"Straße der Jugend" Halle-Roman: André Kubiczeks Thema ist das Aufwachsen in der DDR

Immer wieder schreibt André Kubiczek, 1969 in Potsdam geboren, über das Aufwachsen in einem Staat, dessen Ordnung bald zusammenbricht. Genau davon handelte zum Beispiel sein Roman "Skizze eines Sommers", der 2016 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Nun ist ein Nachfolgeroman zu dieser Geschichte, die in Halle spielt, erschienen: "Straße der Jugend".

Buchcover – André Kubiczek „Straße der Jugend“ 4 min
Bildrechte: Rowohlt Berlin

André Kubiczeks Roman "Skizze eines Sommers" gehörte zu den schönsten Bücher des Jahres 2016. Ein wenig las er sich wie Jugendroman, vor allem aber wie ein Erfahrungsbericht über das Heranwachsen in den letzten Jahren der DDR. Ein klassischer Roman für alle Generationen. Fast so, als würden die Geschichten von Wolfgang Herrndorf im Osten und Mitte der 80er-Jahre spielen. Die Handlung des Romans ist schnell erzählt: René, der Held der Geschichte hat einen Sommer lang frei und vertreibt sich die Zeit mit seinen Freunden und zahlreichen Disco-Besuchen. In der Fortsetzung "Straße der Jugend" wird es nun ernst. Der Schulabschluss steht an, dann Armeezeit und Studium.

Zitat aus "Straße der Jugend" "Ich sollte nach dem Abitur nichts Normales studieren wie Chemie oder Agrarwissenschaften oder Journalismus, sondern war verdonnert worden zu einem obskuren Fach namens Organisation der materiell-technischen Basis, und weil eine solche Rarität in heimischen Breiten nicht angeboten wurde, musste ich deswegen extra ins Ausland, sprich: Mein Studium in zwei Jahren würde mich nach Moskau führen, Hauptstadt der ruhmreichen Sowjetunion. Weshalb ich das Abi auch nicht in Potsdam machen konnte, wie jeder normale Mensch und alle meine Freunde, sondern auf diese Spezialeinrichtung namens ABF delegiert worden war, die sich weit abseits meiner Heimat befand, in Halle an der Saale."

Die ABF - ein Elite-Internat der DDR

André Kubiczek
André Kubiczek Bildrechte: dpa

Die Arbeiter- und Bauernfakultät gleicht einem Elite-Internat, in das sich der betont lässige René, mit Lederjacke und Gel in den Haaren, nicht recht einfügen will. André Kubiczek bleibt sich treu und schreibt über eine Jugend fernab jeglicher Parteiindoktrinierung. Das tut er so konsequent, dass kaum erzählt wird, wie René bei den Lehrern aneckt. Weitaus wichtiger sind seine Liebesgeschichten, eine geplante Literaturzeitschrift und die Band, die er gemeinsam mit seinen Freunden gründen will. Auch, als im Deutschunterricht die Novelle "Zwei leere Stühle" von Erik Neutsch behandelt wird, ist René in Gedanken – natürlich – woanders:

Zitat aus "Straße der Jugend" "Versteht ihr, worauf das Ganze hin auslief? Der scheinbar Gute wird böse, und der Böse entpuppt sich im Nachhinein als gut. Das war jetzt nicht besonders feinsinnig, wenn ihr mich fragt, aber "Zwei leere Stühle" tat wenigstens so, als sei es aufmüpfig und würde gefährliche, gesellschaftliche Fragen stellen. Zumindest aber reichte es, um meine Kommilitonen zu wilden Diskussionen aufzustacheln, über Heuchelei und Mitläufertum und das alles, was mir wiederum erlaubte, weitgehend ungestört "On the Road" unter der Bank zu lesen, das ich im Antiquariat in der Großen Steinstraße ergattert hatte."

Anleihen aus Kubiczeks Biografie

Vieles im Roman ist an André Kubiczeks Biografie angelehnt. Auch er wurde in Potsdam geboren und ging dann nach Halle, um sich auf sein Studium vorzubereiten. Ein wenig erinnern seine letzten Bücher an die Romane von Angelika Klüssendorf. Auch hier dreht sich vieles um die Kunst - wenn auch nicht unbedingt als Rettung, dann zumindest als Flucht aus dem Alltag. Das liest sich durchweg unterhaltsam. Und hin und wieder gelingen Kubiczek Szenen von großer Poesie. Zum Beispiel wenn er beschreibt, wie goldenes Oktoberlicht der Stadt Halle einen ganz eigenen Glanz verleiht: 

Zitat aus "Straße der Jugend" "Auf den Saale-Auen der Peißnitzinsel lag dieser Glanz genauso wie auf dem Beton der Magistrale, dieser gigantischen Schnellstraße auf Stelzen. Er lag auf den zerbröselnden Straßenzügen der Innenstadt, die sich gleich hinterm Markt erstreckten, Große Steinstraße und Große Ulrichstraße und wie sie alle hießen, und deren verzweifelte Melancholie durch das herbstliche Licht etwas Sanftes bekam. Ihr Niedergang sah in der tiefen Oktobersonne aus wie inszeniert, wie die Illustration eines Gedichtes von Rilke oder von Stefan George, den ich in der Universitätsbibliothek entdeckt hatte, und nicht wie das Ergebnis von Geldmangel, Gleichgültigkeit oder was immer ihre einstige Pracht in diese Kaputtheit verwandelt hatte."

Wer große Dramatik erwartet, Konflikte mit dem Staat oder auch nur eine längere Auseinandersetzung mit den Lehrern an der Arbeiter- und Bauernfakultät, der wird enttäuscht werden. Wer den Vorgänger-Roman gelesen und gemocht hat, dem wird sicher auch "Straße der Jugend" gefallen. Denn André Kubiczek erzählt wie kaum ein anderer Autor vom Jugendalltag in der DDR – lässig, souverän und oft an vielen Stellen saukomisch.

Informationen zum Buch André Kubiczek: "Straße der Jugend"
Erschienen bei Rowohlt Berlin
400 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3737100250

Romane über das Leben in der DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. September 2020 | 17:40 Uhr