Neues Album "Myopia" Agnes Obel philosophiert musikalisch über den freien Willen

Die dänische Singer/Songwriterin Agnes Obel lebt seit Jahren in Berlin. Genauer gesagt in Neukölln, von wo aus sie ihren weltentrückten Elektro-Piano-Pop in die Welt schickt, der mehrfach preisgekrönt und in so berühmten TV-Serien wie "Greys Anatomy" verwendet wurde. Ihr viertes Album hat Obel "Myopia" betitelt. Es ist ein Begriff aus der Medizin, der Kurzsichtigkeit bedeutet. Die Künstlerin ist fasziniert von den sozialen Dimensionen, die hinter solchen sachlichen Fachausdrücken lauern.

Agnes Obel
Agnes Obel lebt seit sie Mitte Zwanzig ist in Deutschland Bildrechte: dpa

Auf ihrem neuen Album "Myopia" widmet sich die Singer/Songwriterin Agnes Obel einem Problem, das sie als eines der drängendsten der modernen Öffentlichkeit ausmacht: persönlichkeitsbezogene Algorithmen, bei denen beispielsweise die Ergebnisse von Suchanfragen im Netz unseren bisherigen Suchen und Kaufentscheidungen angepasst werden. Abweichungen davon werden bei den Rechenvorgängen gezielt ausgeblendet. Die Folge davon ist eine Kurzsichtigkeit, man erhält keinen Überblick mehr. Der medizinische Begriff für Kurzsichtigkeit lautet "Myopia", daher der Albumtitel.

Agnes Obel
Agnes Obel Bildrechte: dpa

Hinter dem Titel verbirgt sich natürlich eine philosophische Diskussion über den freien Willen. Das wird immer relevanter in einer Zeit, in der es Technologien gibt, mit denen unsere Psyche gekidnappt werden kann. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob noch viel freier Wille übrig ist, heutzutage.

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Düster-traumhafte Musik zu realen Problemen

Auf einem Monitor ist das Gesicht einer Frau zu erkennen.
Traumhaft-neblig erscheint das Gesicht der Künstlerin auf dem Cover von "Myopia" – beschienen scheinbar vom kalten Licht eines Computermonitors Bildrechte: Deutsche Grammophon

Musikalisch lässt Obel unter anderem Stakkato-Streicher und dumpfe Perkussion gegen ein langsam perlendes Piano arbeiten. Die rhythmischen Wechsel, von 4/4tel zu 5/4tel Takten, die instabile Struktur soll bei den Hörenden Zweifel daran wecken, wie verlässlich das ist, was wir wahrnehmen. Es ist Musik, deren düster-traumhafter Charakter wie eine Warnung wirkt.

Obel sieht eine Radikalisierung der Menschen – hat aber auch eine Lösung: "Ich denke die Antwort ist, dass wir verstehen müssen, dass unser Verstand keine unvoreingenommene, sachliche Leinwand ist. Er ist so leicht zu manipulieren. Das müssen wir wissen und dann können wir einen Schritt zurück treten und uns nicht mehr davon bezwingen lassen." Obel gibt jedoch niemanden auf, auch nicht die "Kurzsichtigen".

Die Vielfalt der Stimmen

Das Album "Myopia" ist zudem eine Übung darin, sich dem schwer Auszuhaltenden zu nähern: Tod, Depressionen, Schlaflosigkeit und die eigene Vergänglichkeit.

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Agnes Obel tourt momentan durch Europa und die USA Bildrechte: dpa

Hauptcharakteristikum des avantgardistischen Kammerpops der Künstlerin ist die stark verfremdete und vervielfältigte Stimme Obels, die teils an Aliens, teils an folkloristische Chöre denken lässt. Sie wird nicht ohne Grund so eingesetzt, Obel erläutert: "Ich glaube nicht, dass wir nur eine Stimme haben. Wenn man mit sich selbst in seinem Kopf eine Unterhaltung hat, da gibt es so viele verschiedene Stimmen, die dich in verschiedene Richtungen drängen. In der Musik habe ich das aufgenommen, indem ich die Tonhöhen dieser Stimmen hoch und runter gezogen habe, ich habe sie auf Band aufgenommen und damit rumgespielt, dadurch bekommt man das Gefühl, dass die Zeit ein bisschen verzerrt ist."

Fasziniert von Eulen

Agnes Obel
Agnes Obel ist von Eulen fasziniert Bildrechte: PIAS

Gemeinsam mit zwei Cellistinnen und einem Violinisten erschafft Ober eine neblige Klangwelt, als würden geisterhafte Wesen durch eine verhangene Moorlandschaft schweben.

In dieser Welt tauchen auch immer wieder Obels Lieblingstiere, die Eulen, auf. "Ihre Augen können aussehen wie Wasser, weißt Du. Und Wasser hat ja auch dieses Image eines anderen Zustandes, eines Traumzustandes oder einer anderen Realität.", erläutert Obel ihre Faszination.

Ich denke es sind die Augen der Eulen, ich mag wirklich die Augen. Für mich sehen sie fast menschlich aus – und das ist komisch, wenn es von einem Vogel kommt.

Agnes Obel

Obels Musik klingt zwar nach anderen Realitäten – dennoch zeichnet die Künstlerin auf "Myopia" ein besorgniserregendes Bild unserer Welt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2020 | 07:40 Uhr

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