Roman von Andrei Platonow Wie ein sozialistisches Superweib Stalins System in Frage stellte

Andrei Platonows Roman "Die glückliche Moskwa" in Neuübersetzung

Der überzeugte Kommunist Andrei Platonow fiel unter Stalin in Ungnade, welcher sogar an eines seiner Manuskripte das Wort "Abschaum" geschrieben hatte. Platonows Bücher versanken in der Versenkung. Sein nachgelassener Roman "Die glückliche Moskwa" ist nun in neuer Übersetzung erschienen. Und noch immer eine hochlesenswerte Lektüre, meint unser Kritiker.

Kommunistisches Propaganda-Plakat aus der Sowjetunion
Kommunistisches Frauenbild – Propagandaplakat aus den 20er-Jahren Bildrechte: imago/United Archives International

Der Erzähler Andrei Platonow (1899-1951) war ein überzeugter Kommunist und geriet doch wegen seiner Kritik etwa an Bürokratie und Zwangs-Kollektivierung in der Sowjetunion unter Stalin sehr schnell ins Abseits. Er konnte seit Mitte der 30er-Jahre praktisch nicht mehr veröffentlichen. Erst seit Ende der 80er wird sein Werk umfassend wiederentdeckt.

In einer neuen Übersetzung ist nun auf Deutsch Platonows Roman "Die glückliche Moskwa" erschienen. Die Protagonistin, Moskwa Tschestnowa, ist ein Waisenkind, in der Zeit der Oktoberrevolution zur Welt gekommen und nun zu Ehren ihrer Heimatstadt wie diese benannt worden – Moskwa – dazu noch Tschestnowa ("Die Ehrliche"). Diese Moskwa ist beseelt davon, an der neuen Zeit, am revolutionären Aufbruch teilzunehmen. Sie wird Fallschirmspringerin und ihr Herz pocht so kräftig, dass selbst Insekten, die sich auf ihre große Brust setzen, erschrocken wieder wegfliegen. Schöne Musik erinnert Moskwa an das Proletariat, und jeder Mann, mit dem Moskwa zu tun hat, verliebt sich in sie. Tatsächlich ist Moskwa so etwas wie ein frühsozialistisches Superweib: schön wie die Stadt Moskau, immer optimistisch und auf der Suche nach der nächsten großen Aufgabe.

Ihr Leben war noch lang, vor ihr erstreckte sich fast die Unsterblichkeit. Moskwa Tschestnowa nahm es ernst und ging durchs Tor; sie wollte an allem teilnehmen und war erfüllt von jener Unbestimmtheit des Lebens, die genauso glücklich ist wie seine endgültige Lösung.

Aus dem Roman "Die glückliche Moskwa"

Warum das Verbot?

Und doch hat ja Platonow diesen Roman nicht mehr veröffentlichen können – Stalin selbst hatte an eines seiner Manuskripte das Wort "Abschaum" geschrieben und damit das Schicksal des Autors Platonow besiegelt.

Andrej Platonow, Die glückliche Moskwa
Cover des Buches "Die glückliche Moskwa" von Andrei Platonow Bildrechte: Suhrkamp

Platonow bricht mit der Ideologie der jungen Sowjetunion, indem er den politischen Doktrinen nicht etwa direkt widerspricht, sondern in grotesker Weise alles überzeichnet. Dem simplen Bild vom neuen Menschen stellt er Charaktere entgegen, die sich immer wieder und sehr schmerzhaft darin verfangen, dass sie am Ende eben doch nur Menschen sind.

Die glückliche Moskwa zum Beispiel verliebt sich bisweilen doch in einen Mann – und diese Männer wiederum leiden darunter, dass ihre Gefühle für Moskwa sozusagen den technischen Gesetzen der revolutionären Seele wiedersprechen.

Und hier wird dieser Roman komisch und bitter zugleich, denn Platonow entwirft Menschen, die immer alles im Sinne ihrer Weltanschauung zu klären versuchen und ihr Leben nach gemeinsam gefassten Beschlüssen ausrichten – sie beschließen, sich zu küssen, sich in einem Kornfeld zu lieben, sich dann aber doch wieder zu trennen – und wundern sich, warum sie trotzdem so traurig sind. Die menschliche Seele durchkreuzt also die Gesetze, an die alle glauben und die für den Neuen Menschen eigentlich zu gelten haben.

Sowjetischer Existentialist

Der russische Schriftsteller Andrej Platonow
Andrei Platonow Bildrechte: dpa

Platonow gilt als der Existentialist unter den sowjetischen Autoren dieser Zeit. Ähnlich wie Sartre oder Camus im Frankreich dieser Jahre verwandelt sich auch bei ihm die ganze Gesellschaft in ein höchst absurdes Gebilde, in dem sich weder die Ökonomie des Landes noch die Psyche der Menschen nach irgendwie nachvollziehbaren Regeln vollzieht.

So verliert Moskwa bei einem Unfall ein Bein, will aber sofort wieder weiter am Aufbau des Sozialismus mitwirken. Und auch die Männer um sie herum erleben verschiedene Tragödien, aber traurig werden sie an den Punkten ihrer Biografien, an denen sie normalerweise glücklich sein müssten.

Noch immer lesenswert

Der Roman ist auch im Jahr 2019 absolut lesenswert; vor allem weil Platonow – und hier ist Übersetzerin Renate Reschke für ihre aktualisierte Übersetzung zu loben – genau dieses Absurdistan von Kapitel zu Kapitel breiter ausrollt und also schildert, wie diese Leute von irgendwelchen unerklärlichen Lebensmotiven getrieben werden und in undurchschaubare Schicksalslinien geworfen sind. Immer schweben die abstrakten Ideen vom Kommunismus über ihnen. Aber darunter sind sie eben nur tapfere oder ängstliche Menschlein, die irgendwie ihr Menschsein bewahren wollen.

Angaben zum Buch Andrei Platonow: "Die glückliche Moskwa"
aus dem Russischen übertragen von Renate Reschke
221 Seiten, gebunden, 24 Euro
ISBN: 978-3-518-42896-2
Suhrkamp Insel-Bücherei

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Dezember 2019 | 08:40 Uhr

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