Album Marcello Fantoni entdeckt Paganini als Gitarren-Experten

Den meisten Menschen ist Niccolò Paganini für seine "Capriccios" bekannt, die mit zu den schwersten Kompositionen gehören, die es für Violine gibt. Doch der Italiener hat auch viel für die Gitarre geschrieben. Diese Werke führen allerdings ein Schattendasein. Der Gitarrist Marcello Fantoni hat in den "43 Ghiribizzi" jedoch mehr entdeckt, als ihnen gemeinhin zugestanden wird. Mit einer speziellen Gitarre, viel Recherche und Improvisationsbereitschaft hat er sie eingespielt.

Einem unbekannten Mädchen aus Neapel hat Niccolò Paganini diese Klänge gewidmet: die vierzehnte seiner kleinen Ideen für Gitarre – eines Zyklus, der beim Blick auf Paganinis Gesamtwerk gern ebenso unterschätzt wird, wie all seine Gitarrenkompositionen. Dabei steckt dort einiges drin.

Das wichtigste Charakteristikum in Paganinis Umgang mit der Gitarre ist die Bedeutung, die er der Melodie beimisst. Und die gitarrenspezifische Melodik seiner Kompositionen. Es geht immer um Kantabilität. Da ist er auch ein Kind seiner Zeit; und man spürt, wie eng er zum Beispiel mit Rossini befreundet war.

Marcello Fantoni

Paganini fordert neue Spielweisen

Der Gitarrist Marcello Fantoni hat sich profiliert als Interpret, aber auch als Musikforscher und Komponist. Schon auf seinen bisherigen Alben befasste er sich mit Musik der Paganini-Zeitgenossen Federico Moretti und Rinaldo Legnani. Aber auch auf den Feldern der Moderne und der Neuen Musik ist er aktiv. Mit diesem Rüstzeug, das über die reine Notentext-Interpretation hinausgeht, näherte er sich Paganinis Zyklus. "Viele der 43 Ghiribizzi scheinen unvollendet geblieben zu sein. Nun wissen wir, dass sie in sehr kurzer Zeit komponiert wurden. Wenn man bedenkt, welcher Stellenwert in Paganinis Konzerten der Improvisation zufiel, dann sollte man ein solches Stück meines Erachtens als eine Basis auffassen: ein Muster und eine Wegvorgabe für das Spiel, die man aber spontan während des Vortrags anreichern kann", analysiert Fantoni.

Cover „Ghizibizzi“ von Marcello Fantoni.
"Ghizibizzi" von Marcello Fantoni Bildrechte: NAXOS DEUTSCHLAND Musik & Video Vertriebs GmbH

Um das dem Interpreten zu erleichtern, wandte Paganini gängige Kunstgriffe an: Er schrieb etwa in Tonarten, in denen man komfortabel auch Leersaiten der Gitarre nutzen kann, sodass man mit der Greifhand keine unnötige Akrobatik veranstalten muss. Auf dieser Basis aber, so lobt Fantoni, habe Paganini wohlkonstruierte Melodien mit ungewöhnlichen Basslinien kombiniert: "In all seinen Kompositionen zollt Paganini den Eigenheiten der Gitarre hohen Respekt. Er kennt sich da bestens aus. Allerdings sind die 43 Ghiribizzi nach meinem Dafürhalten auch von seiner Violinstilistik beeinflusst. Das kann gehen bis zur Scordatur, dem Umstimmen einzelner Saiten. Aufgrund dieser Erkenntnisse habe ich versucht, alle Melodien auf derselben Saite zu spielen, um störende kleine Unterschiede im Ton auszuschließen."

Mehr als leichte Unterrichtsmusik

Auf dieser Basis lässt Fantoni dann seinem Können auch bei der Tonbildung freien Lauf: etwa mit gezieltem Vibrato oder per Anschlag. Gerade mit seinem melodischen Ausdruck gelingt es Fantoni, den Spannungsbogen auf diesem Album zu halten. Kein Kinderspiel, denn Paganini hat mitunter vier oder fünf aufeinander folgende Miniaturen in derselben Tonart geschrieben. Überdies muss man Moll-Kompositionen in diesem Zyklus mit der Lupe suchen.

Eine andere Schwierigkeit ist, dass man beim Spiel vieler dieser Melodien auf der Gitarre die menschliche Stimme imitieren sollte. Schließlich ist bekannt, wie Paganini sich auch bei seinem Violinspiel die menschliche Stimme zum Vorbild nahm. Mit diesem Ansatz sind die 43 Ghiribizzi viel schwerer zu spielen, als man das normalerweise von ihnen denkt.

Marcello Fantoni, Gitarrist

Freimütig bekennt Marcello Fantoni, dass er diese Musik so nur auf seiner besonderen Gitarre habe spielen können: Es ist ein 50 Jahre altes Instrument aus der Werkstatt Pietro Gallinottis, eines bedeutenden italienischen Instrumentenbauers. Diese Gitarre kombiniere moderne Klangfarben mit traditionellen aus der Romantik. Eben das passende Instrument für diesen Zyklus, meint Fantoni: "Ich bin sicher, dass viele Interpreten und auch Lehrer den Fehler begingen, die 43 Ghiribizzi als Sammlung leichter Stücke für den Unterricht zu betrachten. Ich halte sie aber für eine der wunderbarsten Sammlungen von Gitarrenmusik überhaupt. Um es bildlich zu erklären: Sie sind wie ein riesiger musikalischer Fundus hinter einer verschlossenen Tür. Zu dieser Tür muss man den Schlüssel finden.“

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. August 2020 | 07:10 Uhr