Neuer Zugang zu einem populären Werk "Goldberg-Variationen" mal nicht barock sondern modern

Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen sind ein absolutes Muss für alle, die sich intensiv mit dem Klavier oder dem Cembalo beschäftigen, ein Meisterwerk! Entsprechend groß ist die Anzahl an CD-Einspielungen. Vor fast fünfzig Jahren hat der englische Cembalist und Dirigent Trevor Pinnock das Werk auf dem Cembalo eingespielt – die Aufnahme hat bis heute Referenzcharakter. Nun hat Trevor Pinnock die Goldberg-Variationen wieder aufgenommen, allerdings als Dirigent und mit einem Kammerorchester, dem Royal Academy of Music Soloists Ensemble.

Royal Academy of Music Soloists Ensemble, Trevor Pinnock. Goldberg Variations
CD-Cover zu den Goldberg-Variationen Bildrechte: LINN RECORDS

"Musik ist mein Leben! Ich bin schon im ganz frühen Alter zur Musik gekommen. Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie mich mal ans Meer mitgenommen haben. Ich war etwa zwei Jahre alt. Und am Pier spielte ein Blasorchester. Und ich wollte unbedingt raus aus meinem Buggy und tanzte, und zwar so lange, bis die aufgehört haben zu spielen. Ich denke, damit hat alles angefangen", erzählt Trevor Pinnock.

Pinnock gilt als Pionier der historisch-informierten Aufführungspraxis. Mit seinem Ensemble "The English Concert" hat er über Jahrzehnte Maßstäbe gesetzt in Sachen Originalklang. Vor diesem Hintergrund fällt seine neue CD absolut aus dem Rahmen. Bachs Goldbergvariationen für Kammerorchester klingen hier nämlich überhaupt nicht "barock". Die Mitglieder der Royal Academy of Music spielen auf modernen Instrumenten, der Klang ist satt und süffig. Dazu erklärt Pinnock: "Nun, ich habe immer auch mit Musikern, die auf modernen Instrumenten spielen, gearbeitet, mit modernen Orchestern. Ich habe da nie Barrieren gesehen."

Trevor Pinnock
Trevor Pinnock Bildrechte: dpa

Goldberg-Variationen in Schönbergscher Manier für Kammerorchester

Die Bearbeitung der Goldberg-Variationen, die Trevor Pinnock hier aufgenommen hat, stammt aus der Moderne, vom Komponisten Józef Koffler. Der ist in Galizien aufgewachsen und war später in Wien tätig. Dort pflegte er Kontakte mit den Protagonisten der Neuen Wiener Schule wie Alban Berg und Arnold Schönberg. Schönberg hat die großen Konzertwalzer von Johann Strauss für Kammerorchester bearbeitet. Koffler dagegen beschäftigt sich mit Händel und Bach – und so kam er auf die Idee, die Goldberg-Variationen in Schönbergscher Manier für Kammerorchester zu bearbeiten.

Die Art und Weise wie Józef Koffler die komplizierten kontrapunktischen Linien der Musik Bachs auf die Instrumente des modernen Orchesters übertragen hat, sind faszinierend. Trevor Pinnock erkennt darin sich selbst wieder, wie er vor fast fünfzig Jahren beim Einstudieren des Werkes diesen Linien nachspürte. Dass das klangliche Ergebnis so ist, wie es im  Entstehungsjahr der Bearbeitung 1939 üblich war und nicht, wie Bach selbst es sich womöglich vorstellte, das liegt auf der Hand. Aber auch das ist heute natürlich "historische Aufführungspraxis" betont Trevor Pinnock. Letztendlich komme es immer darauf an, die Musik im jeweiligen Kontext ihrer Entstehung lebendig zu machen.  

Die Wahl des passenden Instruments ist zwar wichtig, aber im gesamten Prozess nur ein Detail. Viel wichtiger ist die innere Reaktion auf die Musik, wenn wir sie aufführen, die Gestimmtheit. Die Wahl der Instrumente oder des Saales usw., das kommt alles erst danach.

Trevor Pinnock

Ein neuer Zugang zu einem Werk

Das Royal Academy of Music Soloists Ensemble spielt mit enormer Präzision, aber auch mit der notwendigen Emotion. Trevor Pinnock und sein Orchester eröffnen in der Tat einen neuen Zugang zu den Goldberg-Variationen. Es wäre zu wünschen, dass sich diese hörenswerte Bearbeitung von Józef Koffler, der übrigens 1944 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, den Weg in die Konzertsäle der Welt findet!

Informationen zur Aufnahme: "Goldberg Variations"

Ausführende:
Royal Academy of Music Soloists Ensemble / Trevor Pinnock

Label:
LINN RECORDS

Bestellnummer / EAN:
CKD609 / 0691062060929

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Oktober 2020 | 07:40 Uhr