Premiere am Theater Gera Mit Verlaub: Die Satire "Als der Herzog über den Herzog herzog" ist "richtiger Mist"!

"Als der Herzog über den Herzog herzog" hatte in Gera Premiere. Geschrieben hat diese Satire der Autor Manuel Kressin, der auch gleichzeitig Schauspieldirektor ist. Es geht um einen Dönerladen, Verschwörungstheorien, Spinner, Menschen am Rande der Verzweiflung, den Paketdienst, Briefe aus einem Nachlass und schlussendlich um Ernst August II. von Sachsen-Altenburg. Klingt ziemlich krude? Ist es auch, aber anstatt das Absurde der Story hervorzuheben, wird die Inszenierung richtig vergeigt. Unser Kritiker Wolfgang Schilling kommt aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus.

Ein Mann mit einer Alu-Krone spricht mit einem anderen, der eine Gasmaske trägt
Szene aus "Als der Herzog über den Herzog herzog" am Theater Gera Bildrechte: Ronny Ristok

MDR KULTUR: Was verbirgt sich hinter diesem gleich dreifachen Herzog auf der Bühne?

Wolfgang Schilling: Eine ziemlich krude Geschichte, eine zweifelhafte Satire, voll aus dem Leben gegriffen - wird da vom Theater vorab behauptet. Das könnte man am Anfang auch noch meinen, am Ende aber kann man nur sagen: Es ist ein einziger Missgriff, vielleicht auch ein großes Missverständnis. Das einzig Gute an diesem unerfreulichen Abend ist seine Kürze. Aber auch da führt einen das Theater hinters Licht. Statt der im Netz angekündigten 70 Minuten dauert er dann doch fast anderthalb Stunden. Auf jeden Fall vertane Zeit.

Kommt jetzt ein totaler Verriss?

Ja! Weil einfach das Kopfschütteln auch nach dem Drüber-Schlafen nicht nachlassen will. Manchmal kriegt man im Theater eben, mit Verlaub, richtigen Mist zu sehen. Und das war gestern in Gera der Fall. Was ich nicht erwartet hätte, bei diesem Thema und diesem Autor.

Worum geht's dem Autor Manuel Kressin?

Das Bühnenbild bei "Als der Herzog über den Herzog herzog" ist schlicht und ein wilrdes Durcheinander
Szene aus "Als der Herzog über den Herzog herzog" am Theater Gera Bildrechte: Ronny Ristok

Auf der kleinen Bühne am Park begegnen wir fünf Menschen aus dem hier und heute, deren Lebenswege sich in einem Dönerimbiss kreuzen. Da ist Mustafa, der Betreiber und Mann aus der Fremde, was im konkreten Fall Bochum heißt. Mike ist ein junger Mann, der noch bei Mutti wohnt und voller Verschwörungstheorien zum Zustand unserer Gesellschaft steckt. Dazu kommt Nora. Eine unter häuslicher Gewalt leidende, völlig überarbeitete Paketbotin. Dann haben wir noch die adrett-nervige und namenslose Chefin von Karl-Heinz, den es in seiner nicht näher benannten Behörde vor Unterforderung in den Burnout getrieben hat und dessen Oma gestorben ist. Deren Nachlass erreicht ihn im Imbiss von Mustafa, weil er aus Angst vor dem Tod nicht mehr nach Hause geht, und im Imbiss immer alle Pakete abgegeben werden, die sonst keiner annimmt. Und im Nachlass befinden sich Briefe seiner Urgroßmutter, die vor hundert Jahren offensichtlich ein illegitimes Verhältnis mit Ernst August II. von Sachsen-Altenburg hatte. Und nun kriegt das Leben vom ausgebrannten Büromenschen Karl-Heinz endlich wieder einen Sinn. Angesteckt von den reichsbürgerlichen Phantasien von Mike stilisiert er sich zum Herrscher seines eigenen Herzogtums, dessen Machtzentrum der Dönerimbiss von Mustafa ist.

