf. Links der Gitarrist Nils Lofgren, rechts der Saxophonist Clarence Clemons.
Der US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen (M) tritt am 19.07.1988 in der DDR-Hauptstadt Berlin auf. Links der Gitarrist Nils Lofgren, rechts der Saxophonist Clarence Clemons. Bildrechte: dpa

Legendäre Weissensee-Konzerte Von Bruce Springsteen bis Joe Cocker - der DDR-Konzertsommer 1988

Rock-Konzerte von internationalen Stars waren in der DDR nicht denkbar. Bis zum Sommer 1988, als sich Künstler und Bands wie Bruce Springsteen, Joe Cocker oder Bryan Adams die Klinke in die Hand gaben. Was bis dahin als unmöglich galt und von der Staatsmacht boykottiert wurde, wurde durch den Einsatz von Organisatoren und Veranstaltern schließlich Realität. Diese bedienten sich abenteuerlicher Methoden und Tricks, um internationale Top-Acts in Ost-Berlin auftreten zu lassen.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR

Der US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen (M) tritt am 19.07.1988 in der DDR-Hauptstadt Berlin auf. Links der Gitarrist Nils Lofgren, rechts der Saxophonist Clarence Clemons.
Der US-amerikanische Rockmusiker Bruce Springsteen (M) tritt am 19.07.1988 in der DDR-Hauptstadt Berlin auf. Links der Gitarrist Nils Lofgren, rechts der Saxophonist Clarence Clemons. Bildrechte: dpa

Am 19. Juli vor 30 Jahren spielte der amerikanische Musiker Bruce "The Boss" Springsteen in Ost-Berlin, genauer in Weißensee und zwar vor 160.000 Menschen, die aus dem ganzen Land angereist waren. 160.000 Menschen, das dürfte auch für den Boss bis heute ziemlich einzigartig sein. Vorausgegangen waren diesem Konzert ein Auftritt von Bob Dylan 1987 in Treptow und ein dreitägiges Rockfestival in Weißensee im Juni 1988.

Thomas Misersky war damals frischgebackener Musikredakteur beim Radiosender DT64 und war bei allen Konzerten dabei, hat von vor Ort berichtet und die Künstler interviewt u. a. auch die Rainbirds, erzählt Misersky: "Das Album der Rainbirds lag noch nicht so weit zurück. Das war was ganz Besonderes für die Band."

Pink Floyd und Michael Jackson in Westberlin - Unruhen im Osten erwartet

DDR-Bürger haben sich 1988 vor dem Brandenburger Tor in Ost-Berlin versammelt.
DDR-Bürger haben sich 1988 vor dem Brandenburger Tor in Ost-Berlin versammelt, um dem Michael Jackson-Konzert im Westen zu lauschen. Bildrechte: dpa

Vom 16. bis 19. Juni 1988 hatte auf dem Gelände der Radrennbahn Weißensee das größte Rockfestival der DDR stattgefunden. So eine Veranstaltung hatte es bisher nie gegeben – und sie fand nicht ganz ohne Kalkül statt. Am selben Wochenende spielten Pink Floyd und Michael Jackson in Westberlin vor dem Reichstag und man hatte auf Ostseite mit Völkerwanderungen an die Mauer und Unruhen gerechnet.

Michael Jackson war damals das Heißeste, was es gab. Dann kam Druck aus Ost-Berlin, bei der Führung der DDR musste man immer damit rechnen.

Peter Schwenkow, Veranstalter der Konzerte in West-Berlin

Also organisierte man im Osten einfach selbst ein Festival. Mit dabei, der in der DDR kultisch verehrte Joe Cocker. Thomas Misersky: "Das war ein absolutes Highlight aus verschiedensten Gründen, denn Cocker hat im weitesten Sinne Mainstream bedient und ein ganz breites Publikum angesprochen."

Atemberaubendes Line-Up

Joe Cocker 1987
Joe Cocker Bildrechte: IMAGO

Das Line-Up liest sich auch 30 Jahre später noch abenteuerlich: Joe Cocker, James Brown, Big Country, Bryan Adams und andere. Kulturpolitisches Signal oder Aufbruchsstimmung – es war sicher eine Mischung aus beidem, was da 1988 passierte. Die Stimmung im Land war im Keller, die Versorgungslage schlecht, die Zahl der Ausreisen stiegen. Also Brot und Spiele in einem wackligen System, aber endlich Spiele, die anders als die Pfingsttreffen, wirklich Massen von Menschen mobilisierten. Die allerdings wollten vor allem die West-Acts sehen. Die Ostbands wie City, No 55 oder Rockhaus hatten es nicht leicht bei den Massen, erinnert sich der DT64-Reporter:

Ich glaube die [Ostbands] hatten die Funktion, die heute auch Vorbands haben: Die hatten die Chance, vor einem Riesenpublikum zu spielen. Zöllner spielten mit James Brown. So groß haben die nie wieder gespielt.

