Helmut Rossmann (Alfons)
Alfons (Helmut Rossmann ) Bildrechte: MDR/Progress Filmverleih/Josef Borst

Interview Warum der Original-"Zitterbacke" so erfolgreich war

Der neue "Alfons Zitterbacke"-Film ist schon die dritte Verfilmung des Kinderbuch-Klassikers von Gerhard Holtz-Baumert. Warum das Original von 1966 so reizvoll ist, erzählt MDR KULTUR-Filmexperte Knut Elstermann im Gespräch – und erzählt dabei interessante Anekdoten zur Entstehung des Films.

Helmut Rossmann (Alfons)
Alfons (Helmut Rossmann ) Bildrechte: MDR/Progress Filmverleih/Josef Borst

MDR KULTUR: "Alfons Zitterbacke" – das ist ja neben dem Buch vor allem ein Film aus dem Jahr 1966 von Konrad Petzold. Für die, die den Film nicht kennen, eine kurze Beschreibung, bitte.

Knut Elstermann: Es ist keine stringente Erzählung, man hat verschiedene Geschichten und Episoden wie in den Büchern. Im Zentrum steht eben diese tolle Figur: Alfons Zitterbacke. Helmut Rossmann hat ihn so wunderbar gespielt. Ich habe ihn einmal kennengelernt. Der sagte immer: Ich wurde nur genommen, weil mir der Igelschnitt so gut stand und weil ich so schön genervt gucken konnte. Und das muss er ja oft. Alfons Zitterbacke ist so ein Junge, bei dem alles schief geht, der tollpatschig ist. Und vor allem hat er große Visionen. Und das macht, glaube ich, den Charme des Films aus: Dass er Kosmonaut werden und nach Moskau gehen wollte, dass er sogar schon das Training absolviert. Und das sind so wunderbar erzählte, schräge, witzige Geschichten. Für mich war immer das Besondere, dass Zitterbacke kein angepasster, netter, lieber Pionier war, sondern eher so der Typ Straßenköter. Einer, dem man auch so ein paar Abenteuer zutraut. Und diese Eigenwilligkeit, die wurde in dem Film von 1966 sehr zurechtgefeilt.

Zitterbacke ist ja einerseits der Pechvogel, der überall rausfällt, andererseits jemand, der auch die individuelle Freiheit genießt.

Alfons(Helmut Rossmann) und sein Vater (Günther) v.l.
Alfons(Helmut Rossmann) und sein Vater (Günther Simon) v.l. Bildrechte: MDR/Progress Filmverleih/Josef Borst

Genau. Ich finde, das ist der große Reiz dieses Films. Und was ich auch so schön fand damals: Alfons' Vater wurde gespielt von Günther Simon. Ihn haben die DDR-Bürger in der Zeit als Ernst Thälmann vor Augen gehabt, den er in zwei verklärten, sehr pathetischen Filmen gespielt hatte. In "Alfons Zitterbacke" spielte er fast so ein bisschen dagegen an. Er hatte ein unglaublich gutes Timing und konnte mit einer Ernsthaftigkeit Komik erzeugen. Im Film ist beispielweise komisch, wenn Alfons jammert, weil er wegen seines Namens gehänselt wird – die Mitschüler rufen immer "Zitterbacke, Hühnerkacke". Und dann sagt der Vater, gespielt von Günther Simon, so ganz ernst: "Wir Zitterbackes sind stolz auf unseren Namen!" Seine Autorität wird ironisiert in diesem Film. Es ist kein antiautoritärer Film, wie Pipi Langstrumpf das als Figur war, aber ich finde, er unterläuft schon sehr geschickt einige Grundsätze einer doch eher konservativen Pädagogik.

Und übrigens, der Film ist ja damals – das denkt man heute gar nicht, denn wenn man ihn sieht, denkt man, das ist doch alles ganz heiter, ganz in Ordnung – ja auch in schweres Wasser geraten. Kurz nach 1965 waren viele Gegenwartsfilme der DEFA verboten worden, und man schaute sich jetzt ängstlich jeden einzelnen Film nochmal an und schnitt auch aus diesem Film einige Szenen heraus, ganz sinnlos. Leider fand man diese Szenen nach der Wende dann nicht wieder, man konnte den Film nicht rekonstruieren. Und der Regisseur Konrad Petzold war so wütend über diese sinnlosen Schnitte, dass er seinen Namen zurückgezogen hat. Ich glaube, es ist der einzige DEFA-Film, der weder im Abspann noch im Vorspann den Namen des Regisseurs nennt. Das ist schon eine ziemlich einmalige Situation gewesen.

Wenn wir über die Wirkung des Films in der DDR sprechen: Vom Publikum wurde er einfach nur geliebt, oder?

Knut Elstermann
Knut Elstermann, MDR KULTUR-Filmexperte Bildrechte: Jochen Saupe

Er wurde sehr geliebt, noch dazu, wo er auf der Welle der erfolgreichen Kinderbücher schwamm. Und er hat ja auch wirklich einen großen Witz, das darf man nicht vergessen. Da stimmt einfach das Timing, da stimmen die Episoden. Alleine diese Eier-Ess-Szene. Das ist eine typische Alfons-Zitterbacke-Szene: Er versucht ja im Grunde genommen, immer alles richtig zu machen und die Forderungen zu erfüllen. Und gerade deshalb ist es ja so komisch, wenn es nicht klappt. Da stehen 60 Eier auf dem Herd und er dachte eben, er muss sie alle essen, weil er so ein schlechter Esser ist. Und natürlich wird ihm irgendwann total schlecht. Übrigens: Als diese Szene gedreht wurde, hat der Junge tatsächlich immerhin so etwa elf Eier gegessen. Man hat versucht, das möglichst gering zu halten. Und die Küchenfrauen mochten ihn sehr, es wurde ja im Studio Babelsberg gedreht. Und sie haben ausgerechnet an diesem Tag Spiegeleier für ihn gemacht. Die soll Helmut Rossmann nicht angerührt haben.

