Sachbuch "Jeder schreibt für sich allein" Schriftsteller im Nationalsozialismus – Opportunismus, Skrupel, Naivität

Dass Anatol Regniers Bücher immer mit der eigenen Biographie und Familiengeschichte zusammenhängen, zeigt sich auch in seinem neuen Buch: "Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus", in dem der 1945 geborene Autor schildert, wie Schreibende mit dem Nationalsozialismus umgingen. Opportunistisch die einen, naiv und skrupellos die anderen. Auch Regniers Eltern bewegten sich in künstlerischen Kreisen, die auf die ein oder andere Weise mit dem Regime verstrickt waren. Eine lohnenswerte Untersuchung, so unser Kritiker.

Cover des Buches: Anatol Regnier - Jeder schreibt für sich allein
Cover des Buches "Jeder schreibt für sich allein" von Anatol Regnier Bildrechte: C.H. Beck

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann im wiedererstehenden Literaturbetrieb ein neuerlicher Krieg zu toben: der um die Deutungshoheit der vergangenen Jahre. Von den im Lande gebliebenen Schriftstellern wollte sich auf einmal keiner mit dem Regime eingelassen haben, geschweige denn ein Nazi gewesen sein.

Im Gegenteil: Manche stilisierten sich zu Opfern. Der Begriff der "inneren Emigration" machte die Runde. Nur wer geblieben sei, habe etwas für die "geistige und menschliche Entwicklung" gewinnen können; die anderen hätten "aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie" zugeschaut, schrieb Frank Thiess. Der Lieblingsgegner der inneren Emigranten war Thomas Mann. Dem platzte – bei aller Stilsicherheit – bei solchen Anfeindungen der Kragen:

Es mag Aberglauben sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an. Sie sollten alle eingestampft werden.

Thomas Mann, Schriftsteller

Wege auf der Karriereleiter

Anatol Regnier unternimmt in seinem neuen Buch eine Zeitreise in die Jahre 1933 bis 1945. Was ihn interessiert: Wie wurden Intellektuelle von dem, was Klaus Theweleit einmal den Machtpol genannt hat, angezogen oder abgestoßen? Warum schwebten wiederum andere haltlos um ihn herum? Mit einer Bankrotterklärung der Abteilung für Dichtkunst in der Akademie der Künste beginnt sein Buch – mit dem Zusammenbruch Deutschlands und einem moralischen Konkurs endet es. Und dazwischen? Wie haben sich die Schriftstellerinnen und Schriftsteller verhalten, etwa Hans Fallada, der wie kaum ein Zweiter in die Seele der kleinen Leute hineinschauen konnte.

Sie hatten 'mitgemacht', Bücher veröffentlicht, Lesereisen unternommen, Preise erhalten, vielleicht sogar dem 'Führer' die Hand gedrückt. Bekannte Namen sind darunter, Gottfried Benn oder Erich Kästner, aber auch solche, die man kaum noch kennt, Ina Seidel, Börries von Münchhausen, Agnes Miegel, Hans Grimm, Rudolf G. Binding, Wilhelm Schäfer, Emil Strauß und viele andere. Die Geschichte, so schien es, hatte ihr Urteil gefällt, mochten sie in Frieden ruhen und nicht mehr genannt werden.

Anatol Regnier, Schriftsteller

Ganz so einfach will es sich Regnier in seinem Buch allerdings nicht machen: "Würden sie, sähe man genauer hin und ließe es nicht beim Vorwurf des 'Mitmachens' bewenden, nicht ein ähnlich komplexes Bild menschlichen Verhaltens offenbaren, wie die Figuren in Falladas Roman? [...] Würde eine Beschäftigung mit ihnen nicht Einblicke in die Mechanismen des Nationalsozialismus gewähren und Fragen nach der Lebenswirklichkeit meiner Eltern und ihrer Generation beantworten, die mich seit meiner Jugend umtreiben? Vielleicht ließe sich sogar etwas über die Jetztzeit lernen. Ich wollte eine Untersuchung wagen."

Verweigerung und Anpassung

Es ist, um es vorwegzunehmen, eine lohnenswerte Untersuchung geworden. Das liegt nicht zuletzt an der Fähigkeit Regniers, die damalige Zeit detailreich mitzuerzählen. Man gewinnt Einblick in die Machtkämpfe innerhalb der Akademie der Künste, ekelt sich vor elenden Opportunisten und wundert sich über die Naivität manch anderer. Man staunt über die Arroganz eines Gottfried Benn, entdeckt Ambivalenzen, Skrupel, aber auch rücksichtslose Rohheit. Regnier spiegelt die Ereignisse im Innern immer auch durch die Zeugnisse jener Autoren, die freiwillig oder gezwungenermaßen in die Emigration gegangen sind. In einem Brief etwa wendete sich Klaus Mann an sein früheres Idol Gottfried Benn:

Was konnte Sie dahin bringen, Ihren Namen, der uns der Inbegriff des höchsten Niveaus und einer geradezu fanatischen Reinheit gewesen ist, denen zur Verfügung zu stellen, deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und vor deren moralischer Unreinheit sich die Welt mit Abscheu abwendet?

Klaus Mann, Schriftsteller und Sohn von Thomas Mann

Gelungene Darstellung einer Auswahl

Um Vollständigkeit geht es Regnier bei seiner Recherche nicht: Autoren wie Peter Huchel oder Günter Eich, die vor 1945 erste literarische Schritte gingen und nach dem Krieg bald maßgeblich wurden, fehlen. Auch so zwiespältige Charaktere wie Ernst Jünger lässt Regnier außer Acht. Vieles von dem, was Regnier gesammelt und collagiert hat, ist dem Kenner der Materie geläufig. Aber doch ist es ein spannendes Buch: Regnier lässt uns in einer dramaturgisch ausgefeilten und stilistisch feinen Erzählung teilhaben an der großen moralischen Probe, die nur die wenigsten der im Land gebliebenen Schriftsteller ohne Blessuren überstanden haben.

Informationen zum Buch Anatol Regnier: "Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus."
Verlag C.H. Beck. München 2020
366 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-406-75592-7
Preis: 26 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Oktober 2020 | 08:10 Uhr