Empfehlung Neues Album "Nah": Alin Coen singt jetzt auf Deutsch

Gut Ding will Weile haben – der Spruch beschreibt die Geschichte hinter dem neuen Album der Liedermacherin Alin Coen ganz gut. Seit dem letzten Album sind sieben Jahre vergangen, im Bewusstsein ihrer Fans war sie aber nie ganz weg. Sie hat immer noch Konzerte gegeben, aber es kamen kaum neue Songs dazu. Stattdessen studierte sie Wasserressourcen-Management und machte ein Praktikum bei Greenpeace. Jetzt ist das neue Album "Nah" da. Eine Albumkritik.

Ganz sanft, zurückgenommen und intim beginnt das neue Album von Alin Coen. "Nah" heißt es, aufgenommen im Januar 2020, als Nähe noch bedenkenlos möglich war. Musizieren zu fünft in einem kleinen Studio – das ist wenige Wochen später verboten.

Nachbearbeiten, Booklet-Texte schreiben und Werbung machen, geht dann zum Glück auch online und am Telefon. Nach einem Namen für ihr Album sucht die Sängerin ziemlich lange: "Ich hab echt lang gebraucht, mich zu entscheiden. Da hab ich nachgedacht: Abstand ... Na ja, Corona-Abstand ist jetzt vielleicht nicht so das beste Wort. Als ich eine Zeit mit dieser Entscheidungslosigkeit zu tun hatte, hab ich mir eines Abends vorgenommen: Wenn ich morgen früh aufwache, weiß ich, wie das Album heißt. Dann bin ich 6:30 Uhr aufgewacht und wusste: Das Album heißt 'Nah'. Ich bin mir sicher, dass Corona einen Einfluss auf diesen Namen hatte."

Neues Album nach sieben Jahren

"Nah" passt auch, weil Alin Coen erst mal Abstand brauchte, um ein Album zu machen. Sieben Jahre sind seit dem letzten Studioalbum vergangen. In der Zwischenzeit hatte sie sich weit von der Musik entfernt.

2014 war ich der Meinung: Ich bin jetzt durch damit, Musikerin zu sein. Ich fand es nicht mehr sinnstiftend, Musik zu machen. Ich hab gedacht, es gibt so viel wichtigere Probleme in der Welt, warum mach ich denn Musik? Ich sollte viel lieber Umweltaktivistin sein, das war damals mein Gedanke.

Alin Coen, Sängerin

Die für sie logische Konsequenz: Sie studiert Wasserressourcen-Management und macht ein Praktikum bei Greenpeace. Dabei merkt Alin Coen aber: Es gibt andere Leute, die viel bessere Umweltaktivisten sind, und sie selbst hat doch in der Musik die klareren Ideen. Und so entsteht der Wunsch, ein neues Album aufzunehmen: "Davor hatte ich das Gefühl, dass mir das immer so ein bisschen angetragen wurde, dass es doch jetzt an der Zeit wäre, ein Album zu machen. Auch beim zweiten Album wurde es einfach als Band beschlossen – doch dieses Mal habe ich aus mir heraus gespürt: Ich möchte ein Album machen und alle Lieder dafür schreiben. Drei Jahre oder so was hab ich dafür gebraucht."

Dieses Mal habe ich aus mir heraus gespürt: Ich möchte ein Album machen und alle Lieder dafür schreiben.

Alin Coen, Liedermacherin

Neu: Alle Lieder sind auf Deutsch

Alin Coen
Alin Coen Bildrechte: Sandra Ludewig

Alle Lieder auf dem Album "Nah" hat Coen selbst geschrieben und alle sind auf Deutsch. Auf früheren Platten singt sie immer auch einige Songs auf Englisch. Der Grund dafür: Ihre ersten Lieder schreibt sie in Schweden, wo Englisch ihre Alltagssprache ist. Das ist inzwischen lange her, und auch der Prozess des Schreibens war dieses Mal anders:

"Das zweite Album zum Beispiel, dass wir als Band zusammengemacht haben, das hatte einen ganz anderen Entstehungsprozess. Wir haben zusammen gejamt und geschrieben, und ich hab im Anschluss dazu Texte geschrieben. Die Melodien, die schon feststanden, haben für mich nicht mit der deutschen Sprache zusammengepasst. Und dieses Mal ist der Entstehungsprozess anders gewesen. Ich hab alle Lieder allein geschrieben, und aus irgendeinem Grund kamen zu den Liedern Melodien, die mit der deutschen Sprache ganz gut zusammengepasst haben."

Um Lieder zu schreiben, braucht sie viel Ruhe und viel Zeit. Die ersten Skizzen für das Album schreibt sie schon 2017 in ein Notizbuch. Mit Zeitdruck vor dem Studiotermin entsteht dann auch mal ein Lied innerhalb von zwei Wochen, aber eigentlich braucht sie viel länger.

Teile des Albums entstanden live im Studio

Cover Alin Coen: "Nah"
Cover des Albums "Nah" von Alin Coen Bildrechte: Alin Coen/Pflanz einen Baum

Gemeinsam mit dem Bassisten Philipp Martin und Schlagzeuger Fabian Stevens ging sie ins Studio. Für Alin Coen ein Team, das sich bewährt hat , denn sie spielen schon seit 2007 in ihrer Band. Als Gäste auf "Nah" sind auch der Pianist David Schwarz und Gitarrist Andie Mette zu hören. Letzterer spielt in der Band von Philip Poisel, und mit Poisel war Alin Coen 2017 gemeinsam auf Tour.

Ins Studio bringen die Musiker nur Skizzen und Texte mit, die Arrangements entstehen direkt während den Aufnahmen. Für Alin Coen ist das neu und ungewohnt. Tobias Fröberg, ihr Produzent, ermutigt sie dazu. Coen erzählt: "Einige der Stücke hab ich solo am Klavier begleitet, aber einige der Arrangements, z.B. 'Bei dir', ist live entstanden im Studio. Wir haben drei Versionen probiert, dann haben wir uns entschieden und gesagt: So, jetzt lass uns das in der Version aufnehmen."

Mit ihrem neuen Album knüpft Alin Coen da an, wo sie aufgehört hat: mit ihrer klaren Stimme im Mittelpunkt. Und mit ihren Texten, die aus einfachen Worten bestehen, aber doch tief gehen – die jeden irgendwo abholen, ob in Melancholie, Frust, Zweifel oder Dankbarkeit.

Informationen zum Album Alin Coen: "Nah"
Label: Pflanz einen Baum

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. August 2020 | 07:40 Uhr