Ricarda Steinbach zu Gast im Studio
Ricarda Steinbach zu Gast bei MDR KULTUR Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer

Porträt Kalter Krieg zum Anfassen - Ricarda Steinbach leitet die Point Alpha-Stiftung

Der Point Alpha ist eine Gedenkstätte am ehemaligen eisernen Vorhang, genauer gesagt in Geisa in Thüringen. Knapp 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges versucht Ricarda Steinbach mit ihren Kollegen die Geschichte der deutschen Teilung und der amerikanischen Besatzung zu vermitteln - unter anderem an Koreaner, die sich hier für ihre Wiedervereiniung vielleicht etwas abschauen können.

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Ricarda Steinbach zu Gast bei MDR KULTUR Bildrechte: MDR/Sabrina Gebauer
Ricarda Steinbach zu Gast im Studio 40 min
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MDR KULTUR - Das Radio Sa 09.06.2018 11:05Uhr 39:36 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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An der Gedenkstätte Point Alpha am ehemaligen eisernen Vorhang in Thüringen erinnert noch der Wachturm der Amerikaner an die Besatzungszeit, Panzer und das "Haus auf der Grenze" lassen noch erahnen, dass hier einst die innerdeutsche Grenze verlief, an der insgesamt mehr als 300 Menschen starben. 2017 besuchten 91.500 Besucher den Point Alpha.

Wenn Sie einmal am Point Alpha gewesen sind, macht dieser Ort etwas mit Ihnen.

Ricarda Steinbach, Direktorin der Point Alpha-Stiftung

Eine wichtige Zielgruppe aus ihrer Sicht sind Schüler und junge Leute – diejenigen, die kaum noch einen Bezug zur Teilung haben: "Wenn dort heute jemand langgeht, der erst 20 ist, der die Grenze nur vom Hören-Sagen kennt, dann hat der heute keine Assoziation mehr damit." Deshalb ist es aus ihrer Sicht enorm wichtig, dass Point Alpha neue Bilder findet, um Geschichte neu zu erzählen, da geht es um Bildungsarbeit der Zukunft: "Meine neuen Bilder bleiben schon die Zeitzeugen. Unsere Gästeführer kommen alle aus dieser Region, sie haben einen persönlichen Bezug, sind aber in verschiedenen Altern und kommen aus verschiedenen Erinnerungskulkturen heraus. Sie erzählen Geschichte anders."

Natürlich zeige die Point Alpha Gedenstätte auch Bilder wie Grenzanlagen, Panzersperren, Opfer, Vertreibung, Flucht, aber – und das findet Steinbach wichtig – "auch gerade dieses Thema zu übersetzen und zu zeigen, was macht das mit mir und wie ist das heute in meiner Lebenswirklichkeit? Willkür, was bedeutet das für mich, wenn ich mich dem ausgesetzt fühle als junger Mensch? Wenn mich jemand denunziert? Mobbing ist da so ein klassisches Thema. Das sind Bilder, die kann man doch abholen."

Point Alpha war einer von vier US-Beobachtungsstützpunkten an der hessisch thüringischen ehemaligen Grenze. Blick auf einen ehem. DDR-Beobachtungsturm
Point Alpha war einer von vier US-Beobachtungsstützpunkten an der hessisch thüringischen ehemaligen Grenze. Blick auf einen ehem. DDR-Beobachtungsturm Bildrechte: IMAGO

Die Neuausrichtung, die Steinbach mit der Point Alpha Stiftung vollziehen will, hat intern für Gegenwind gesorgt. Seit 2017 ist sie die Direktorin der Stiftung. Anfang 2018 schrieb Stiftungsrat Bertolt Dücker einen Brief an seine Kollegen mit dem Vorwurf, die Direktorin schade der Stiftung. Aber damit müsse sie umgehen, denn die Neuausrichtung sei auch ihr Auftrag gewesen, mit dem sie in das Amt getreten sei, erzählt sie im MDR KULTUR-Interview: "Das ist in erster Linie meine Aufgabe: Dass ich die Stiftung finanziell effizient gestalte und dass ich Leute nach Point Alpha hole und dafür begeistere, sowohl Macher als auch Besucher." Ihr Fokus: Sie will die Teilungsgeschichte erzählen, aber auch die persönlichen Geschichten der amerikanischen Soldaten, die hier stationiert waren.

Wie ein schwarzer GI Büttenredner wurde

In der neuen Dauerausstellung "Every Day Life" etwa wird die Beziehung von Soldaten und der Zivilbevölkerung erzählt – wie werden aus Feinden und Besiegten, Freunde und Familien? Da wird auch erzählt, wie Zeitzeugen die ersten Schwarzen überhaupt in ihrem Leben gesehen haben, nämlich amerikanische Soldaten. Und wie ein schwarzer GI beim Karneval in Fulda Büttenredner wurde.

