Wahlplakat der Partei Alternative für Deutschland
Bei den Kommunalwahlen 2019 legte die AfD vor allem im Osten Deutschlands deutlich zu. Bildrechte: dpa

Nach den Kommunalwahlen Wie sich die AfD-Wahlerfolge auf die Theaterszene auswirken

Die Kommunalwahlen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben die Verhältnisse in den Stadt-, und Gemeinderäten deutlich verändert. Vielerorts legte die AfD an Stimmen deutlich zu. Was bedeutet das nun für die ostdeutsche Theaterszene?

von Charlotte Witt, MDR KULTUR

Wahlplakat der Partei Alternative für Deutschland
Bei den Kommunalwahlen 2019 legte die AfD vor allem im Osten Deutschlands deutlich zu. Bildrechte: dpa

Goldene Wärmeschutzfolie und darauf die pinken Wörter "Wir sind viele, jede*r einzelne von uns" – ein Slogan, hinter dem der Verein "DIE VIELEN" steckt. Im November 2018 startete er die bundesweite Kampagne der Erklärung der Vielen.

Entstanden sei die Kampagne vor allem aus dem Gefühl heraus, dass die Inhalte des Grundgesetzes nicht mehr sicher sind, erklärt der bundesweite Koordinator Christophe Knoch. "Wir merken, dass es da einfach eine komplette Rahmenverschiebung gibt."

Viele Kulturbetriebe wie Theater und Museen haben sich seitdem mit der Erklärung der Vielen solidarisiert – auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Unterzeichner der Erklärungen bekennen sich zur Freiheit der Kunst, den Werten des Grundgesetzes und für eine offene und tolerante Gesellschaft.

Eine deutliche Botschaft, wie Christophe Knoch findet: "Es ist schon sehr spannend, dass aus der Kultur ein klares Statement zum Grundgesetz kommt und zur Freiheit der Kunst." Diese müsse nun gemeinsam neu erkämpft werden und dazu sei es gut, sich gemeinsam zu positionierten, so Koch.

Pragmatischer Umgang mit AfD-Erfolg

Theater Gera
Theater Gera Bildrechte: imago/Westend61

Es ist ein Statement, das nach den Europa- und Kommunalwahlen in eine politisch gesehen neue Zeit fällt. In vielen Regionen Ostdeutschlands gewann die AfD Stimmen hinzu. In Gera ist sie mit knapp 29 Prozent stärkste Kraft im Stadtrat. Das Theater in Gera ist mit dem Theater in Altenburg fusioniert und als GmbH organisiert. Damit wird es durch einen Aufsichtsrat geführt, der auch die politischen Verhältnisse im Stadtrat spiegelt.

Nach den Ergebnissen der Wahl wird die AfD künftig auch im Aufsichtsrat des Theaters Altenburg Gera vertreten sein. Intendant Kay Kuntze zeigt sich betont pragmatisch und geht davon aus, "dass die Aufsichtsratsmitglieder der AfD ganz normal ihre Arbeit machen und mit uns Theaterleuten gut zusammen arbeiten werden". Mittelfristig würde nach seiner Einschätzung keine Einflussnahme passieren.

Dialog statt "moralische Empörungsreflexe"

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Sachsen. Auch hier legte die AfD zu und wird nun im Aufsichtsrat des Theaters Plauen Zwickau vertreten sein. Der Intendant Roland May zeigt sich dialogbereit: "Ich bin nach wie vor gerne bereit, gute Ideen aufzunehmen und im Spielplan umzusetzen." Dabei sei er überzeugt, dass sich alle demokratischen Kräfte für die Wahrung der Kunstfreiheit einsetzen werden.

Generalintendant Kay Kuntze im Theatersaal des Landestheaters Altenburg, dunkle, festliche Stimmung, Kronleuchter und Ränge im Hintergrund, im Vordergrund Porträt des Intendanten
Kay Kuntze, Intendant Theater Altenburg Gera Bildrechte: Ronny Ristok

Der Geschäftsführer des Deutschen Bühnenvereins, Marc Grandmontagne, setzt ebenfalls auf einen sachlichen Ton in den anstehenden Debatten um die Theaterkultur: "In qualitativer Hinsicht halte ich es für geboten, sich jetzt nicht nur in moralischen Empörungsreflexen zu erschöpfen, sondern tatsächlich in einen echten Dialog zu gehen." 

Man müsse den Menschen zuhören und sie noch einmal stärker befragen, was sie eigentlich antreibe, diese politischen Kräfte zu wählen, so Grandmontagne. Dann könne man gemeinsam mit allen anderen gesellschaftlichen Kräften an einer Lösung der objektiven Versäumnisse arbeiten.

Im Theater wird immer wieder neu verhandelt

Redebedarf gibt es also auf jeden Fall. Ende Mai stellte die AfD Sachsen den Entwurf  ihres neuen Wahlprogrammes zur parteiinternen Diskussion. Dort heißt es: "Wir wenden uns gegen ein einseitig politisch orientiertes, erzieherisches Musik- und Sprechtheater, wie es derzeit auf sächsischen Bühnen praktiziert wird." Außerdem dürfe Kultur "kein Tummelplatz für soziokulturelle Klientelpolitik sein."

Intendant Kay Kuntze vom Theater Altenburg Gera sieht bei den anstehenden Diskussionen über Sinn und Zweck von Kultur auch die Theater selbst in der Pflicht. "Theater hat eine ganz starke Demokratie-reflektierende Wirkung", erklärt er. Theater seien die Orte, in denen Themen wie Kultur, Freiheit, Frieden und der Umgang miteinander immer wieder reflektiert und verhandelt würden.

Kunst als Störbetrieb

Monika Grütters
Monika Grütters, Kulturstaatsministerin Bildrechte: dpa

Diese Aufgabe des Theaters unterstrich auch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Verleihung des Theaterpreises des Bundes Ende Mai in Gera. Man müsse immer wieder klarmachen, "dass kulturelle Vielfalt stärker ist als populistische Einfalt". Dabei sei es wichtig, dass die Kunst auch ein Störbetrieb ist, der Dinge ausspricht und sichtbar macht, die nicht jedem gefallen, so Grütters. "Nur dann bleibt die Gesellschaft wach und wird nicht lethargisch. Und nur so kann man auch neuen totalitären Anwandlungen begegnen."

Nach den Erfahrungen von Theaterintendant Kay Kuntze funktioniere das vor allem mit Theaterstücken, die das Leben der Menschen selbst behandeln. Authentisch Erfahrungen und Geschichten weitergeben, heißt sein Zauberwort bzw. -rezept. Mit Zeitzeugengesprächen in Kombination mit Theateraufführungen beispielsweise: "Man muss versuchen, mit wachem Auge auf die Wunden zu blicken, die wir in den Städten fühlen". Dabei sei es wichtig, diese Themen im Theater so zu bearbeiten, dass die Menschen dort auch als Zuschauer andocken können, erklärt Kuntze.

Eine Wunde, die vom Theater noch nicht aufgearbeitet ist, sind die 90er-Jahre, die Nachwende-Zeit, die Zeit von Treuhand und Abwicklung, die Zeit großer sozialer Umwälzungen  – und vielleicht liegt genau in dieser Aufarbeitung der Schlüssel für mehr Verständnis und Dialog.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2019, 04:00 Uhr

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