Nach acht Jahren Pause Alanis Morissette ist wieder da - mit einem Album voller Metaphern

"Ironic", "You Oughta Know" und "Hand In My Pocket" – Songs, mit denen Alanis Morissette Mitte der Neunziger zum Superstar wurde und über 75 Millionen Alben verkaufte. Die letzten Jahre ist es allerdings ruhiger um die gebürtige Kanadierin geworden. Aus gutem Grund: Als dreifache Mutter sei an Musik nicht mehr zu denken gewesen. Bis jetzt: Nun meldet sich die Sängerin mit ihrem neuen und neuntem Studioalbum "Such Pretty Forks In The Road" zurück.

Albumcover Alanis Morissette: "Such Pretty Forks In The Road" 4 min
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Mit "Such Pretty Forks In The Road" präsentiert die kanadisch-US-amerikanische Sängerin Alanis Morissette ihr Comeback nach acht Jahren Pause. Marcel Anders hat Alanis Morissette für MDR KULTUR getroffen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 31.07.2020 12:00Uhr 04:00 min

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Acht Jahre nach ihrem letzten Studioalbum gibt Alanis Morissette mit "Such Pretty Forks In The Road" ihr Comeback. Es sei eine schwere Geburt gewesen, sagte Alanis Morissette im Gespräch mit MDR KULTUR: Kleine Kinder, die sie allein unterrichtet, ein langwieriger Rechtsstreit mit ihrem Manager und ein Umzug nach San Francisco hätten sie komplett vereinnahmt. "In einem Paralleluniversum hätte ich wahrscheinlich zehn Kinder, doch in diesem belasse ich es bei dreien. Denn ich habe gespürt, dass es wieder Zeit ist, Musik zu machen. Ich habe diese innere Stimme gehört, die sagte: 'Jetzt!'"

Erst 2018, bereits sechs Jahre nach ihrem letzten Album, hätte sie wieder Songideen entwickeln können. Sie habe wieder angefangen zu schreiben, als ihre Tochter zwei Jahre alt war und sie ihre Wochenbettdepressionen überwunden hatte. "Zuerst sind 'Diagnosis' und 'Losing The Plot' entstanden. Dann habe ich mir eine kleine Pause gegönnt, in der wir umgezogen sind, und jetzt ist das Album endlich fertig."

Einfühlsamer Sound mit Gitarre, Streichern und Klavier

Das Ergebnis passt zu ihrer aktuellen Lebenssituation: ein warmer, einfühlsamer Sound – nur mit Gitarre, Streichern und Klavier. Perfekt für ein Publikum, das es gerne ruhiger mag – genau wie sie. "Anfangs habe ich es 'das Piano-Album' genannt. Denn sämtliche Stücke sind mit meinem Keyboarder Mike Farrell entstanden. Ich hatte ihn eingeladen, es mit mir zu probieren – und dann konnten wir nicht mehr aufhören."

Das Ergebnis: ausschließlich Klavier und Gesang – bis sie ihre Produzenten Alex Hope und Catherine Marks verpflichtet habe, erzählt Morissette weiter: "Sie hatten wunderbare Ideen und ich habe sie einfach machen lassen. Ich habe die Kontrolle abgegeben und mich entspannt", so Morissette.

Metaphern fürs Zeitgeschehen

Hinter dem gepflegten Midtempo und Texten, die sich auf den ersten Blick um zwischenmenschliche Beziehungen zu drehen scheinen – um Betrug, Zurückweisung, Vereinsamung – steckt aber weitaus mehr. Es handelt sich um Metaphern fürs Zeitgeschehen: um Kommentare zur Lage der Nation, aber auch um einen Appell, sich um positive Konfliktlösung zu bemühen – im Großen wie im Kleinen.     

Alanis Morissette
Alanis Morissette gelant als 21-Jährige der Durchbruch – mit 46 Jahren veröffentlicht sie ihr neuntes Studioalbum. Bildrechte: imago images / PA Images

"Alles, was ich schreibe, ist persönlich. Gleichzeitig ist es politisch und wird vom Mikro- zum Makro-Kosmos. Von daher ist jeder Kommentar in Sachen Beziehungen auch einer auf großer Ebene – wie zwischen Nationen und Systemen." Entscheidend sei aber, dass die Leute weniger Angst hätten. Als Kind sei ihr eingetrichtert worden, sich von drei Emotionen fernzuhalten: Wut, Trauer, Angst. "Natürlich habe ich die ständig gespürt. Ich denke, wir wären alle wesentlich risikobereiter, wenn wir in unseren Beziehungen mehr Sicherheit spüren würden."

Morissette setzt auf Optimismus und Versöhnung

"Such Pretty Forks In The Road" ist ein Album, das als Ratgeber fungieren will. Das praktische Lebenshilfe erteilt und auf Optimismus und Versöhnung setzt. Doch auch die 46-Jährige hat Momente, in denen sie ihre Wut und ihren Ärger nicht verbergen kann. Sei es im Stück "Reckoning" über ihren Ex-Manager, der fünf Millionen Dollar veruntreut hat – oder "Reasons I Drink" über Missstände in der Musikindustrie. "In der Branche regiert nach wie vor das Patriarchat. Nicht mehr so schlimm wie in den Neunzigern, aber es ist immer noch vorhanden. Die MeToo-Bewegung hat vor allem Licht auf die Filmindustrie geworfen, dabei ist das in der Musikindustrie noch ausgeprägter."

Klare Worte – und eine schallende Ohrfeige für eine Branche, in der es kaum Frauen in Führungspositionen gibt, und die – so Alanis Morissette– immer noch auf überholten Strukturen basiert. Da wünscht sie sich genauso schnelle Veränderungen wie in der US-Politik.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. Juli 2020 | 13:15 Uhr