30 Jahre Wiedervereinigung Wie die Klassik Stiftung Weimar ein kulturelles Welterbe pflegt

Die Pflege des kulturellen Erbes durch die Klassik Stiftung Weimar und ihre Vorgängerinstitutionen hat längst internationale Dimensionen angenommen. Titel wie Weltkulturerbe verpflichten aber auch. Eine Bestandsaufnahme im 30. Jahr der deutschen Wiedervereinigung.

Inmitten des Eröffnungsfeuerwerks für das Kulturstadtjahr in Weimar stehen am 19.2.1999 die Skulpturen von Goethe und Schiller auf ihrem Denkmalsockel auf dem Weimarer Theaterplatz. Weimar ist 1999 europäische Kulturhauptstadt und erwartet über fünf Millionen Besucher. 6 min
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Die Pflege des kulturellen Erbes durch die Klassik Stiftung Weimar und ihre Vorgänger hat internationale Dimensionen. Titel wie Weltkulturerbe verpflichten aber auch. Eine Bestandsaufnahme.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 30.09.2020 06:00Uhr 05:31 min

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Wenn es um die Zeit der Wiedervereinigung geht, hat Ulrike Lorenz den Blick von außen. Die heutige Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar lebt damals in Gera und verfolgt von dort mit, was in Weimar passiert, im "VEB Goethe und Schiller", wie die Gedenkstätten der Weimarer Klassik im DDR-Volksmund genannt werden.

Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar
Ulrike Lorenz Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten waren in der DDR sicher eine herausgehobene Kulturinstitution, die ideologisch sehr stark mit der DDR verbunden war. Auf der anderen Seite aber durchaus auch eine gewisse Autonomie hatte. Und es gab hier durchaus auch Einfallstore für internationalen Wissenschaftleraustausch.

Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar

Wende war eine Riesenchance

Auch vom Bauunterhalt her wird Weimar zu DDR-Zeiten eine Sonderbehandlung zugedacht, die historischen Bauten werden dementsprechend nicht dem Verfall überlassen. Dennoch – es gibt bei weitem nicht ausreichend finanzielle Mittel, um alle Liegenschaften angemessen zu unterhalten. Die Wiedervereinigung bringt hier einiges in Bewegung, wie Lorenz zu berichten weiß: "Ich denke, auch in Weimar war die Wende für die Kultureinrichtungen ein großer Aufbruch. Insbesondere natürlich für die Kultureinrichtungen, die sich mit großen Denkmalobjekten beschäftigt haben. Da war das eine Riesenchance, diese wunderbaren Sammlungsobjekte, wie wir sie mittlerweile auch bezeichnen – also auch die Schlösser und Gärten sind für uns historische Sammlungen, besonders anspruchsvoller Art – und da war die Wiedervereinigung sicher die Rettung für sehr vieles."

Historische Möbel in Goethes Arbeitszimmer
Historische Möbel in Goethes Arbeitszimmer in Weimar Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Hilfreiche Vernetzung mit der Politik

Personell gibt es bei der Klassik Stiftung keine Stunde Null. Anders als an vielen Universitäten bleibt das wissenschaftliche Personal weitgehend erhalten und wird nicht durch Konkurrenz aus dem Westen ausgetauscht. Mit Lothar Ehrlich wird zudem ein langjähriger Mitarbeiter der erste Präsident nach dem Systemwechsel. Er versucht, die Gedenkstätten fit für die Zukunft zu machen, erinnert sich der heutige Verwaltungsdirektor Thomas Leßmann: "Es war sicherlich erst mal eine Sicherstellung des kulturellen Erbes. Eine Bestandsaufnahme, verbunden auch mit Unsicherheit, wo können die Mittel herkommen? Aber die Anbindung an das Ministerium in Erfurt war da schon sehr hilfreich. Man hat wirklich geguckt: Wer ist noch da und kann eine erste Ausrichtung oder ein erstes Profil geben? Und das hat dann eine intensive Aufbauphase genommen."

Tiefschlag: Brand der Anna Amalia Bibliothek

Aufbau, das heißt in Weimar vor allem eine sich über Jahre hinziehende Strukturveränderung. Das Konstrukt der DDR-Gedenkstätten wird 1994 in eine Stiftung überführt, die Stiftung Weimarer Klassik. Diese wiederum wird 2003, zusammen mit den Kunstsammlungen zu Weimar, zur heutigen Klassik Stiftung fusioniert, eine bürokratische Mammutaufgabe.

Löschfahrzeuge der Feuerwehr im Nachteinsatz - Flammen schlagen durchs Fenster während des Brandes der Anna Amalia Bibliothek in Weimar.
Der Brand der Anna Amalia Bibliothek in Weimar am 2. September 2004 Bildrechte: imago/suedraumfoto

Viele Veränderungen bringt auch eine große Evaluation des Nationalen Wissenschaftsrates mit sich, die im Jahr 2004 besagt, dass die Stiftung unterbesetzt und unterfinanziert sei. Es ist genau das Jahr, in dem – mit dem Brand der Anna Amalia Bibliothek – ein absoluter Tiefpunkt in der Nachwendegeschichte erreicht wird. Doch das Unglück hat auch wachgerüttelt. Und so hat sich die Stiftung in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten professionalisiert.

Und man muss sagen, da hat die Stiftungskonstruktion sehr große Fortschritte in den vergangenen 15 Jahren gemacht. Es ist dem internationalen Niveau angepasst worden, in der Professionalität.

Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar

Weltkulturerbe

Und so macht sich die Klassik Stiftung einen Namen in der Welt. Als Weimar 1999 Kulturhauptstadt Europas wird, bringt das viel internationale Aufmerksamkeit. Die Orte der Weimarer Klassik werden zum Weltkulturerbe ernannt, der Nachlass von Goethe bekommt den Titel "immaterielles Welterbe". Und als dann im vergangenen Jahr das Bauhaus-Museum eröffnet wird, zieht endlich auch dieser Themenbereich die Besucher in Scharen an.

Bauhaus-Museum in Weimar
Bauhaus-Museum in Weimar Bildrechte: imago images / Fotoagentur Nordlicht

Fertig sei man bei der Klassik Stiftung allerdings nie, bilanziert Lorenz: "Das ist wie ein großer Dom. Der ist nie fertig, es gibt immer die Dombauhütte nebendran, es ist was zu tun. Es ist eine riesige, komplexe Institution, mit sehr unterschiedlichen Anforderungen, Niveaus, Kategorien. Und wenn man mit dem einen fertig ist, wie mit dem Bauhaus-Museum, dann muss man es beleben und weiterhin interessant halten. Aber dann beginnt woanders die Arbeit wieder fast bei Null."

Aktuell liegt Lorenz' Augenmerk auf dem Stadtschloss von Weimar. Sie will das Gebäude aus dem späten 18. Jahrhundert in ein Museum der Zukunft verwandeln. In den kommenden zehn Jahren soll es umgebaut werden. Beim kulturellen Tanker Klassik Stiftung muss man eben einfach in Dekaden rechnen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2020 | 08:40 Uhr