Am Point Alpha lässt sich gut die Verbindung zeigen, wie sich internationale Politik auf Deutschland, aber auch auf so eine Region auswirkt.

Ricarda Steinbach, Direktorin der Point Alpha-Stiftung

Den Point Alpha kennt Ricarda Steinbach schon lange: 1999 hat die studierte Politikwissenschaftlerin ihre Diplomarbeit über die Nato geschrieben, über die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik, Nato-Strategien und ihren Auswirkungen. Am Point Alpha komme man bei dem Thema nicht vorbei. Als Oberstleutnant hat die 1971 in Westberlin Geborene keine Berührungsängste mit Militärstützpunkten. Persönlich schießt sie gern und geht jeden Morgen vor der Arbeit joggen. Ursprünglich wollte sie Journalistin werden, aber während ihres Studiums merkte sie, dass sie die politische Bildung interessanter findet: "Ich fand es gerade spannend, nicht nur den Leuten zu erklären, wie funktioniert Politik, sondern tatsächlich auch mit ihnen zu sprechen, sich dem Publikum direkt zu stellen und zu sagen, wir diskutieren darüber."

Das Besondere und Einmalige am Point Alpha ist, dass dort vermittelt wird, dass Deutschland tatsächlich – ob in der Erfahrung der Teilung oder der Erfahrung der Wiedervereinigung – immer auch von Großmächten wie den USA bestimmt war.

Ricarda Steinbach, Direktorin der Point Alpha-Stiftung

Über die deutsch-amerikanischen Beziehungen heute

Am ehemaligen Beobachtungspunkt Point Alpha diskutiert sie mit Besuchern häufig über die derzeitige amerikanische Politik. "Ich persönlich sage aber jedes Mal: Ich beteilige mich nicht am Trump-Bashing. Ich gucke, was funktioniert in der amerikanischen Politik und die amerikanische Politik war schon immer eine klare Politik des 'America first' [...] und die andererseits auch Impulse setzte und guckte, wie schaffe ich das Gleichgewicht der Welt. Da hat sich eigentlich nicht so viel geändert. Ich sage: Langfristig, das ist immer der springende Punkt."

Die Point Alpha-Stiftung pflegt eine enge Beziehung zu den amerikanischen Streitkräften und der amerikanischen Politik. Trotz der europäischen Kritik an Trumps Politik, dem Populismus, den Fake News sagt Steinbach: "Die Amerikaner bleiben für Deutschland dennoch bester Freund, bei allen Unstimmigkeiten, bekomme ich immer wieder mit – wir haben so ein gemeinsames Interesse an Demokratie und so ein gleiches Demokratieverständnis. Deswegen lasse ich mich durch die Misstöne der Politik und von Fake News nicht immer aufs Glatteis führen."

Aus dem Vergangenen heraus handelt das Gegenwärtige klug, damit es Zukünftiges beeinflusse.

Lebensmaxime von Ricarda Steinbach, Direktorin der Point Alpha-Stiftung

Vorbereitung auf das Gedenkjahr 2019 - 30 Jahre nach 1989

Derzeit bereitet sich die Point Alpha-Stiftung auf das große Gedenkjahr im kommenden Jahr vor: 2019 – 30 Jahre nach 1989. Vor allem junge Menschen möchte Ricarda Steinbach ansprechen: "Ich finde gerade bei jüngeren Menschen ganz spannend: Wie sind sie sozialisiert worden durch ihre Eltern und Großeltern?" Generell findet sie es wichtig, dass man sich an die positiven Gefühle der Wiedervereinigung wieder häufiger erinnert: "Dieser Impuls, dass man einfach feierte, dass man glücklich war, dass wieder zusammen gebracht wurde, was einfach zusammen gehört – diesen Impuls der Emotionalität und Freude, an den, glaube ich, sollte man sich heute ab und zu erinnern."

Informationen zur Gedenkstätte Point Alpha: "Point Alpha war bis 1989 einer der wichtigsten Beobachtungsstützpunkte der US-Streitkräfte in Europa und galt im Kalten Krieg als einer der heißesten Punkte. Zwei große Dauerausstellungen mit Medienstationen und Audioguides, die original erhaltenen Grenzanlagen und Rekonstruktionen der Grenze in früheren Jahrzehnten sowie das Gelände des ehemaligen US-Camps Point Alpha, machen die Geschichte des authentischen Ortes sichtbar, erlebbar und begreifbar." (Quelle: pointalpha.com)

Adresse: Platz der Deutschen Einheit 1, 36419 Geisa (Thüringen)
Öffnungszeiten: Mo.-So. 9:00 bis 18:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft | 09. Juni 2018 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juni 2018, 11:05 Uhr