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Albrecht Koch ist Organist und seit Anfang Oktober 2022 Präsident des Sächsischen Kultursenats. Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Interview zum AmtsantrittSachsens Kultursenats-Präsident Albrecht Koch: "Kultur ist etwas Existentielles"

Stand: 14. Oktober 2022, 21:47 Uhr

Albrecht Koch ist Organist im Dom zu Freiberg und seit Anfang Oktober 2022 auch Präsident des Sächsischen Kultursenats. Vor welchen Herausforderungen Kunst und Kultur in Zeiten von Corona-Pandemie, Krieg, Inflation und Energiekrise stehen, erklärt er im Interview und wirft unter anderem die Frage auf, ob im Bereich Kultur genug für Kinder und Jugendliche getan wird.

MDR KULTUR: Eine Krise jagt die nächste: Corona, Krieg, Inflation und Energiekrise. Welche Maßnahmen fordern Sie von der Politik, damit die Kultur wieder auf die Beine kommt? Ist das immer noch der Schrei nach Geld oder überwiegt der Wunsch nach einem langfristig angelegten Maßnahmenplan?

Abrecht Koch: Ich würde sagen beides. Schrei nach Geld, so würde ich es gar nicht formulieren. Ich denke gleich an das Lied "Schrei nach Liebe", also an das, was über das Geld hinausgeht. Zunächst geht es erst einmal um ein Anerkennen der Wichtigkeit von Kunst und Kultur in dieser Krisenzeit, auch angesichts vielleicht irgendwann anbrechender Verteilungskonflikte bei schrumpfenden Mitteln. Es geht um die Anerkennung von Kultur in ihrer ganzen Breite, als etwas, das mehr als nur schmückendes Beiwerk ist und uns das Leben nett macht. Kunst ist etwas Existenzielles, was Menschen aller Generationen durchs Leben trägt.

Wenn weniger Mittel für Kunst und Kultur zur Verfügung stehen, was sollte ihrer Meinung nach verstärkt gefördert werden?

Wenn wir Kultur auch als einen Standortfaktor sehen, dann müssen wir unbedingt in den ländlichen Räumen weiter Geld für Kultur zur Verfügung stellen. Es bringt ja niemandem etwas, wenn wir Görlitz mit einem ICE anbinden und eine neue Autobahn in der Lausitz bauen, aber die Leute dort nicht leben wollen, weil die Standorte unattraktiv sind. Ich spreche hier nicht nur von Theatern, sondern beispielsweise auch von Musikschulen, von Soziokultur, Bibliotheken oder Museen. Also all das, was das Leben ein bisschen lebenswert macht, muss funktionieren.

Sonst haben wir die Autobahn nur gebaut, damit die Menschen schnell in den nächsten großen urbanen Raum zurückpendeln. Das kann ja gerade jetzt im Strukturwandel kein Gewinn sein. Ich glaube, viele haben noch nicht begriffen, dass es nicht nur um die großen Leuchttürme geht, etwa Staatstheater, die nach außen strahlen und das meiste Geld bekommen. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist ein Kampf zwischen Stadt und Land.

Nach den Corona-Einschränkungen wird immer wieder betont, dass partizipative Formate, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, besonders wichtig sind. In welche Richtung denken Sie da?

Ich glaube, dass sich in den letzten Jahren, also selbst ohne Corona, schon wahnsinnig viel gewandelt hat im Umgang mit Kunst und Kultur – auch was das Partizipative angeht. Wir haben heute kein Theater mehr wie vor zehn, 15 Jahren und auch Konzertprogramme. Auch die Darstellung im Ganzen, hat sich total gewandelt. Da sehe ich schon eine Veränderung. Für mich ist aber immer die Frage: Tun wir genug? Also ermöglichen wir Kindern und Jugendlichen genug, und sehen wir es auch in einem größeren Zusammenhang?

Das Partizipative an der Kunst für Jugendliche beschränkt sich ja nicht nur auf die Kulturlandschaft. Wir müssen genauso auch in die Schulen hineinschauen. Dort ist es – zumindest gefühlt – so, dass es immer noch nicht schlimm ist, wenn Musik und Kunst ausfallen, wenn Physik ausfällt hingegen schon. Aus meiner Sicht haben wir eine viel zu starke Fixierung auf die MINT-Fächer in Sachsen. Dem, was den Menschen als Ganzen ausmacht, was ihn in seinem Wesen, in seinen Empfindungen und seinem zwischenmenschlichen Agieren prägt, geben wir viel zu wenig Raum.

Albrecht Koch ist hauptberuflich Organist im sächsischen Freiberg. Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Viele Kultureinrichtungen haben momentan einen Publikumsschwund zu beklagen. Inwieweit müssen sich Kunst- und Kulturschaffende neu aufstellen, um das Publikum wieder zurückzubekommen?

Wir sind alle insgesamt im Prozess des Neu-Aufstellens und des Sondierens. Ich habe für mich gelernt, dass man vor allem Geduld haben muss. Ich glaube, wir haben das Publikum noch nicht ganz verloren, es gibt aber noch wahnsinnig viel tun, um es wieder zurückzuholen. Das Publikum kommt anders zurück. Das Verhalten, beispielsweise an den Theatern, ist anders geworden, sehr viel kurzfristiger. Natürlich spielen mittlerweile auch finanzielle Probleme eine Rolle, aber viele Menschen kaufen eben nicht ein halbes oder Dreivierteljahr im Voraus ihre Karten. Man kauft kein Abo mehr, sondern geht an die Abendkasse. Das Verhältnis von Vorverkauf zu Abendkasse hat sich total gewandelt, da muss man neu denken. Nach einer Orgelsaison in Freiberg habe ich gemerkt, dass viel mehr Leute als früher an die Abendkasse kommen. Wir müssen Vertrauen haben und dranbleiben. Das könnte schon ein guter Weg sein – aber einfach ist er nicht.

Das Interview führte Moderatorin Annett Mautner für MDR KULTUR.
Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Kultur in der Krise

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 13. Oktober 2022 | 18:10 Uhr