Gerhard Holtz-Baumert, der Autor der Bücher, der war ja als Mitglied des Zentralkomittees der DDR aktiv. Und er schreibt dann diese Geschichten über so einen Pechvogel, der nicht so ganz ins Bild der DDR-Musterkinder passt. Das klingt nach einer interessanten, ambivalenten Person. Wie müssen wir uns Holtz-Baumert vorstellen?

An ihm kann man diese Ambivalenz glaube ich gut entwickeln: Er war auch in der Stasi bis 1981, später dann war er Mitglied des ZK, war aktiv im Schriftstellerverband, dort auch als Funktionär. Und er hat durchaus das erfüllt, was man von einem Funktionär erwartet, also so eine Bilderbuchkarriere in der DDR. Auf der anderen Seite steht dann aber auch der ehrliche Wille, ein interessantes Kinderbuch zu schreiben, die Kinder zu packen, zu unterhalten, sie auch wirklich auf bestimmte Dinge hinzuweisen. Das ist sehr ambivalent.

Schriftsteller Gerhard Holtz-Baumert
Schriftsteller Gerhard Holtz-Baumert Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und, sehen Sie mal so ein Werk, das er auch geschrieben hat: "Erscheinen Pflicht", das dann Anfang der 80er-Jahre auch verfilmt wurde von Helmut Dziuba. Das ist ein ganz mutiger Film. Noch vor der Perestroika werden da wichtige Fragen gestellt an eine Jugend, von der er spürte, wie sie wegrutschte, wie sie sich nicht mehr für die DDR interessierte. Und dieser Film wurde heftig kritisiert, da wird wirklich das Funktionärstum hart angegriffen. Nun konnte man den Film aber nicht verbieten, man konnte auch das Buch nicht verbieten, der Mann war Mitglied des ZK. Er wurde dann auf den Gängen durchaus mal so angepöbelt: Machst du jetzt hier Konterrevolution, was ist denn los?

Und die beiden, also der große Kinderfilmregisseur Helmut Dziuba und Gerhard Holtz-Baumert waren auch ganz erschrocken und entsetzt: Sie wollten eigentlich das Beste, sie wollten diesen Sozialismus besser machen, ehrlicher machen, wollten auf Probleme hinweisen. Die Zeit, das wissen wir, war in der DDR niemals gekommen. Bis zum Schluss hat sie sich solchen Reformen verweigert. Aber Gerhard Holtz-Baumert steht durchaus für solche Versuche, ehrlicher auf die Wirklichkeit zu schauen und die Menschen zu erreichen.

Und dann gab es ja noch eine "Alfons Zitterbacke"-Fernsehserie, zwanzig Jahre nach dem Film, 1986. Warum diese Zitterbacke-Neuverfilmung?

Ja, das frage ich mich auch, denn sie hat einfach nicht mehr funktioniert. Es wurde auch suggeriert, dass das ja nicht mehr der echte Zitterbacke ist, sondern der Sohn vielleicht oder so. Dieser Charme, dieser Witz funktionierte nicht mehr. Und ich kenne ja auch den jetzt in Leipzig tätigen Theaterchef Enrico Lübbe, der damals die Hauptrolle gespielt hat – und er selber sagte zu mir immer: Guck dir diese Fernsehserie bitte nicht an, guck dir den originalen Film an. Diese Fernsehserie in den Achtzigern war einfach nicht gelungen. Da fehlte dieser anarchistische Geist, dieses Schräge, dieses Schrille der Figur. Das war glattgebügelt und definitiv keine der Sternstunden des DDR-Fernsehens. Man sollte sich lieber den alten DEFA-Film auf DVD anschauen, sagt selbst der Zitterbacke von 1986, Enrico Lübbe.

Können uns die Zitterbacke-Filme heute noch etwas über die DDR erzählen?

Ich denke ja. Es ist, wie es in vielen Kinder- und Jugendfilmen ist. Ich habe oft den Eindruck, wenn ich mir die Sachen anschaue, man sah eben nicht so genau hin. Sie hatten eine andere, eine größere Freiheit. Sie erzählen eben auch von Problemen innerhalb der Familie, auch Zitterbacke hat durchaus einige ernsthafte Sorgen, fühlt sich unverstanden und wird nicht richtig angenommen. Es gibt auch andere Kinder- und Jugendfilme, oft im Gewand des modernen Märchens. Nehmen Sie "Moritz in der Litfaßsäule", wo von einem kleinen Jungen erzählt wird, der in einer großen Familie völlig untergeht und Trost findet bei einer Katze in dieser Litfaßsäule, die ja ständig trinkt. Also auch Alkoholismus war durchaus ein Thema in der DDR, weniger im Film, aber im Kinderfilm war das eben möglich. Da gibt es eine ganze Reihe von Beispielen, "Die dicke Tilla" zum Beispiel auch, dass man Alltagsprobleme aufgegriffen hat und unverblümter, direkter erzählen konnte, weil es sich ja um einen Kinderfilm handelte. Dieses Erbe des Kinder- und Jugendfilms der DDR finde ich, ist gar nicht genug bekannt und sollte als Schatz nach wie vor gehoben werden.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Annett Mautner

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial zu "Alfons Zitterbacke" | 10. April 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2019, 04:00 Uhr

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