Pfarrer bricht am Altar das Brot
Ein Pfarrer bricht am Altar das Brot zum Abendmahl Bildrechte: colourbox.com

Buchrezension Wie isst man Gott?

Das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte, bevor er hingerichtet wurde, ist berühmt. Christen feiern es, wenn sie zum Gottesdienst zusammen kommen. Dem Abendmahl mit Blick auf die Nahrungsmittel hat der Erlanger Kirchenhistoriker Anselm Schubert nun eine Kulturgeschichte gewidmet, eine Mischung aus Kirchengeschichte und Food History: "Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls".

von Mechthild Baus, MDR KULTUR-Religionsredakteurin

Pfarrer bricht am Altar das Brot
Ein Pfarrer bricht am Altar das Brot zum Abendmahl Bildrechte: colourbox.com

Der Titel "Gott essen" klingt im ersten Moment fast etwas blasphemisch. Aber er spielt natürlich auf die Worte an, die Jesus laut biblischer Überlieferung bei seinem letzten Abendmahl spricht. Er nimmt das Brot und sagt: "Das ist mein Leib.“ Anschließend nimmt er den Kelch mit Wein und sagt: "Das ist mein Blut“. Und er verbindet das jeweils mit der Aufforderung: "Tut dies zu meinem Gedächtnis“. In der christlichen Tradition sind daraus die sogenannten Einsetzungsworte geworden, mit denen Jesus die Feier des Abendmahls gestiftet habe. Die Bibel schildert dieses letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern als jüdisches Pessachmahl. Als gläubiger Jude war Jesus mit seinen Anhängern nämlich nach Jerusalem gezogen, um dort das Pessachmahl zu feiern – bevor ihn dann Gefangennahme und Hinrichtung ereilten.     

Regelrechte Gelage

Buchcover "Gott essen"
Buchempfehlung:
Anselm Schubert: "Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls"
Bildrechte: C.H.Beck

Der Kulturhistoriker Anselm Schubert  – der ausdrücklich nicht als evangelischer Theologe, der er auch ist, schreibt – bezweifelt, dass die ersten Christen nach dem Vorbild Jesu zu gemeinsamen Mahlfeiern zusammenkamen. Sein Argument: Das Pessachmahl wird nur einmal im Jahr, nämlich im Frühling gefeiert. Die ersten Christen aber trafen sich regelmäßig zum gemeinsamen, rituellen Mahl. Das Vorbild dafür sieht Schubert im antiken Festmahl, dem Symposion, bei dem eine überschaubare Zahl an Teilnehmern – und zwar anders als bei den Christen ausschließlich Männer – zum festlichen Essen und Trinken zusammenkamen.

Was in der Theorie als Feier der Freundschaft gedacht war, konnte praktisch in regelrechte Gelage ausarten. Die ersten christlichen Gemeinschaftsmahle, so die These des Historikers, seien nichts anderes gewesen als solche privatreligiösen Feiern. Er verweist auf den Apostel Paulus, der im ersten Brief an die Korinther auf ein solches Gemeinschaftsmahl hinweist, weil es einen Konflikt gab: Die ersten Christen brachten ihre Speisen von Zuhause mit, um sie gemeinsam zu verzehren. In der frühen Gemeinde von Korinth waren die sozialen Unterschiede aber so groß, dass jeder nur das aß und trank, was er selbst mitgebracht hatte.   

Bier und Whiskey statt Wein

Beim Abendmahl sind schließlich nur noch Brot und Wein zugelassen, denn sie hatten bei den Mahlfeiern der ersten Christen schon immer eine besondere Rolle gespielt: Das Brot wurde – nach jüdischem Vorbild – zu Beginn der Feier gesegnet und gebrochen. Und der Kelch wurde dann zum Abschluss des Mahles gereicht. Dazwischen gab es das sogenannte Sättigungsmahl. Und das wird jetzt ausgegliedert, während das gemeinschaftliche Teilen von Brot und Wein ritualisiert wird. Dass beim Abendmahl nur Brot und Wein zugelassen sind, setzt sich erst in einem längeren Prozess durch: In den ersten Jahrhunderten verwenden manche Gemeinden auch Milch und Honig, es werden, so beschreibt es der Autor, aber auch Obst und Gemüse, Olivenöl und Wasser gesegnet. Den alleinigen Gebrauch von Brot und Wein schärft die Kirche zwar immer wieder ein, das bleibt aber lange schwierig: Als die nördlichen Länder Europas missioniert werden, kann dort statt Wein nur selbstgebrautes Bier beim Abendmahl verwendet werden. Und im Norden Amerikas muss lange noch auf Whiskey oder ein Surrogat aus Wasser und Rosinen zurückgegriffen werden.

