Die Mitglieder der Band "The Delines" stehen in einem Musikstudio.
Die Mitglieder der Band "The Delines" stehen im Musikstudio: Schriftsteller und Songtexter Willy Vlautin ganz links und Sängerin Amy Boone in der Mitte. Bildrechte: Melodycat Music Promotion

Albumkritik "The Imperial" The Delines singen von gescheiterten amerikanischen Träumen

Vielleicht haben Sie es auch schon erlebt: Man arbeitet an einem Projekt, doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes, alles kommt zum Stillstand, alles hängt in der Luft. Die amerikanische Band The Delines hat genau so etwas auch erlebt, allerdings in einer besonders gnadenlosen Form. Und als wollten sie sagen "jetzt erst recht", haben sie nun ihr zweites Album vorgelegt: "The Imperial" erscheint am 11. Januar 2019.

von Anna Pröhle, MDR KULTUR

Die Mitglieder der Band "The Delines" stehen in einem Musikstudio.
Die Mitglieder der Band "The Delines" stehen im Musikstudio: Schriftsteller und Songtexter Willy Vlautin ganz links und Sängerin Amy Boone in der Mitte. Bildrechte: Melodycat Music Promotion

Die beiden Amerikaner Amy Boone und Willy Vlautin hatten eigentlich alles, was sie brauchen. Der Schriftsteller und Songwriter Vlautin und die Sängerin Boone hatten sich über Umwege ein paar Jahre zuvor kennen und schätzen gelernt, sowie erfahrene und bereichernde Mitmusiker gefunden. Unter dem Bandnamen The Delines hatten sie 2014 dann ihr Debütalbum "Colfax" veröffentlicht. Zwei Jahre und unzählige Konzerte später sollte nun der Nachfolger an den Start gehen. Sollte.

Doch dann kam alles ganz anders: Als Amy Boone auf einem Bürgersteig im texanischen Austin unterwegs war, wurde sie von einem einparkenden Auto angefahren und beide Beine waren gebrochen. Sie konnte nicht am Album weiter arbeiten, sondern musste neun Operationen über sich ergehen lassen und anschließend mühsam wieder laufen lernen. Amy litt zudem immer wieder unter Panikattacken. Eine Zerreißprobe für die Band. Erst nach zwei Jahren konnte die Sängerin wieder ins Studio, um die Arbeit am Album fortzusetzen.

Zwischen Country, Soul und Folk

In der daraus erschienenen ersten Single "Eddie & Polly" zeigen sich The Delines voller Energie und Gefühl. Die Musik rollt zwischen Country, Soul und Folk vor sich hin, und der Text hat es in sich. "Eddie & Polly" erzählt von einem jungen Paar, das nach New Orleans geht. Irgendwann ist das Geld alle, sie zerstreiten sich und gehen getrennte Wege. Amy Boone singt so nüchtern-schöne Zeilen wie: "New Orleans ist kein Ort um pleite zu sein, aber sie sind zu jung um zu verstehen, dass es keinen guten Ort gibt, um pleite zu sein". Tja, so ist es wohl.

Die Musik auf "The Imperial" bewegt sich zwischen Romantik, Einsamkeit, Verlorenheit aber auch Hoffnung. Und jeder der Songs erzählt eine eigene Geschichte, in dem es meist nicht ums große Gewinnen geht. So beginnt der Titel "Holly the Hustle" mit der Zeile: "Ihr Vater züchtete Quarter-Horses, die niemals gewinnen würden." Und das ist erst der Anfang. Der Text von "Holly the Hustle" ist so traurig, dass man in Tränen ausbrechen könnte, wenn Amy Boones Stimme nicht so unheimlich zärtlich und gleichzeitig stark wäre. So hört man ihr weiter zu und hofft, dass vielleicht doch noch alles gut wird.

"The Imperial" erzählt von all den gescheiterten amerikanischen Träumen, die es niemals in einen Film schaffen, von den verlorenen Gestalten und dem einfachen Leben mit seinen Schicksalsschlägen. So wie im Song "Where are you Sonny?", in dem eine Frau ihren vermissten Freund sucht.

Trotz trüben Texten kein trauriges Album

Sich in die Protagonisten der Delines-Songs hineinzuversetzen könnte beim Hören Angst und Bange machen. Tut es aber nicht, dafür sind die Wendungen zu poetisch, ist die Instrumentierung zu versiert und der Gesang zu mitreißend. "The Imperial" strahlt eine ungeheure Stärke aus. Dank der Trompeten- und Keyboard-Arrangements Cory Grays, dank der Texte Willy Vlautins und natürlich Amy Boones Stimme.

The Delines haben mit "The Imperial" ein musikalisch ausgereiftes Album vorgelegt. Es ist eine erwachsene Platte, deren Reiz die Widersprüchlichkeit zwischen Form und Inhalt ausmacht. Die größte Hoffnung ist aber sicher die Band selbst. Im Gegensatz zu ihren Protagonisten haben sich Amy Boone und ihre Bandkollegen nicht unterkriegen lassen. Das Leben muss schließlich weitergehen. Mit "The Imperial" erst recht.

Angaben zum Album: "The Imperial" (2019)
erschienen bei Decor/Indigo
CD 17 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Album der Woche | 07. Januar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Januar 2019, 04:00 Uhr

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