ARD-Themenwoche #WieLeben Wie ein Dresdner Konzertveranstalter mit der Corona-Krise umgeht

Der Kunst- und Kulturbetrieb befindet sich coronabedingt im Pausenmodus. Das zwingt viele Künstlerinnen und Künstler dazu, ihre Arbeit und auch ihr persönliches Leben zu überdenken. Der Kulturveranstalter Andreas Grosse aus Dresden ist so ein Beispiel. Sein Herzensprojekt, die Konzertreihe "Musik zwischen den Welten" hat er auf Eis gelegt. Dennoch bleibt er hoffnungsvoll.

Porträt eines Mannes mit blonden Haaren und Dreit-Tage-Bart im hellblauen Polo-Shirt.
Konzert- und Theaterveranstalter Andreas Grosse aus Dresden Bildrechte: Jacob Wallner

Andreas Grosse hat für viele Musikerinnen und Musiker Dresden zu einem weltoffenen Konzertort und zu einer musikalischen zweiten Heimat gemacht. Fado-Sänger Telmo Pires ließ zum Beispiel das Making-of zu seinem ersten Album "Fado Promessa" 2012 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden drehen. Dort findet sie statt, die "Musik zwischen den Welten" – so nennt sich die Konzertreihe, die Andreas Grosse vor 15 Jahren gegründet hat.

Die Konzertreihe sei für ihn weit mehr als eine Arbeit, die er gern mache, sagt der Kulturveranstalter. "Sie hat schon was mit meinem Leben zu tun. Ich hab sie selber aufgebaut, auch für mich selber." Auch sein eigener Horizont habe sich dadurch wesentlich erweitert. "Ich hab dadurch Musik hören dürfen, die ich vorher nie gehört habe und die ich ohne meine eigene Arbeit niemals kennengelernt hätte. Und ich hab die unheimlich beglückende Erfahrung gemacht, dass es noch andere Menschen gibt, die ähnlich ticken wie ich."

Keine weitere Planung möglich

Der November hat gerade begonnen und eigentlich hätte Andreas Grosse sein Konzertprogramm geplant und in seinem Büro am Rande von Dresden zwischen Stapeln tausender druckfrischer Konzertmagazine sitzen müssen. Stattdessen: Leere. Die Konzertreihe beginnt Grosse zufolge üblicherweise im September und endet etwa im Mai oder Juni. Pro Monat gibt es zwischen sechs und zehn Konzerte.

Noch fünf Tage vor dem Lockdown im Frühjahr habe er Flyer und Veranstaltungshefte in Dresden verteilt für mehr als 20 Konzerte und einige Festivals, erzählt er. Sie alle sind letztendlich ausgefallen, wurden auf den Herbst oder gleich bis ins nächste Jahr verschoben – oder auf unbestimmte Zeit. Konzerte planen ist auch jetzt unmöglich. Andreas Grosse hofft, dass mit einem Impfschutz und einem Abflachen der Pandemie vielleicht im kommenden Herbst wieder eine Art Normalzustand herrscht. Diese Hoffnung bezeichnet er selbst als optimistische Variante.

Situation annehmen und handeln

Der Dresdner Konzertveranstalter ist nachdenklich, aber gefasst, wenn er abwägt ab, ob das jetzt schon die Katastrophe ist. "Ab wann dieser Begriff gültig ist, ist ja subjektiv ganz verschieden. Ich glaube, es gibt schon Kraft, wenn man sie erstmal anerkennt und dann sagt: Was kann ich selber tun und ändern für mein Leben und was muss ich so annehmen und akzeptieren?"

"Musik zwischen den Welten" ist Grosses Herzensprojekt. Das nun Corona zu opfern, sei schwer, aber allein fühle er sich nicht, sagt er. "Es ist für alle bedauerlich: für die Musiker, die ja oft nicht die großen Stars sind, sondern die das oft aus Enthusiasmus tun, weil es genau das ist, was sie tun müssen in ihrem Leben. Die Veranstalter sind genauso und die Gäste sind auch so. Insofern ist das schon etwas sehr Emotionales."

Mich haben so viele Menschen angeschrieben, angerufen, angemailt. Einige haben Geld gespendet, damit ich durchhalte in dieser Zeit. Ich habe eine Resonanz gespürt, von der ich vorher nicht wusste, dass es sie geben wird.

Andreas Grosse, Konzertveranstalter

Überraschende Unterstützung

Andreas Grosse möchte hoffnungsvoll bleiben. Blind hoffen will er aber nicht. Jetzt setzt er erstmal die Stopptaste für sein Konzertprojekt. Das verbindet er aber nicht nur mit Trauer über den Verlust, denn er habe in den letzten Monaten auch beglückende Erfahrungen gemacht. "Mich haben so viele Menschen angeschrieben, angerufen, angemailt. Einige haben Geld gespendet, damit ich durchhalte in dieser Zeit. Ich habe eine Resonanz gespürt, von der ich vorher nicht wusste, dass es sie geben wird", sagt Grosse. Gleichzeitig sei ihm das aber auch unangenehm gewesen. "Es ist auch kein Lebenskonzept, wo man sein Leben darauf aufbauen kann und möchte."

Bis zum Dezember nimmt sich der Dresdner Konzertveranstalter erstmal Zeit –  für eine Heilbehandlung in Bayern, aber auch zum Nachdenken für den beruflichen Plan B oder C. "Ich werde mich damit beschäftigen müssen, meinen Lebensunterhalt eine Zeitlang anders zu finanzieren", so Grosse.

Sein größter Wunsch ist, dass die Demokratie in Deutschland standhaft bleiben möge und – einen Impfstoff vorausgesetzt – dass seine Konzerte in Dresden wieder Menschen aus aller Welt ganz nah zusammenbringe.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. November 2020 | 09:40 Uhr

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