Klingt nach einer Realsatire, aus der sich doch was machen ließe?

Völlig richtig, ein absurder Stoff, gewebt aus Fäden, die Autor Manuel Kressin aus dem Hier und Heute gezogen hat. Doch leider macht er sich kaum Mühe aus diesem kalauernden und mäßig pointierten Wust eine einigermaßen vermittelbare Spielvorlage zu weben. Sprich, auch und gerade absurdes Theater, braucht einen klaren Plan. Und den hatte Kressin offensichtlich nicht. Allenfalls einen Stichwortzettel, den er auf fünf Rollen verteilt hat, dazu noch ein paar Liedfragmente und fertig war, seiner Meinung nach, ein Stück. Dass er auch nicht selber inszeniert, sondern der jungen Kollegin Caro Thum überlassen hat.

Klingt nach einer undankbarer Aufgabe für die Regisseurin?

Das sah dann auch nach Überforderung der jungen Frau aus. Denn die traut sich nicht, das Beste aus dem Stückwerk zu machen, nämlich wirklich absurdes Theater, eine Tour de Force. Tempo anziehen, dann käme man vielleicht auf die angekündigten 70 statt der realen 90 Minuten. Aber Rhythmus und Timing hinkten hier im Gleichschritt mit der lahmenden Geschichte. An deren Ende auch dann noch die drei Buchstaben NSU und zwei Schüsse fallen. Also bitte, wenn man sich so weit vorwagt, dann bitte mit Professionalität und nicht nur mit komödiantischem Schulterzucken.

Tun einem da die Schauspieler leid?

Ein Mann in Uniform blickt streng
Szene aus "Als der Herzog über den Herzog herzog" am Theater Gera Bildrechte: Ronny Ristok

Also die machen noch das Beste draus. Mechthild Scrobanita bewahrt Contenance und lässt auch als Herbert Grönemeyer mit Verve die Sau raus. Was den von Manuel Strufollino gespielten Ruhrgebietstürken natürlich auf Touren bringt: Bochum ich häng an Dir. Es gibt immer mal wieder Momente, die einen lachen lassen. Und das wäre vielleicht die einzige Chance gewesen: Hier spielerisch auch ein absurdes Feuerwerk abzubrennen. Aber davon ist man am Ende kollektiv weit entfernt. Und in so einem Fall, muss dann an einem Theater, das an seiner Reputation interessiert ist, eigentlich der Schauspieldirektor eingreifen und sagen: Stopp Kollegen, so geht das nicht über die Bühne. Umso mehr, wenn es sein eigenes Stück ist. Aber Manuel Kressin, der gestern mit im Publikum saß, konnte sich ja nicht mal aufraffen, zum Premierenapplaus auf die Bühne zu kommen.

Da scheint einiges dumm gelaufen zu sein, gestern in Gera. Übrigens auch mit den Programmheften, die waren laut Information der freundlichen Dame am Einlass auf dem Weg von Altenburg nach Gera abhanden gekommen. Vielleicht hat der Paketbote die Sendung ja aber auch nur beim Italiener gegenüber dem Theater abgegeben.

Das Gespräch führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Infos zur Inszenierung: "Als der Herzog über den Herzog herzog" am Theater Gera

Satire von Manuel Kressin

Inszenierung: Caro Thum
Bühne, Kostüme: Anike Sedello
Dramaturgie: Svea Haugwitz

Besetzung:
Karl-Heinz: Thomas C. Zinke
Nora: Michaela Dazian/Anna Hopperdietz
Mike: Markus Lingstädt
Mustafa: Manuel Struffolino
Chefin: Mechthild Scrobanita

Nächste Vorstellung: 8. Februar 2020, 19:30 Uhr

Aktuelle Inszenierungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Januar 2020 | 10:15 Uhr

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