Anna Ternheim, Musikerin
Anna Ternheim hat gerade ihr achtes Album veröffentlicht. Bildrechte: Cheryl Dunn

Albumkritik: "A Space For Lost Time" Anna Ternheim schreibt Liebeskummersongs, die nicht runterziehen

"A Space For Lost Time" – ein Ort für verlorene oder verschwendete Zeit. So heißt das achte Album der schwedischen Singer/Songwriterin Anna Ternheim. Ein Titel, der Bände spricht, denn richtig optimistisch ist die Dame aus Stockholm eher selten: Sie schreibt ihre Musik in erster Linie zur Selbsttherapie. Also immer dann, wenn sie sich ihren geballten Beziehungsfrust von der Seele singen muss. Und das passiert scheinbar ziemlich oft.

von Marcel Anders, MDR KULTUR-Musikkritiker

Anna Ternheim, Musikerin
Anna Ternheim hat gerade ihr achtes Album veröffentlicht. Bildrechte: Cheryl Dunn

Am schlimmsten ist das Ausziehen aus der gemeinsamen Wohnung – wenn es kein Zurück mehr gibt. Die Kartons sind gepackt, man retourniert den Schlüssel und es herrscht eisige Kälte. Fast, als ob jemand gestorben wäre.

Anna Ternheim, Singer-/Songwriterin

"Ok, vielleicht ist es nicht ganz dasselbe, aber irgendwie stirbt ja jemand für dich", ergänzt sie dann noch.

Anna Ternheim wirkt, als könne sie kein Wässerchen trüben: Eine große, lebenslustige, redselige und charmante Blondine, die sich nicht versteckt. Die ganz offen über ihr chronisches Beziehungsproblem redet, das immer wieder in Tränen, Sinnkrisen und Umzügen gipfelt, aber – da liegt die Ironie – auch genau den Stoff liefert, mit dem sie jetzt schon ihr achtes Album füllt. Eben Herzschmerz als kreativer Katalysator.

Anna Ternheim, Musikerin
Bildrechte: Cheryl Dunn

MDR KULTUR - Das Radio Mo 07.10.2019 08:10Uhr min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anna Ternheim, Musikerin
Bildrechte: Cheryl Dunn

MDR KULTUR - Das Radio Mo 07.10.2019 08:10Uhr min

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Audio

Liebeskummersongs als Katharsis

Label - BMG RIGHTS MANAGEMENT - Bestellnummer - 538528252 - EAN - 4050538528251
Anna Ternheim – A Space for Lost Time Bildrechte: BMG RIGHTS MANAGEMENT

"Wenn ich in einer glücklichen Beziehung bin, geht es mir so gut, dass ich gar keine Musik schreibe – dass ich lieber schwimmen gehe oder andere Sachen mache", erzählt die Musikerin. "Dann denke ich gar nicht daran, an neuen Songs zu arbeiten."

Da kann man froh sein, dass die 41-Jährige noch nicht den Richtigen gefunden hat – und es ihren Freundinnen scheinbar nicht viel besser geht. Denn Anna Ternheim weiß Liebeskummer so zu verpacken, dass er keineswegs depressiv oder melancholisch stimmt. Dass er den Hörer nicht runterzieht, sondern – im Gegenteil – etwas Kathartisches hat, eben eingängiger Gitarren-Pop mit Harmonie und Wärme, mit filigranen Arrangements und einem gelungenen Wechselspiel aus Minimalismus und Opulenz.

Produktion in Los Angeles und Stockholm

"Wenn du ein Album aufnimmst, willst du, dass es ein Erlebnis wird – von Anfang bis Ende. Und zwar für alle, die das noch zu schätzen wissen", sagt Ternheim. "Um die Aufmerksamkeit über die Dauer von zehn Songs aufrecht zu erhalten, brauchst du das gesamte Spektrum: Die reduzierten Momente, um sie den aufwändig arrangierten gegenüberzustellen. Und etwas Langsames für das Schnelle. Einfach, um für eine kleine Reise zu sorgen. Darauf kommt es an."

Anna Ternheim, Musikerin
Ihr neues Album hat Anna Ternheim in Schweden und den USA produziert Bildrechte: Cheryl Dunn

Dafür betreibt die Tochter aus gutem Hause, die Eliteschulen in der Schweiz und den USA besucht hat, einigen Aufwand: Die Hälfte der Stücke ist in Los Angeles mit Thom Monahan, dem Produzenten von Devendra Banhart, entstanden. Die anderen in Stockholm mit Björn Yttling von Peter, Björn And John. Einfach, um den Songs unterschiedliche Stimmungen zu verpassen, um möglichst vielseitig zu klingen. Und auf der Bühne entsprechend variabel zu sein. Wie gut das funktioniert, hat sich auch schon in anderen Genres herumgesprochen.

Zufallsbegegnung mit Bruce Dickinson

"Vor einiger Zeit habe ich kleine Akustik-Shows in der britischen Botschaft in Stockholm gespielt – für den Botschafter und seine Gäste", erzählt Ternheim. Mit einem davon habe sie sich nett unterhalten. Er habe gefragt, wie lange sie schon Musik mache und gemeint, er würde ihr Set mögen. "Als ich ihn fragte, was er so täte, hieß es, er würde Flugzeuge fliegen. Nachdem wir uns verabschiedet hatten, meinte jemand von meiner Plattenfirma, ob ich wüsste, mit wem ich da geredet habe – nämlich Bruce Dickinson. Meine Antwort war: ‚Wer ist Bruce Dickinson?‘"

Inzwischen weiß Anna Ternheim: Es handelt sich um den Sänger der britischen Hardrock-Band Iron Maiden, mit dem sie auch gerne mal etwas aufnehmen würde. Doch vorher geht sie erst einmal auf Tournee.

Anna Ternheim live erleben Am 31. Oktober gastiert Anna Ternheim im Berliner Kesselhaus, am 1. November im Felsenkeller in Leipzig und am 2. November in der Scheune in Dresden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Oktober 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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