Geschichtsprojekt an Falkensteiner Oberschule Warum Alfred Roßner der "Oskar Schindler des Vogtlandes" ist

Vor genau 75 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das KZ Ausschwitz von der Roten Armee befreit. In Falkenstein im Vogtland nehmen Schüler diesen Tag zum Anlass, um an Alfred Roßner zu erinnern. Der vogtländische Unternehmer leitete eine Textilfabrik und rettete zahlreichen Juden während der NS-Herrschaft das Leben, indem er die Deportation seiner Arbeiter verhinderte. Seine Geschichte ist den meisten jedoch völlig unbekannt. Schüler aus Falkenstein wollten das ändern. Sie starteten ein Geschichtsprojekt, auf das sogar die Landespolitik aufmerksam geworden ist.

Schüler der Wilhelm-Adolph-von-Trützschler-Oberschule in Falkenstein mit Lehrerin Martina Wohlgemuth
Schüler der Wilhelm-Adolph-von-Trützschler-Oberschule in Falkenstein mit Lehrerin Martina Wohlgemuth Bildrechte: MDR/ Nora Große Harmann

Gemeinsam mit ihren Mitschülern sitzt Lisa-Marie im Klassenraum der Wilhelm-Adolph-von-Trützschler-Oberschule in Falkenstein. Vor ihr ausgebreitet liegen Plakate mit Fotos, Zeitzeugenberichten und Texten über Alfred Roßner. Auf ihn seien sie durch die Buchautorin Hannah Miska gekommen, erzählt die Schülerin. "In ihren Büchern kam Roßner vor und wie er Juden vor dem Tod gerettet hat."

Gedenkstein Alfred Roßners auf dem Falkensteiner Friedhof
Nur eine kleine Gedenktafel erinnert an Alfred Roßner. Bildrechte: Hannah Miska

Das Material haben die Schüler in den letzten Monaten selbst zusammengetragen – und dabei stellten sie fest: Alfred Roßner kennt selbst im Vogtland kaum jemand. "Es existiert von ihm auch nur eine kleine Gedenktafel hier auf unserem Falkensteiner Friedhof", sagt die 14-jährige Alina. Diese Tafel sei nur 30x30 Zentimeter groß und informiere lediglich darüber, wann er gelebt habe. "Wir wollten den Falkensteinern und der Welt nahebringen, dass es im Vogtland einen 'Oskar Schindler' gab!"

Alfred Roßner bewahrte zahlreiche Juden vor der Deportation

Fotografie von Alfred Roßner, um 1940 5 min
Bildrechte: Privatbesitz Ester Nir, geb. Troppauer

Der Vergleich mit Oskar Schindler liegt nahe – auch Roßner, geboren 1906 im vogtländischen Oelsnitz, war Unternehmer. Während des Zweiten Weltkrieges übernimmt er die Leitung einer enteigneten jüdischen Textilfabrik im besetzten Polen, die Wehrmachtsuniformen herstellt. In dieser Fabrik arbeiten 3.000 Menschen. Zwar ist Roßner der SS unterstellt, doch er weigert sich, seine Arbeiter auszuliefern. Dadurch verhindert er deren Deportation – und bewahrt sie vor dem Tod im Konzentrationslager. 

Im Gegensatz zu Oskar Schindler überlebt Roßner seinen Einsatz jedoch nicht. Im Dezember 1943 stirbt er in Gestapohaft, einen Tag nach seinem 37. Geburtstag. "Wie genau er umgekommen ist, wissen wir nicht", sagt Geschichtslehrerin Martina Wohlgemuth. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel ehrte Roßner 1995 posthum – als "Gerechten unter den Völkern", genau wie Oskar Schindler.

Schüler stellen Alfred Roßner im Landtag vor

Die Schüler in Falkenstein fanden heraus, dass Roßner sogar auf ihre Schule gegangen war. Gemeinsam mit der Buchautorin Hannah Miska und ihrer Lehrerin konzipierten sie eine Ausstellung – und zeigten sie im November vergangenen Jahres im Sächsichen Landtag.

Frank Richter, 2018
Politiker und Publizist Frank Richter Bildrechte: dpa

Dort wurde Frank Richter auf die Schülergruppe aufmerksam. Der SPD-Abgeordnete und frühere Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung sagte MDR KULTUR, gerade heute sei es wichtig, sich mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust auseinanderzusetzen. Der Blick in die Vergangenheit erfolge in der Gegenwart, so der Politiker: "Und die Gegenwart Deutschlands, auch die Gegenwart Sachsens, bedeutet eben auch, dass neues, rechtes Gedankengut in die Öffentlichkeit gekommen ist."

Juden müssten, so Richter, heute in Deutschland wieder um ihr Leben fürchten: "Das muss man sich mal vorstellen! Und umso wichtiger ist es, dass wir daran erinnern, dass es das alles schon einmal gab. Wir müssen alles dafür tun, dass es nie wieder kommt."

Viele Schüler wissen zu wenig über den Holocaust

Auch Geschichtslehrerin Wohlgemuth stellt immer wieder fest, wie wenig ihre Schüler über den Holocaust wissen. Ihr Ziel sei, ihre Schüler so weit zu bringen, "dass sie vielleicht zuhause mal googeln, etwas hinterfragen". Wenn sie junge Menschen in Projekte wie das mit Alfred Roßner einbinde, merke sie auch, was das mit ihren Schülern macht. "Die freuen sich über die Wertschätzung, die wachsen über sich selbst hinaus."

Die Recherche der Schüler hat in Falkenstein hohe Wellen geschlagen. Bürgermeister Marco Siegemund gibt zu, dass auch er bisher nicht von Alfred Roßner gehört hatte. Umso mehr beeindruckt ihn das Engagement von Wohlgemuth und ihren Schülern. Und er überlegt, wie man Roßner auch in Falkenstein selbst bekannter machen kann. Eine Möglichkeit sei, so Siegemund, die bisher namenslose Grundschule in Falkenstein in "Alfred-Roßner-Schule" umzubenennen. "Das sind alles Ansätze, die man dort verfolgen müsste und auch sollte, und ich denke, das sollten wir auch relativ kurzfristig tun."

Ehrung zum Holocaust-Gedenktag

Zunächst aber wollen die Schüler an Roßner erinnern. Zum Holocaust-Gedenktag ist geplant, Blumen an seiner Gedenktafel auf dem Falkensteiner Friedhof niederzulegen. Vielleicht, so hoffen die Schüler, wird die kleine Gedenktafel schon bald durch ein größeres Denkmal ersetzt.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2020 | 07:10 Uhr

Abonnieren