Thüringen "Altenburg am Meer": Wie ein Kunstprojekt eine Stadt zusammenbringt

Ist der Klimawandel schon so weit fortgeschritten, dass das Meer bereits bis nach Thüringen vorgedrungen ist? Das Projekt "Altenburg am Meer" holt wortwörtlich viele Menschen aus der Region ins Boot: Gemeinsam mit Leuten vor Ort sanieren junge Künstler ein Schiff, das später zur Nordsee aufbrechen soll – und Anlass gibt, über Themen wie Klimwandel oder Seenotrettung ins Gespräch zu kommen.

Altenburg am Meer
Der künstlerische Leiter des Projekts, Valentin Schmehl, vor der "Mary Jane" in Altenburg. Bildrechte: MDR/Anne Sailer

In Altenburg sorgt derzeit ein Kunstprojekt für viel Bewegung und Begegnungen verschiedenster Menschen. Vor einem Jahr brachten ein paar junge Künstler rund um Valentin Schmehl ein Schiff auf den Marktplatz der Stadt. Gemeinsam mit Anwohnern wird es jetzt seetüchtig gemacht und soll bald Richtung Nordsee aufbrechen.

Kernbotschaft: Mehr gemeinsam machen

Schmehl, künstlerischer Leiter, schwärmt von der "Magie des Projekts": "Bereits am ersten Tag haben wir einen Bauern getroffen, der uns mit seinem Traktor immer das Boot schleppt, er hat es auch hierher gebracht. Und dann kam ein anderer hinzu und sagte: Ich hatte früher auch mal ein Boot. Ich wohne hier in der Nähe. Wo kann ich mithelfen?" Und so seien mittlerweile zahlreiche Menschen über verschiedene Wege dazugekommen. "Es gibt auch Leute, die haben Sozialstunden abzuleisten. Es gibt Leute, die sind nach Altenburg gekommen und suchen Anschluss. Es gibt Leute, die haben gerade einfach Zeit, weil sie in Elternzeit sind. Wir haben auch einige Kids hier."

Es sind extrem viele Vereine und Institutionen und Initiativen aus Altenburg, die alle wahnsinnig tolle Arbeit machen. Und so verteilt sich "Altenburg am Meer" auf die ganze Stadt und sogar den Landkreis. Das Boot vereint, was in Altenburg schon alles geschaffen wurde.

Valentin Schmehl, Künstlerischer Leiter des Projekts

Das Projekt ist sehr vielfältig aufgestellt: Es gab Tanzkurse, Kunst im öffentlichen Raum, es wurde ein eigener Song geschrieben, Kinder einer Förderschule haben einen Podcast gestaltet, in dem sie u.a. mit dem Bürgermeister besprechen, wie er sich die Zukunft vorstellt.

Wichtig sei bei diesem Projekt die Gemeinschaft, so Schmehl. Die Botschaft sei, dass man im Team einfach mehr erreicht: "Man kann so seine Stärken auch irgendwo einfach mit einbringen und Schwächen werden durch andere ausgeglichen."

Zwei Frauen betrachten etwas.
Das Projekt "Altenburg am Meer" bringt verschiedenste Menschen zusammen. Bildrechte: Valentin Schmehl

Wir denken auch, dass es in unserer Gesellschaft vielmehr soziale Durchmischung braucht, denn sie lebt davon, dass wir unterschiedliche Intelligenzen haben, dass wir unterschiedliche Lebenserfahrungen haben. Und wir brauchen mehr Plattformen, in denen wir voneinander lernen können. Da bin ich total überzeugt davon.

Valentin Schmehl, Künstlerischer Leiter des Projekts

Gute Plattform, um gesellschaftliche Themen zu diskutieren

Zudem sei das Motiv des Meeres hervorragend geeignet, um über gesellschaftlich relevante Themen ins Gespräch zu kommen, wie zum Beispiel über den Klimawandel, der die Grenzen des Meeres zunehmend verschiebt.

Zudem informierte der Verein Seebrücke Deutschland zu Möglichkeiten, Altenburg zum "sicheren Hafen" zu machen. Der Verein setzt sich für die Entkriminalsisierung der Seenotrettung ein und versucht, sichere Wege für Geflüchtete zu schaffen. Auch ein Filmabend des Dresdner Vereins zur Seenotrettung Mission Lifeline beschäftigte sich mit dem täglichen Sterben auf dem Mittelmeer.

Altenburg am Meer
Die "Mary" Jane soll von Altenburg nach Leipzig fahren, und später über Halle und Magdeburg nach Hamburg. Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Um auf "Altenburg am Meer" aufmerksam zu machen, wurde eine Meerjungfrau "angespült": Eine Künstlerin des Projektteams ist verkleidet als Meerjungfrau nun regelmäßig auf dem Markt zu Gast. Vor ein paar Tagen präsentiere sie einen wütenden Song über Wasser und Grenzen. Die Meerjungfrau randalierte gar und meinte, die Menschen könnten ruhig weiter ihr Benzin und Öl verbrennen, damit die Meeresspiegel steigen und die Meerjungfrauen mehr Lebensraum haben.

Nächster Stopp des Projekts: Der Leipziger Stadthafen

Anfang Juli soll die "Mary Jane" dann in Leipzig einlaufen. Geplant ist, dass das Schiff dann zur Saale bei Merseburg übergetragen wird, dann über Halle und Magdeburg bis nach Hamburg fährt und dann auf Neuwerk, einer Insel in der Elbmündung ankern wird. Was dann passiert, weiß niemand. Doch eins steht fest: Die "Mary Jane" wird wohl nie mehr nach Altenburg zurückkehren, aber die Idee von "Altenburg am Meer" dafür in die ganze Welt tragen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 18. Juni 2021 | 07:40 Uhr

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