Intendant Martin Kranz im Interview Die anderen in den Blick nehmen: die Idee der interkulturellen Achava Festspiele

Die Achava Festspiele sind zwar ein Festival mit jüdischem Ursprung, aber dennoch interkulturell und interreligiös. In diesem Jahr werden wegen der Corona-Pandemie beispielsweise Zeitzeugen im Livestream zugeschaltet. Die Festspiele finden vom 10. bis 20. September 2020 in Eisenach, Erfurt, Weimar, Arnstadt, Jena und Gera statt.

Waidblauen Fahnen auf der Krämerbrücke  Erfurt
Die Achava Festspiele in einem der vergangenen Festivaljahre Bildrechte: imago images/Steve Bauerschmidt

Achava, das heißt Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit. Intendant Martin Kranz sagte MDR KULTUR, er habe 2014 ein Festival mit jüdischem Ursprung schaffen wollen, das aber ansonsten offen ist – interkulturell und interreligiös. "Die anderen in den Blick nehmen – das ist die Idee Achavas." Es sei eine Einladung an Künstler aus der ganzen Welt, an Wissenschaftler, an Referenten und Zeitzeugen, sich miteinander ins Gespräch zu begeben und darüber hinaus zu produzieren. "Wir schaffen Musikproduktionen, Theaterproduktionen, bildende Kunst, Fotoausstellungen und Kunstwerke."

Schwerpunkt 75 Jahre Befreiung Buchenwalds

Darüber hinaus sei ihm aber ein Bereich sehr wichtig: Die Bildungsarbeit mit jungen Leuten. Kranz: "Wir müssen mehr miteinander reden, wie wir in Zukunft miteinander umgehen wollen. Und das ganz menschlich. Das ist das, was wir bei unseren Formaten machen, menschliche Begegnungen." Wenn er Zeitzeugen der Shoah einlade, dann wolle er zwar mit ihnen und den Schülern und Studenten über ihre Erfahrungen reden. Aber auch darüber, "was das Leben uns zu sagen hat, was wir daraus lernen können, worauf wir uns einlassen sollten – den anderen immer im Blick behalten. Diese Form der gemeinsamen Gespräche ist meiner Meinung nach wichtiger denn je."

Corona-Programm: Zeitzeugen via Livestream

Die Corona-Pandemie hat ihn auch mit voller Wucht getroffen. Kranz musste das komplette Festivalprogramm umbauen. Aber er sagte sich damals im März: "Achava wird und muss stattfinden". Es gab mehrere Probleme: Künstler, beispielsweise aus Israel, konnten nicht anreisen. Also lud Kranz deutsche und europäische Künstler ein. Die zweite Schwierigkeit war die Begegnung mit den Zeitzeugen, aus Polen, Israel, den USA und Ungarn: "Da war ganz klar, sie können und werden nicht kommen." So überlegte sich Kranz ein Format mit Live-Begegnungen, Moderation und Live-Musik, bei der die Überlebenden im Livestream zugeschaltet werden.

Die alten Menschen haben keinen Reisestress, sie sind in ihrer persönlichen Umgebung und ganz ruhig. Dadurch kommt ein intimes und persönliches Gespräch zustande. Das ist für uns eine ganz große Bereicherung.

Martin Kranz, Intendant der Achava-Festspiele

Kranz hofft, dass die Kultur jetzt in der Pandemie unterstützt wird. In der Kulturbranche arbeiteten 1,2 Millionen Menschen. Das seien deutlich mehr als in der Automobilindustrie. "Diese Menschen tragen dazu bei, dass Steuern eingenommen werden." Das Ermöglichen von Kultur müsse ein wesentlicher Faktor sein.

Es braucht eine klare Perspektive für unsere Branche. Wenn 2021 nicht wieder normales kulturelles Leben stattfinden kann, stirbt diese Branche!

Martin Kranz, Intendant der Achava-Festspiele

Infos zu den Achava Festspielen Die Achava-Festspiele finden in diesem Jahr vom 10. bis 20. September 2020 in Eisenach, Erfurt, Weimar, Arnstadt, Jena und Gera statt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2020 | 11:05 Uhr