Alexander Osang "Die Leben der Elena Silber"
Alexander Osangs neuer Roman "Die Leben der Elena Silber" Bildrechte: Fischer Verlage

"Die Leben der Elena Silber" Alexander Osangs unsentimentaler Blick auf DDR und Sowjetunion

Alexander Osangs Reportagen gehören zum Besten in der deutschen Presselandschaft. Er war für die Berliner Zeitung Chronist der Wende im Osten und als SPIEGEL-Reporter in der halben Welt unterwegs. Aber Osang, 1962 in Ostberlin geboren und in den 80er-Jahren Journalistik-Student in Leipzig, wagt sich immer wieder auch ins fiktionale Fach. Nach seinem Roman "Die Nachrichten" greift er nun auf die Geschichte seiner eigenen Familie zurück. Erfolgreich, denn "Die Leben der Elena Silber" steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019.

von Sabine Frank, MDR KULTUR

Alexander Osang "Die Leben der Elena Silber"
Alexander Osangs neuer Roman "Die Leben der Elena Silber" Bildrechte: Fischer Verlage

1924 arbeitet Jenlena Krasnowa als Sekretärin in einer Textilfabrik im russischen Städtchen Rescheticha. Ganz im Sinne von Lenins Neuer Ökonomischer Politik kommt im Januar der deutsche Textilingenieur Robert Silber in die Fabrik, um die fortschrittlichen kapitalistischen Technologien einführen. Die tüchtige Jelena wird ihm als Sekretärin zugeteilt.

Robert Silber erweist sich als Ehrenmann und so wird aus dem russischen Mädchen Jenena die deutsche Ingenieursgattin Elena Silber. Alexander Osang erzählt, wie sie die Abgründe des 20. Jahrhunderts durchleidet, Revolution, Stalinismus, Flucht nach Deutschland, Vertreibung, schließlich ein Leben als Mutter und Großmutter in der DDR. Aber der Roman heißt nicht ohne Grund "Die Leben der Elena Silber".  Denn in der Überlieferung der Familie hat sich dieses Leben vervielfacht und auch Elena selbst stiftet Verwirrung.

Auszug aus "Die Leben der Elena Silber" Dem Ehepaar in der ersten Etage erzählte sie, sie sei die Witwe eines sowjetischen Konsuls. Im Büro erzählte sie, ihr Ehemann habe für das NKFD gearbeitet … Sie dachte darüber nach, Roberts Leben im Widerstand enden zu lassen, wagte es aber noch nicht. Sie verstand, dass Ungewissheit Freiheit bedeutet.

Irrsinn der Famile

Alexander Osang, 2015
Autor Alexander Osang Bildrechte: dpa

Zweiter Protagonist des Romans ist Elenas Enkel Konstantin, in der DDR aufgewachsen und nun ein erfolgloser Filmemacher auf der Suche nach der großen Geschichte für einen Film. Seine Mutter überzeugt ihn, dass dies die Familiengeschichte sein könnte. Bei seiner Recherche zeigt sich der ganze "Irrsinn der Familie Silber": Geschwisterneid und schreckliche Ehen, Lügen und Selbstmord, Sucht und Resignation. Eine Familie, die die Traumata und Lebenslügen der Großmutter ihr Leben lang mitschleppen wird.

Auszug aus "Die Leben der Elena Silber" Konstantin begann das Prinzip zu verstehen, mit dem seine Großmutter ihre Familiengeschichte in die Zeiten einordnete, In den Zeiten verschwinden ließ. Man kann nicht alles verstehen. Man muss nicht alles wissen. Manche Dinge sind zu groß für euch.

Lebenslügen und Ostidentität

So ist "Die Leben der Elena Silber" zum einen ein Roman über die Lebenslügen der sowjetisch geprägten DDR-Familien, quasi als Pendant deutscher Familienlügen zum Dritten Reich. Aber der Roman hat einen doppelte Boden: Denn es gilt wohl für jeden, dass man sein Leben nicht immer so erzählen muss, wie es stattgefunden hat.

Wer Alexander Osangs Texte kennt, findet in seinem neuen Roman den schwungvollen Erzähler wieder, das Changieren zwischen Komik und Tragik, die sprechenden Details, aber auch den unsentimentalen Blick auf die sogenannte Ostidentität: 

Auszug aus "Die Leben der Elena Silber" Die Mischung aus Borniertheit und Wehklage, der Stolz auf die eigene Unzulänglichkeit und Hässlichkeit. Die Freude am Ordinären, am Derben. Die Selbstverständlichkeit, mit der man sich den größten Teller nahm.

Osangs eigene Familie war Vorbild

Elena Silber hat ihr Vorbild in der eigenen Familie von Alexander Osang. Vielleicht erklärt das auch, warum er an jeder einzelnen der zahlreichen Figuren und an deren Geschichte hängt. Denn wenn es einen Einwand gibt, dann den, dass immer neue Details und Wendungen diesem Roman irgendwann keinen erzählerischen Mehrwert geben.

"Die Leben der Elena Silber" ist Lektüre für alle, die sich ohne falsche Sentimentalität für die Dramen des 20. Jahrhunderts interessieren, für die Sowjetunion und die DDR, aber auch für das Drama der Familie und des Älterwerdens.

Informationen zum Buch Alexander Osang: "Die Leben der Elena Silber"
S. Fischer Verlag, 2019
617 Seiten, 24 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. September 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2019, 04:00 Uhr

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