Streit ums Brot

Aber auch das Brot gibt Anlass für Auseinandersetzungen. Soll es gesäuert sein oder ungesäuert? Ab dem Mittelalter werden den Gläubigen Hostien gereicht. Eine Praxis, die auch Luther übernimmt. Während also das lutherische Kursachsen Hostien verwendet, wird im benachbarten calvinistischen Fürstentum Anhalt-Zerbst Brot zum Abendmahl verwendet – der Streit darüber zieht sich über Jahre hin.

Gepantschter Wein?

Abendmahlskelche und eine Schale mit Hostien stehen auf dem Altar in einer Kirche.
Christi Leib und Blut werdenin der Eucharistie gereicht Bildrechte: MDR/Friedemann Zweynert

Um seine kulinarische Geschichte des Abendmahls zu illustrieren, hat Anselm Schubert eine Vielzahl von Quellen, auch entlegene, ausgewertet. Wo die Quellenlage am besten ist, wird das Buch besonders anschaulich. Spannend und amüsant zu lesen sind insbesondere die letzten 200 Jahre: Als die Nahrungsmittelindustrie entsteht, stellt sich die Frage der Reinheit der Lebensmittel neu. Und die betrifft auch Brot und Wein. Im 19. Jahrhundert entsteht eine ganz neue Wissenschaft: die Pastoralchemie. Mit ihr soll geprüft werden, ob es sich um gepanschten Wein handelt. Das Problem zieht sich bis heute durch: Voller Ironie schildert Schubert, welche Zusatzstoffe heute im Messwein erlaubt sind oder mit ihm in Kontakt kommen dürfen. Die Liste reicht von Asbest bis Zellulose.

Traubensaft für Abstinenzler

Zugleich erfassen ab der Aufklärung die Debatten um bessere Gesundheit und Hygiene auch die Abendmahlspraxis: Der Theologe Friedrich Schleiermacher nimmt auf seinem Sterbebett Wasser statt Wein zu sich – da ihm der Arzt Alkohol untersagt hatte. Die Abstinenzlerbewegung, die gerade in England und den USA stark ist, ermöglicht die Einführung von Traubensaft statt Messwein. Höhepunkt des Sauberkeitskults ist die Einführung von kleinen Kommunionsets: Kleine Einwegplastikbecher mit einem Schluck Wein, mit Aluminiumfolie versiegelt, dazu eine plastikverschweiste Oblate – in den USA gibt es mehrere Firmen, die so etwas in Großpackungen vertreiben.

Abendmahl mit Kokosnuss und Cola

Ordensfrau beim Abendmahl
Hostien sind die gängige Form des Abendmahls Bildrechte: colourbox

Interessant ist die Frage, wie das Abendmahl der Zukunft aussehen wird. Brot und Wein werden in vielen Teilen der Welt als europäisch, als Erbe der Kolonisatoren wahrgenommen. Dagegen werden eigene Traditionen gesetzt: Für Polynesien hat ein methodistischer Pfarrer eine eigene Liturgie entwickelt, die auf der Kokosnuss basiert. In Afrika, wo Wein oft nicht zu erhalten ist, wird das Abendmahl stattdessen mit Fanta oder Cola gefeiert. Die Frage ist, ob die Kirchen diese Vielfalt der verschiedenen Kulturen zulassen oder an der Einheit festhalten wollen, symbolisiert in Brot und Wein.

Wiederentdeckte Tradition

Eines kann man sagen: An vielen Orten wird die Tradition des frühchristlichen Gemeinschaftsmahles wiederentdeckt. In vielen Kirchen, auch in Mitteldeutschland, fanden am Gründonnerstag sogenannte Agapemähler statt, gemeinsam werden Essen und Trinken geteilt, bevor dann im Gottesdienst an das letzte Abendmahl Jesu erinnert wird. Am Sonntag nach Ostern wird zudem in vielen Kirchen die Erstkommunion junger Katholiken gefeiert.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 29. März 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. April 2018, 01:00 Uhr

Auch interessant