Ökologie Zum 250. Geburtstag: Was Humboldt schon damals über die Natur wusste

Im Zeitalter der großen Entdeckungen machte sich der preußische Baron Alexander von Humboldt auf, Südamerika und ebenso Russland zu erforschen. Mit der Besteigung des Chimborazos hielt er den Höhenrekord im Bergsteigen, er presste mehr als 60.000 Pflanzen, untersuchte unzählige Tierschädel und strebte mit seinem Werk "Kosmos" eine umfassende Beschreibung der Welt an. Heute liest man diesen Versuch als den Beginn ökologischen Denkens.

von Hartmut Schade, MDR KULTUR

"Jeder Mann hat die Pflicht in seinem Leben den Platz zu suchen, von dem aus er seiner Generation am besten dienen kann." sagt Alexander von Humboldt und es klingt nach bestem preußischen Beamtenethos. Und ein solcher soll er nach dem Willen der Mutter auch werden, wird deshalb zum Studium der Kameralistik nach Frankfurt, Göttingen und schließlich nach Freiberg an die Bergakademie geschickt. Dort sammelt er seine ersten Meriten: Wissenschaftlich mit einer Arbeit über unter Tage wachsende Moose und Farne, technisch durch die Entwicklung einer neuartigen Grubenlampe.

Doch er will mehr: die ganze Welt erforschen. Sein Ziel ist eine "Physik der Welt", eine komplexe Erdbeschreibung: "Auf den Einfluss der unbelebten Schöpfung auf die belebte Tier- und Pflanzenwelt, auf diese Harmonie sollen stets meine Augen gerichtet sein."

Reisen nach Südamerika und Sibirien

Andrea Wulf 26 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1799 reist Alexander von Humboldt nach Venezuela, begleitet von dem französischen Botaniker Aimé Bonpland. Fünf Jahre später kehrt er nach Europa zurück. Hat Vulkane, Flüsse, Küsten, Schädel und Knochen vermessen. Hat 60.000 Pflanzen gepresst, Ameisen und Alligatorenfett gegessen, die Stromstärke von Zitteraalen am eigenen Leibe ausprobiert, Curare-Pfeilgift gekostet. Den fünf amerikanischen Reisejahren folgen 1829 neun Monate durch Sibirien. Dann hat der besessene Vermesser, der penible Beobachter Alexander von Humboldt genug Material beisammen, um den Rest seines langen Lebens zu schreiben.

Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt in einem Werke darzustellen.

Alexander von Humboldt

Fertig wird er damit nicht. Seine 1807 erstmals erschienenen "Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen" werden mit jeder Ausgabe umfangreicher: "Es ist mir noch im achtzigsten Jahre die Freude geworden, eine dritte Ausgabe meiner Schriften zu vollenden und dieselbe nach den Bedürfnissen der Zeit ganz umzuschmelzen. Fast alle wissenschaftlichen Erläuterungen sind ergänzt oder durch neue, inhaltsreichere ersetzt worden." Ein Prinzip, das er auch bei dem Buch anwendet, dass sein Lebenswerk werden soll: "Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung".

Die Natur als Ganzes begreifen

historische Zeichnung: Humboldt und Bonpland in den Anden
Historische Zeichnung: Humboldt und Bonpland in den Anden Bildrechte: IMAGO

Es ist eine Kampfansage an das Spezialistentum, das immer mehr die Wissenschaft beherrscht. Er, Alexander von Humboldt, er ganz allein will Himmel und Erde zusammenbringen, will buchstäblich alles beschreiben, "was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen."

Mit dem "Kosmos", wie mit seinen Vorträgen in der meist heillos überfüllten Berliner Singakademie will der überzeugte Republikaner und Aufklärer Alexander von Humboldt sein Wissen unter die Leute bringen:

Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden.

Alexander von Humboldt

So richtig lebendig werden Humboldts Ideen erst jetzt, da klarer wird, wie stark unbelebte und belebte Natur zusammenhängen, wie sehr die Natur ein Ganzes ist und vor allem wie fragil sie ist. Humboldt hat es schon vor 200 Jahren gesehen und beschrieben.

Humboldts Schriften in neuer "Berner Ausgabe"

Ein Gemälde eines Berges in einem Buch. 10 min
Le Chimborazo vu depuis le Plateau de Tapia, kolorierter Kupferstich von Jean-Thomas Thibaut nach einer Skizze von Alexander von Humboldt, vor 1810 Bildrechte: Lindenau-Museum, Foto - Lutz Ebhardt
Vulkan Chimberazo in Equador 5 min
Bildrechte: imago/robertharding

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. September 2019 | 06:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren