Polizisten tragen einen schwarzen Mann zu einem Polizeifahrzeug.
Watts-Unruhen 1965 in Los Angeles: Polizisten nehmen einen Afroamerikaner brutal in Gewahrsam Bildrechte: dpa

Buchempfehlung Roman "Graffiti Palast" über die Watts-Unruhen in Los Angeles 1965

1965 gab es in Los Angeles die Watts-Unruhen zwischen Schwarzen und Polizisten. A.G. Lombardo nimmt das reale Ereignis als Aufhänger für eine Neuerzählung der Odyssee. Sein Held sammelt die Graffiti der Häuser in seinem Notizbuch, sie erzählen vom Rassismus und Widerstand, sie sind der Code der Stadt. Als die Unruhen ausbrechen, eilt er zu seiner Geliebten. Doch auf dem Weg dahin muss er u. a. mit Sirenen (Nachtklubsängerinnen) und Kirke und Kalypso (Prostituierte) kämpfen. Der Roman hat sogartiges Tempo, strotzt vor Einfallsreichtum und klingt nach Jazz, meint unser Kritiker.

von Kais Harrabi, MDR KULTUR

Polizisten tragen einen schwarzen Mann zu einem Polizeifahrzeug.
Watts-Unruhen 1965 in Los Angeles: Polizisten nehmen einen Afroamerikaner brutal in Gewahrsam Bildrechte: dpa

Dass sich ausgerechnet ein weißer High School-Lehrer an die Watts-Unruhen von 1965 als Stoff für seinen Debüt-Roman traut, ist gewagt. In "Graffiti Palast" interessiert sich A.G. Lombardo aber gar nicht so sehr für den Konflikt zwischen Schwarz und Weiß. Er macht die Watts-Unruhen zum Hintergrund für eine ganz eigene Neuerzählung von Homers Odyssee.

Lombardos Odysseus ist ein junger Afroamerikaner namens Americo Monk. Monk sieht sich selbst als "Semiotiker und Urbanologen" und zeichnet vor allem Graffiti an den Häuserwänden ab und überträgt sie in sein Notizbuch. Monk hat über die Jahre gelernt, die Graffiti zu lesen. Er spricht den Code der Stadt. Als die Unruhen ausbrechen, versucht er, nach Hause zu seiner Geliebten Karmann Ghia (wie das Auto!) zu gelangen. Gleichzeitig wollen Gangs und Polizisten an Monks Notizbuch zu kommen. Das Chaos bricht aus.

Geschichtlicher Hintergrund: 1965 brachen in Watts, dem damaligen Ghetto von Los Angeles, Unruhen aus. Auslöser waren brutale Übergriffe der Polizei auf Schwarze. Bei den Straßenkämpfen starben 34 Afroamerikaner, Tausende wurden verletzt und verhaftet.

Der Sitzgurt im Auto bewahrt vor dem Gesang der Sirenen

A. G. Lombardo: "Graffiti Palast"
A. G. Lombardo: "Graffiti Palast" Bildrechte: Verlag Antje Kunstmann

Lombardos Buch ist vor allem eine Hommage an Homers "Odyssee". Einzelne Episoden aus Homers Epos sind liebevoll in das Watts von 1965 übertragen worden. Die Sirenen werden beispielsweise zu Nachtklubsängerinnen, deren Gesang Monk magisch anzieht. Statt am Mast eines Schiffes festgebunden, übersteht Monk den Gesang allerdings, weil ihn der (damals) neumodische Sitzgurt des Autos festhält. Aus Kirke und Kalypso wird eine Prostituierte in einem existenzialistischen Bordell, die ihren Freiern Metaphysisches bietet. Und Monks Freundin wird natürlich zu Hause von anderen Männern bedrängt, wie einst Penelope.

Irrer Erfindungsreichtum vergleichbar mit Thomas Pynchon

Mit großer Lust widmet sich Lombardo seinen skurrilen Nebenhandlungen und Geschichten. Mitunter erinnert das an den irren Erfindungsreichtum eines Thomas Pynchon. Trotzdem verrennt sich Lombardo dabei nicht in seinen Nebenschauplätzen, weil er sich eng an Homers Vorlage hält. Der jazzige Grundbeat gibt dabei ein wahnsinnig schnelles Tempo vor, das einen atemberaubenden Sog entwickelt. Nebenbei behandelt Lombardo noch ziemlich abstrakte Konzepte, wie die Zeichentheorie.

Graffiti erzählen von Rassismus und Widerstand - Geschichten schreiben sich in die Häuser ein

A.G. Lombardo
A.G. Lombardo Bildrechte: Jack Hummel

Statt seine Figuren aber schnöde theoretische Monologe halten zu lassen, zeigt Lombardo immer wieder, wie sich der Kampf der Schwarzen gegen den allgegenwärtigen Rassismus auch in das Viertel eingeschrieben hat. Wie an allen Wänden und Ecken und Straßenkreuzungen die kleinen Symbole des Widerstands zu finden sind, die Monks Notizbuch dann auch zu deuten weiß. Lombardo macht in seinem Roman deutlich, dass die Stadt und das Viertel mehr sind, als nur Häuser- und Menschenansammlungen. Sie leben davon, dass die Menschen sich und ihre Geschichten immer wieder in diese Häuser einschreiben. Und man muss nur - wie Monk - mit offenen Augen durch die Stadt gehen, um die Zeichen dafür überall zu sehen.

Informationen zum Buch: A.G. Lombardo: "Graffiti Palast"
Aus dem Englischen von Jan Schönherr
Erschienen im Antje Kunstmann Verlag
352 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-95614-284-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Juli 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019, 04:00 Uhr