Robbie Robertson, Musiker
Robbie Roberston Bildrechte: Don Dixon

Musikempfehlung Mafiafilm für die Ohren: Robbie Robertsons Album "Sinematic"

Der kanadische Musiker Robbie Robertson ist 76 Jahre alt. Bekannt wurde er mit The Band – eine visionäre Folk-Rock-Gruppe, die in den 1960er-Jahren auch Bob Dylan begleitete. 1976 löste sich The Band mit einem opulenten Konzert auf, das von Martin Scorsese gefilmt wurde. Das war der Ausgangspunkt für Robertson Solokarriere mit eigenen Alben und als Soundtrack-Komponist – und vor allem für Martin Scorsese. Mit Robertsons sechstem Soloalbum "Sinematic" bringt der Musiker nun die Stränge seiner Karriere zusammen. MDR KULTUR-Moderator Stefan Maelck stellt unser Album der Woche vor.

Robbie Robertson, Musiker
Robbie Roberston Bildrechte: Don Dixon

"Sinematic" wird mit S geschrieben aber mit C gesprochen. So ist schon der Titel des Albums ein Verweis auf Robbie Robertsons Verhältnis zur Filmkunst. Wer etwa das Gangsterepos "Casino" von Martin Scorsese gesehen hat, wird nie vergessen, wie perfekt der Streifen auf Musik geschnitten ist – nur eine der Großtaten, die auf Robbie Robertson zurückgehen.

Mit dem Album "Sinematic" greift der Kanadier nun eine horizontale Erzählspur wieder auf, die sich durch sein Gesamtwerk zieht: das Abseitige, Düstere, das Leben am Rand der Gesellschaft – egal ob als Rockmusiker oder Gangster. So wird etwa im Einstiegssong "I hear you paint Houses" die Szenerie eines Mafiafilms entworfen und von Robertson mit Raspelstimme intoniert. Fehlt eigentlich nur noch der Mobster-Kumpel mit Hut und Nadelstreifenanzug, der den Auftragskiller anheuert.

Morrison, Bob Dylan und Robbie Robertson
Van Morrison, Bob Dylan und Robbie Robertson (von links) im Konzertfilm "The Last Waltz". Bildrechte: IMAGO

Klar, Van Morrison ist zu Gast, es gibt Pasta, es gibt irgendetwas Blutiges, bevor das große Saubermachen beginnt. Das Kopfkino ruft natürlich sofort die Bilder aus dem Film zum Abschiedskonzert "The Last Waltz" auf, wo der Belfast Cowboy im bescheuerten Glitzerjacket allen die Show stiehlt. Rockmusik, und das ist eine gute Nachricht, ist nach knapp 60 Jahren ebenso selbstreferenziell wie Filmkunst. Und "Sinematic" ist das genreübergreifende Verbindungsstück. Wenn dann im zweiten Stück "Once were Brothers" die alte Bruderschaft beschworen wird, dann kann man das als Mafia-Epos lesen oder aber eben als Geschichte von The Band: Eine Geschichte von fünf jungen Männern, die in einem rosa Haus, dem Big Pink, zusammen wohnten, musizierten und träumten. 

Ein cineastisches Album

Robbie Roberston
Robbie Robertson 1987 in Amsterdam. Bildrechte: imago/Reporters

Schon auf seinem zweiten Solo-Album "Storyville" 1991 sang Robertson Nachtgeschichten aus dem verschwundenen Vergnügungsviertel Storyville in New Orleans, dem unzüchtigen und gefährlichen Vorläufer des heutigen French Quarter. Mit "Sinematic" nun beweist Robbie Robertson 28 Jahre später, dass das Album als Gesamtwerk ebenso wenig verschwunden ist wie der Spielfilm. Beide haben sich nur neben andere Formate gestellt, neben Track und Serie. Wer etwa mit den Scorsese-Filmen und New Hollywood groß geworden ist, der hat das Verlangen nach dieser Dramaturgie in der DNA und wird sich an dem großen Bogen, den das Album spannt, begeistern – während andere vielleicht Längen empfinden. Es ist also durchaus sinnvoll, dieses fett produzierte Album im Ganzen zu hören, um die cinematische Arbeitsweise zu verstehen. Nach der beschriebenen, großen Eröffnung und einigen falschen Fährten kommt dann mit dem fünften Track auch die geheimnisvolle Frau ins Spiel, ohne die es im Mafia Epos nun mal nicht geht – gesungen von Laura Satterfield.

Zwei Ausnahme-Gitarristen und ein Hauch Morricone

Sinematic, Robbie Robertson
Cover des Album "Sinematic" Bildrechte: Universal

Während das Vorgängeralbum "How to Become Clairvoyant" mit den unzähligen Gästen ein wenig zerfasert klang, ist "Sinematic" wieder ein typisches Robbie-Robertson-Album mit durchgehendem Narrativ und dennoch musikalisch abwechslungsreich. Mit "Street Serenade" bereitet Robertson den Album-Showdown vor, in dem eine einsame Trompete den Boulevard hinunter hallt. Der letzte Song dieses von musikalischen und textlichen Cliffhangern nur so strotzenden Albums ist der Gänsehautsong "Praying for Rain". Danach kommt nach ein Bonustrack namens "Remembrance" – klar, ein Album namens "Sinematic" muss auch eine Abspannmusik haben. Und was für eine. Mit dabei sind die Gitarren von Doyle Bramhall II und Derek Trucks und die Mundharmonika von Frederic Yonnet, die das Echo von Ennio Morricone beschwört. Großes Kino – dieses Lob wird ja leider so inflationär und leichtfertig verstreut wie klebriges Popcorn. Aber hier trifft es endlich mal zu.

Levon Helm, Garth Hudson, Robbie Robertson, Rick Danko, Richard Manuel (von links)
The Band: Levon Helm, Garth Hudson, Robbie Robertson, Rick Danko, Richard Manuel (von links). Bildrechte: IMAGO

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. September 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. September 2019, 04:00 Uhr