Matt Berninger, Sänger der US-Band The National beim Primavera Sound Music Festival 2018 in Barcelona
Matt Berninger, Sänger der US-Band The National Bildrechte: IMAGO

Albumkritik Neues Album von "The National": Experimentell und wenig dynamisch

Das neue, achte Album der amerikanischen Band The National heißt "I Am Easy To Find". Dahinter verbirgt sich ein Kunstprojekt, das selbst eingefleischte Fans des Quintetts aus Cincinnati überraschen dürfte. MDR KULTUR-Musikkritiker Marcel Anders hat es gehört und sich mit Sänger Matt Berninger in Paris getroffen.

Matt Berninger, Sänger der US-Band The National beim Primavera Sound Music Festival 2018 in Barcelona
Matt Berninger, Sänger der US-Band The National Bildrechte: IMAGO

Matt Berninger, Sänger von The National, schwärmt für Mike Mills – eigentlich Regisseur von Arthouse-Filmen wie "20 Century Women" und Video-Clips für Air oder Moby. Für "I Am Easy To Find" schlüpft der 53-jährige erstmals in die Rolle des Produzenten und Arrangeurs, wie Berninger erzählt:

"Für uns als Band gibt es Millionen Gründe, warum Songs auf eine bestimmte Art konstruiert sein müssen – und nicht anders. Aber Mike stellte uns Fragen wie: 'Wie würde es klingen, wenn wir das umdrehen, den Part rausnehmen oder alle Gitarren entfernen?' Die Tatsache, dass er keines dieser Spielchen kannte, die wir normalerweise untereinander austragen, hat dafür gesorgt, dass wir nicht wussten, wie wir uns gegen ihn wehren sollten. Deshalb haben wir es zugelassen, dass Sachen viel freier bearbeitet wurden als wir es gewohnt sind – und viel schneller. Wir empfanden das als Spaß-Prozess."

Harmonische, ruhige Duette

Ein mutiges Experiment, mit dem The National ihr Streben nach neuen Ansätzen untermauern. Und ihren Erfolg seit Ende der 2000er, der sich in Grammys und Platin-Alben manifestiert, zum gezielten Bruch mit dem Indie-Rock nutzen. Denn Mills ersetzt elektrische Gitarren durch Chöre, Streicher und Beats. Berningers Gesang durch diverse Frauenstimmen – was der mit Humor nimmt:

"Ich war auf eine verrückte Art bereit dafür. Einfach, weil meine Frau Carin und ich schon länger an einem Theaterstück gearbeitet und somit für andere Charaktere geschrieben haben. In den Songs geht es zwar weiter um persönliche Sachen, aber mit dem Wissen, dass sie viel interessanter anmuten, wenn sie nicht allein aus meinem Mund kommen. Und mich da etwas rauszunehmen, hat funktioniert."

Band "The National"
The National, bestehend aus den Brüderpaaren Aaron und Bryce Dessner, Scott und Bryan Devendorf sowie Matt Berninger. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Berningers Worte und Gedanken kommen jetzt aus dem Mund von Gail Ann Dorsey, Lisa Hannigan oder Sharon Van Etten. Meist im Rahmen von gepflegten Duetten, die sich durch Harmonie und Ruhe auszeichnen. Die keine klassischen Songstrukturen besitzen, als vielmehr ein Fluss von Musik sind. Die aber auch nur selten richtig losrocken, und auf Dauer von 16 Songs in 64 Minuten durchaus langatmig wirken. Doch Berninger, so sagt er, lege den Fokus eher auf die Texte:

"Es geht um die Menschen, die du liebst und die dich lieben. Und die nie wirklich weg sind – egal, ob lebendig oder tot. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass Engel und Geister über uns wachen. Ich spüre die Gegenwart derer, die ich verloren habe. Wie meine Großeltern, alte Freunde, Ex-Freundinnen. Aber auch von Dingen, die ich bedaure. Die ich nicht hätte sagen oder tun sollen, und für die ich mich nie entschuldigt habe. Die trage ich immer mit mir herum. Und der Albumtitel ist eine Botschaft an meine zehnjährige Tochter. Nämlich: Egal, was passiert – ich werde nie ganz weg sein."

Beim Konzert hilft ein Teleprompter

Der Rockstar als sorgender Vater und Ehemann. Die Hauptthemen auf "I Am Easy To Find" – gleich neben den Höhen wie Tiefen des täglichen Seins, nostalgischen Kindheitserinnerungen, aber auch dezenter Kritik am Zeitgeist. Dabei gibt sich Berninger so wortreich und komplex, dass die laufende Welttournee zur echten Herausforderung werden dürfte:

Schriftzug ''The National'' am Olympia in Paris.
''The National'' spielten im April 2019 im Pariser Olympia Bildrechte: MDR/Marcel Anders

"An die meisten Texte erinnere ich mich erst nach Jahren. Deshalb brauche ich einen Teleprompter, wenn wir live spielen. Am Anfang einer Tour schaue ich sehr oft darauf, am Ende fast gar nicht mehr. Aber wir haben ja noch hundert andere Songs, die wir in die Shows einbauen. Und da ich viel Gras rauche, ist mein Gedächtnis wie ein Schweizer Käse. Es geht also nicht ohne Hilfssystem."

Das nennt man erfrischend ehrlich. Den neuen Songs geht diese Frische und Dynamik manchmal ein bisschen ab. Einfach, weil sie schon fast zu anspruchsvoll und experimentell sind.

Angaben zum Album The National: "I Am Easy To Find"
Label: 4AD
Erschienen: 17. Mai 2019

Aktuelle Albumkritiken

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Mai 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR