Aharon Appelfeld
Aharon Appelfeld (1932-2018) Bildrechte: IMAGO

Israelischer Autor und Holocaust-Überlebender Aharon Appelfeld ist tot

Aharon Appelfeld
Aharon Appelfeld (1932-2018) Bildrechte: IMAGO

Der israelische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Aharon Appelfeld ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Dies bestätigte seine Familie in Jerusalem am Donnerstag. Appelfeld war einer der produktivsten und angesehensten Schriftsteller Israels, dessen mehr als 40 Werke in 35 Sprachen übersetzt wurden.

Sein Thema: Jüdische Kindheit in Osteuropa

Das jüdische Leben vor dem Holocaust und Erinnerungen an seine Kindheit in Osteuropa - das waren die Themen von Appelfeld in vielen seiner Romane.

Immer gibt es hinter den Vorgängen eine Welt und den Schmerz um diese Welt, die jüdische Welt, die jüdische Kultur und die jüdischen Menschen.

Literaturkritiker Michael Hametner bei MDR KULTUR

Über die Grausamkeiten der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten äußerte er sich dagegen wenig. "Das ist ein einziges Grauen, das man nicht beschreiben kann", sagte er im vergangenen Jahr.

Das sind nur Leichen, Leichen, Leichen, Tod, Tod.

Aharon Appelfeld über den Holocaust

Er selbst hatte dadurch enge Familienmitglieder verloren. Appelfeld wollte als Holocaust-Überlebender aber nie als "Holocaust-Autor" gesehen werden.

Israels Präsident trauert

Israels Präsident Reuven Rivlin äußerte seine Trauer auf Facebook. Dort teilte er einen Beitrag seiner Frau Nechama, die sich erst vor ein paar Tagen begeistert über den Schriftsteller geäußert hat. Einmal habe sie gekocht und im Radio gehört, dass es ein neues Buch von Appelfeld gebe, schrieb sie. Da sei sie direkt zum nächsten Buchladen gelaufen, um sich ein Exemplar zu kaufen.

Wenn ich seine Bücher lese, dann habe ich das Gefühl, ihn sprechen zu hören.

Nechama Rivlin, Frau des Präsidenten

Totgeglaubter Vater

Appelfeld wurde 1932 in Jadowa (Rumänien) geboren und wuchs in Czernowitz in der heutigen Ukraine auf. Nach dem Einmarsch der Deutschen wurden seine Mutter und seine Großmutter ermordet, der Junge kam mit seinem Vater ins Ghetto. Er überlebte – glaubte aber, dass sein Vater gestorben ist. "Die Deutschen haben meinen Vater und mich 1941 getrennt", erzählte der Autor 2017 in seiner Wohnung in Jerusalem.

Er schlug sich unter anderem als Küchenjunge bei der Roten Armee durch und kam mit 13 Jahren in das damalige Palästina. Fast ein Jahrzehnt nach dem Krieg traf er den totgeglaubten Vater wieder – 1954 in einem Aufnahmezentrum, wo dieser bei der Ernte eingesetzt wurde. "Er hat mich wiedererkannt, ich ihn nicht", erzählte Appelfeld. Der Vater war einen Monat zuvor aus Wien nach Israel eingewandert.

Mehr als 40 Bücher

Aharon Appelfeld
Appelfeld war produktiv und preisgekrönt Bildrechte: IMAGO

Später wurde Appelfeld einer der produktivsten und angesehensten Schriftsteller Israels, er hat mehr als 40 Bücher geschrieben. Viele seiner Bücher erschienen beim Rowohlt-Verlag, darunter "Tzili", "Zeit der Wunder" und "Ein Mädchen nicht von dieser Welt". In "Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen" erzählt Appelfeld von der Geschichte eines jungen Flüchtlings, der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Palästina gelangt, sich einer Gruppe Zionisten anschließt, für seine neue Heimat kämpft, aber in seinen Träumen nie den Kontakt zu der Welt verliert, die er hinter sich lassen musste. Der Roman "Bis der Tag anbricht" handelt von einer jungen Frau, die nicht zuletzt durch äußere Umstände zu einer Mörderin wird. Erst im vergangenen Jahr war der Roman "Meine Eltern" auf Deutsch erschienen. Darin beschreibt er die verloren gegangene Welt seiner Kindheit.

Internationale Erfolge und Preise

Appelfelds Bücher wurden in 35 Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Der Schriftsteller erhielt mehrere Auszeichnungen für seine Werke, darunter 1983 den Israel-Preis, der als höchste Ehrung des Staates Israel gilt, und mehrmals den National Jewish Book Award (USA). Von 1975 bis 2001 war Appelfeld Professor für Hebräische Literatur an der Ben-Gurion-Universität Be'er Sheba. In den 1950er-Jahren hatte er Jiddische und Hebräische Literatur in Jerusalem studiert.

Keine Wut aufs Deutsche

Um die Jahrtausendwende besuchte Appelfeld mit seiner Frau Judith, mit der er drei Kinder hatte, zum ersten Mal Deutschland. "Ich habe nur nette Leute getroffen", sagte er 2017. Er habe zwar ein "ambivalentes Verhältnis" zum Deutschen, könne aber trotz seiner schweren Geschichte keine Wut empfinden, erklärte er. Appelfelds Eltern sprachen Deutsch und ließen ihren Sohn ab dem Alter von drei Jahren darin unterrichten.

Wenn ich auf das Deutsche wütend wäre - dann wäre es, als ob ich auf meine ermordete Mutter wütend wäre, und das kann ich nicht.

Aharon Appelfeld, Schriftsteller

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kulturnachrichten | 04. Januar 2018 | 11:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2018, 07:39 Uhr

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