Der Stationsname im U-Bahnhof 'Alexanderplatz' in Berlin
U-Bahnhof Alexanderplatz in Berlin Bildrechte: dpa

Literaturgeschichte Wie Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" sein Gesamtwerk überschattet

1927 begann sich Alfred Döblin für die Berliner zu interessieren, genauer für den Berliner Osten. Ein "interessanter Menschenschlag" lebte dort. Sein Roman "Berlin Alexanderplatz" erschien 1929, wurde schließlich ein Bestseller und zum Inbegriff des Großstadtromans. Der große Kritiker Herbert Ihering hatte sich sogar den Literaturnobelpreis für Döblin gewünscht. Für den Schriftsteller war das Buch am Ende Segen und Fluch zugleich, denn hinter diesem verschwand sein Gesamtwerk.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Der Stationsname im U-Bahnhof 'Alexanderplatz' in Berlin
U-Bahnhof Alexanderplatz in Berlin Bildrechte: dpa

"Ich kenne den Berliner Osten seit Jahrzehnten, weil ich hier aufgewachsen bin, zur Schule ging, später auch hier meine Praxis begann", schreibt Alfred Döblin. Und weiter:

Während ich früher sehr viel von der Phantasie hielt, und zwar von einer möglichst schrankenlosen Phantasie, wurde im letzten Jahrzehnt der Blick, eigentlich mehr die Aufmerksamkeit, für meine eigene Umgebung und für die Landschaft, in der ich mich bewegte, den Berliner Osten, geschärft.

Alfred Döblin, Schriftsteller

"Ein interessanter Menschenschlag"

Die Weltzeituhr am Alexanderplatz in Berlin.
Blick auf die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz in Berlin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das sind die Motive des Schriftstellers und Psychiaters, "Berlin Alexanderplatz" zu schreiben und ergo über den Berliner Osten. Denn er sah dort: "einen interessanten und so überaus wahren und noch nicht ausgeschriebenen Schlag von Menschen." Und das "Ausschreiben dieses Menschenschlags" macht sich Döblin nun zur Aufgabe.

Eisige Luft. Februar. Die Menschen gehen in Mänteln. Wer einen Pelz hat, trägt ihn, wer keinen hat, trägt keinen. Die Penner haben sich vor der Kälte verkrochen. Wenn es warm ist, stecken sie wieder ihre Nasen raus. Inzwischen süffeln sie doppelte Rationen Schnaps. Aber was für welchen? Man möchte nicht als Leiche darin schwimmen.

Auszug aus dem Roman "Berlin Alexanderplatz"

1927 setzt sich Döblin an seinen neuen Roman. Aus seiner Sicht betritt er durchaus ungewöhnliches Terrain. Bis dato schreibt der Schriftsteller: "... von China, vom Dreißigjährigen Krieg und Wallenstein und zuletzt gar von einem mythischen und mystischen Indien. Man setzte mir zu. Ich hatte nicht absichtlich Berlin den Rücken gekehrt, es kam nur so, es ließ sich so besser fabulieren. Nun denn, ich konnte auch anders. Ich hatte keinen besonderen Stoff und schrieb wie immer ohne Plan, ohne Richtlinien darauf los."

Franz Biberkopf und Berlin spielen die Hauptrollen

Alfred Döblin
Alfred Döblin (1878-1957) Bildrechte: dpa

Zwei Helden rückt Döblin in den Mittelpunkt seines Werks. Die Großstadt mit ihrem Rhythmus sowie Franz Biberkopf, der sich in dieser Großstadt zu behaupten versucht und wegen Totschlags im Gefängnis war. Seine Geschichte umreißt Döblin mit den Worten:

"Da geht denn also in dem Buch 'Berlin Alexanderplatz' Franz Biberkopf aus dem Gefängnis. Er ist von Natur gut, was man so nennt, und obendrein ist er ein gebranntes Kind und fürchtet das Feuer. Und wie er in die Welt geht, siehe da, er will anständig sein, er will die Gesetze dieser Welt, wie er sie sich denkt, ehrlich und treu ausführen, und – es geht nicht! Es geht nicht. Schlag um Schlag fällt auf ihn nieder und erledigt den Mann."

Das Buch wird ein Bestseller – und zum Verhängnis

Für Döblinsche Verhältnisse gerät das Werk zu einem Bestseller. Zehntausende Exemplare setzt der Schriftsteller allein in Deutschland ab, das Ausland zeigt sich interessiert. Der namhafte Kritiker Herbert Ihering möchte ihn am liebsten mit dem Literaturnobelpreis dekorieren. Eine Hörspielfassung entsteht, die allerdings mit jahrzehntelanger Verzögerung versendet wird, und 1931 ein Spielfilm – Döblin wirkt am Drehbuch mit. Der Haken an diesem Erfolg: Hinter diesem Opus magnum verdampft alles, was der Schriftsteller davor geschrieben hat und danach noch schreiben wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 07. Februar 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Februar 2019, 04:00 Uhr

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