Als urbaner Raum mit Schulen, Sporthallen und Versorgungszentren zwischen den Wohnhäusern, so präsentiert sich Leipzig-Grünau auch 40 Jahre nach der Grundsteinlegung,
Das Plattenbaugebiet Grünau im Leipziger Westen. Bildrechte: dpa

Kunstaktion in Leipzig-Grünau Zu Besuch im Amt für Wunscherfüllungen

von Claudia Euen, MDR KULTUR

Als urbaner Raum mit Schulen, Sporthallen und Versorgungszentren zwischen den Wohnhäusern, so präsentiert sich Leipzig-Grünau auch 40 Jahre nach der Grundsteinlegung,
Das Plattenbaugebiet Grünau im Leipziger Westen. Bildrechte: dpa

Leipzig, Grünau. Ein heißer Sommertag. Solveig Hoffmann steht mit Holztisch, Sitzhocker und Amtsstempel in der Fußgängerzone. Hinter ihr hängt ein Plakat mit dem Amtstitel in den Bäumen. Einige Passanten bleiben stehen und sind erstmal irritiert. "Hallo, was machen Sie denn hier?", fragt eine Passantin. "Ich sammle Wünsche und berate dabei, ob und wie man sie erfüllen könnte", entgegnet Hoffmann. "Und wenn Sie einen Wunsch haben, dann können wir darüber sprechen."

Eine Passantin legt sofort los: "Es ist blöd, dass wir in Grünau abgehängt werden." Das Kommhaus, ein Kulturhaus, werde zugemacht, genau wie die Bibliotheken. Alte Leute kämen nicht mehr in die Stadtmitte. "Die Leute sind doch nicht doof hier – die wollen auch lesen!", empört sich die Passantin. Es sei schon immer ein bisschen so gewesen: In Grünau, da wohnen die Armen.

Seit 36 Jahren lebt die Passantin, die sich als Frau Schuster vorstellt, in Grünau. Amtsleiterin Hoffmann fasst die Fülle an Informationen erst einmal zusammen. Ein weiterer Anwohner beschwert sich über den Lärm einer Turnhalle nebenan. Auch hier kanalisiert Hoffmann den Unmut.

Wunscherfüllung selbst in die Hand nehmen

Fenster schließen, das Gespräch suchen, Nachbarn mobilisieren. Die Ideen sind niedrigschwellig, doch genau darum geht es der Amtsleiterin: Die Menschen zu animieren, die Erfüllung ihrer Wünsche selbst in die Hand zu nehmen. Dafür füllt sie gemeinsam mit ihnen ein Formular aus, um herauszufinden, woher der Wunsch eigentlich rührt. Die Reflexion der eigenen Bedürfnisse sozusagen. Die erste Frage lautet: "Wie geht es Ihnen heute?" Viele wollen aber kein Formular ausfüllen. Also hört Solveig Hoffmann einfach zu. Beim Amt für Wunscherfüllungen und Vielleicht-Management gibt es keine festen Regeln. Jeder, der will, darf seine Gedanken loswerden, sagt die 36-jährige Künstlerin.

Wünsche haben ist ein hochpolitischer Vorgang, weil man etwas von der Gemeinschaft will.

Solveig Hoffmann

Trotzdem gebe es Wünsche, die per se politischer seien als andere. "Bei mir war jetzt von der kleinen Schwester, der Bibi-und Tina Kassette bis zur autofreien Stadt alles dabei", sagt Hoffmann. Sie sortiere nicht vor, sie kümmere sich um alle Wünsche. "Ich glaube, dass die Vorsortierung ganz viele Leute an anderer Stelle aussortiert." Als Kunstprojekt habe sie die Freiheit, das so zu machen.

Was passiert mit den Wünschen?

Also tingelt die Theaterpädagogin mit offenen Ohren durch die Stadt und ist auch per E-Mail zu erreichen. Schon nach kurzer Zeit hat sich eine Vielzahl an Wünschen angesammelt. Da geht es um mehr Mülleimer in der Stadt, um Tempo-30-Zonen oder die Suche nach einer bezahlbaren 4-Raum-Wohnung. Wünsche nach materiellen Dingen waren bisher selten.

Was aber passiert nun mit den Wünschen? Hoffmann hat ja keine Millionen oder leere Mietverträge in der Tasche. Ulrike Bernard, Leiterin des Soziokulturellen Zentrums Haus Steinstraße, unterstützt das Projekt – für sie eine neue Art der Bürgerbeteiligung, der sie gemeinsam Herr werden wollen.

"Wir müssen einen Weg finden, wie wir auf diese Wünsche eingehen können", sagt Bernard. "Wir sind ja keine Feen." Aber sie würden mit den Behörden sehr gut zusammenarbeiten, seien gut vernetzt, man kenne die Personen, die man ansprechen müsse.

Wünsche loslassen

Auch zu Vereinen und Institutionen sollen Kontakte vermittelt werden, Hilfe zur Selbsthilfe also.  Klar ist aber auch, dass einige Wünsche nicht erfüllbar sind, ein Kind wünschte sich ein echtes Einhorn als Haustier. Dann will die Amtsleiterin helfen, Wünsche zu verabschieden, sich mit ihnen auseinanderzusetzen – ein wichtiger Vorgang, wie Hoffmann findet.

Ziel sei, den Wunsch anzugehen oder loszulassen. "Ich glaube auch, das viele Menschen Wünsche haben, die irgendwo an anonymer Stelle abgeschnitten werden", so Hoffmann. Und deshalb sei es gut, zu überlegen: "Stoße ich jetzt dieses Bürgerbegehren innerhalb von drei Jahren an, ist es mir so wichtig – oder lasse ich selbst los?" Das sei ein anderer Prozess. Es entstehe weniger Verbitterung, weniger Frustration. "Das brauchen wir. Eine selbstbestimmte Entscheidung: Mach' ich das jetzt oder nicht?"

Manchmal aber kann Solveig Hoffmann Wünsche doch direkt erfüllen, wie den von Grünauerin Angelika Münzner. Sie wünscht sich mehr Sitzgelegenheiten an öffentlichen Plätzen. Hoffmann: "Haben Sie heute noch einen weiten Weg vor sich? Wenn Sie möchten, können Sie einen Sitzhocker mitnehmen. Den kann man zusammenfalten."

Kontakt zum "Amt für Wunscherfüllung" Bis Oktober 2018 nimmt Solveig Hoffmann Wünsche per E-Mail entgegen: AwuV@haus-steinstrasse.de

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juli 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2018, 04:00 Uhr