Thomas Misersky, ehemaliger DT64-Reporter

Bryan Adams
Konzert von Bryan Adams im Rahmen der Friedenswoche der Berliner Jugend auf der Radrennbahn in Berlin-Weißensee 1988. Bildrechte: IMAGO

Zudem wurde ein Abend von Eiskunstlauf-Star Katharina Witt moderiert, besser sie versuchte zu moderieren, ging aber in den Pfeifkonzerten unter. Und dann kam einen Monat später Bruce Springsteen-Manager Jon Landau:

Bruce kam zu mir und fragte, wie groß die Chancen seien, in Ost-Berlin zu spielen.

Jon Landau,Bruce Springsteen-Manager

Blick über die rund 160 000 Fans beim Konzert des amerikanischen Rockmusikers Bruce Springsteen am 21. Juli 1988 in Ost-Berlin (DDR).
Blick über die rund 160.000 Fans beim Konzert des amerikanischen Rockmusikers Bruce Springsteen am 21. Juli 1988 in Ost-Berlin (DDR). Bildrechte: dpa

Springsteen: Konzert für Nicaragua?!

Springsteen kam, über 100.000 Zuschauer kamen. Die Übertragung des Konzertes bei DT64 war des Öfteren unterbrochen - auch wegen des stellenweise schlechten Sounds, da die Ost-Technik schlicht überfordert war, das Riesenareal zu beschallen. Bereits 1987 hatte man ja Bob Dylan reingelassen, die Ostler wollten endlich Originale. Aber immer noch versuchte man auch diese Zugeständnisse irgendwie politisch zu motivieren: Bei Springsteen wurde Konzert für Nicaragua auf die Tickets gedruckt, Springsteen wusste nichts davon und wollte sich nicht für politische Zwecke instrumentalisieren lassen.

Begeisterte Jugendliche bei einem Konzert auf der Radrennbahn Weißensee in Ostberlin, 1988
Begeisterte Jugendliche bei einem Konzert auf der Radrennbahn Weißensee in Ostberlin, 1988 Bildrechte: dpa

Springsteens Manager Jon Landau erzählt: "Ein junger Mann kam zu mir  und bedankte sich, dass wir solidarisch mit Nicaragua sind. Das ist nicht gut, nichts was wir jemals genehmigt hätten." Und Reporter Misersky ergänzt: "Ich glaube, Springsteen ist so ein bisschen der Arm umgedreht worden, als er schon fast auf der Bühne gestanden hat. Ich glaube, das Konzert ist auf der anderen Seite ideologisch überhöht worden von oppositionellen Jugendlichen, die hofften, er hält jetzt den Feldgottesdienst ab." Springsteens Management hatte gerade noch erwirken können dass Springsteen Barrieren statt Mauern sagt – man hatte wohl Angst einen internationalen Zwischenfall auszulösen.  

Es ist schön in Ost-Berlin zu spielen, ... auf dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.

Bruce Springsteen

Die Fans verstanden das Wort Barrieren genau: Die meisten waren wegen der Musik da, sicher hielten manche den ideologischen Überbau der Funktionäre für eine alberne politische Aktion der Mächtigen – im Grunde war es aber eine pragmatische Idee der Künstleragentur der DDR – man wusste, welche Knöpfe man drücken musste, um Veranstaltungen dieser Dimension genehmigt zu bekommen. Die Cottbuser Band Sandow fasste den Konzertsommer 1988 danach mit einem eigenen Song zusammen:

Ich habe 160.000 Menschen gesehn - die sangen so schön.

Liedzeile von Sandow

Man kann den Auftritt Springsteens als Generalprobe für den Mauerfall verklären oder ihn einfach als das größte Rockkonzert nehmen, das die DDR ein Jahr vor ihrem Ende erlebte. Der Rest sind Geschichten.

Spezial bei MDR KULTUR im Radio: MDR KULTUR Spezial am Montag, 11 Juni 2018, ab 18 Uhr im Radio: "Radrennbahn und Cockerwiese: Der Konzertsommer der DDR 1988"

+ Erinnerungen von MDR KULTUR Musikredakteur Stefan Maelck
+ Katharina Franck über ihr Konzert mit den Rainbirds vor 70.000 Menschen
+ Besuch bei ostdeutschen Fans heute, die damals bei den Konzerten von Springsteen, Cocker und Adams dabei waren
+ City und Zöllner waren Vorband für die großen Weststars - wir erzählen, wie sich das für die Ostmusiker damals anfühlte
+ "Ich habe 160 000 Menschen gesehn - die sangen so schön" - Die Cottbusser Band SANDOW machte aus dem Konzert von Bruce Springsteen in Ostberlin ein Lied - Sänger Kai-Uwe Kohlschmidt erinnert sich

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juni 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2018, 04:00 Uhr

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