Angelika Klüssendorf
Schriftstellerin Angelika Klüssendorf Bildrechte: dpa

Buchkritik "Enthüllungen" über Frank Schirrmacher?

In ihrem dritten Roman "Jahre später" lässt Angelika Klüssendorf ihre Hauptfiguren an ihrer Ehe scheitern. Parallelen zur Ehe der Autorin mit dem verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher liegen nahe.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Angelika Klüssendorf
Schriftstellerin Angelika Klüssendorf Bildrechte: dpa

Der Kreis schließt sich: Der Satz, mit dem Angelika Klüssendorf 2011 ihren Roman "Das Mädchen" einsetzen ließ, steht nun am Ende von "Jahre später", dem offenkundig als Abschluss vorgesehenen Band eines dediziert autobiografischen Zyklus. "Das Mädchen" hatte von einer desaströsen DDR-Kindheit Anfang der 1970er-Jahre erzählt, von heillosen prekären Verhältnissen, von einer sadistischen Mutter, einem nur sporadisch auftauchenden Trinkervater und einem zerstörerischen Kinderheim.

Die Fortsetzung "April" (2014) deutete Licht am Ende des Tunnels an: Das Mädchen, das sich nach einem Deep Purple-Song April nennt, entkommt der Psychiatrie, wendet sich der Literatur und Kunst zu, gibt in Leipzig subversive Untergrundmagazine heraus und darf 1985 mit Mann Hans und Sohn Julius in den Westen ausreisen.

Kind vom Hallo-jetzt-komm-ich-Typ

Cover: Angelika Klüssendorf - Jahre später
Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

"Jahre später" setzt 1989 ein, als Aprils Ehe längst in die Brüche gegangen ist. Auf der Reeperbahn lernt sie den erfolgreichen Chirurgen Ludwig kennen, einen Hallo-jetzt-komm-ich-Typen, der ohne Umschweife zu verstehen gibt, dass er sich ein Leben ohne das rätselhafte, mit sich selbst oft hadernde Mädchen aus dem Osten nicht vorstellen will. Die ungleichen Liebenden werden rasch ein Paar; man zieht nach Hamburg, wo April in ihr fremde Gesellschaftskreise vorstößt, und bekommt ein gemeinsames Kind, Samuel, ohne dass dies die Ehe der beiden stabilisieren würde.

Ludwig kann Feuer entfachen, aber nicht am Brennen halten.

Aus "Jahre später" von Angelika Klüssendorf

Der auf Karriere erpichte, nie eigene Schwächen einräumende Ludwig ist ein Besessener, der ungern zurückschaut, in allem, was er tut, ein hohes Risiko eingeht und, wenn er nach getaner Arbeit aus dem Krankenhaus zurückkehrt, die Nächte damit zubringt, Horrorfilme anzuschauen, sich mit brutalen Computerspielen ablenkt und dabei Unmengen von Cola-Mischgetränken zu sich nimmt. April, die als Journalistin arbeitet und glaubt, ihrer Mutterrolle nicht gerecht zu werden, fühlt sich "wie eine Gefangene" – ohne dass eindeutig wäre, wer oder was sie dazu gemacht hat.

Spröde, unsentimentale Sprache

Klüssendorf schildert in ihrer so unverwechselbar spröden, unsentimentalen Sprache, wie eine Beziehung, die als unkonventionelles, aufregendes Spiel begann, Stück für Stück zerstört wird. "Ludwig kann Feuer entfachen, aber nicht am Brennen halten", heißt es knapp, und so erlischt diese Flamme nach einem guten Dutzend Ehejahren endgültig. An deren Ende stehen groteske juristische Auseinandersetzungen, bis April sich freizuschwimmen beginnt, indem sie erkennt, dass sie das Zutrauen finden muss, sich selbst zu einer literarischen Gestalt zu machen.

"Enthüllungen" über Frank Schirrmacher?

ARCHIV - Frank Schirrmacher (Foto vom 14.10.2009).
Frank Schirrmacher (1959-2014) Bildrechte: dpa

"Jahre später" ist ein beklemmendes Buch, das dank seiner Kargheit ohne unnützen Sprachballast auskommt und bewusst Leerstellen lässt. Angelika Klüssendorf hat nie einen Hehl daraus macht, dass sie in ihren drei schmalen Romanen von sich selbst erzählt, und so ist es kein Wunder, dass der an "Enthüllungen" stets interessierte Literaturbetrieb "Jahre später" so begierig aufgenommen hat, weil Klüssendorf viele Jahre mit dem 2014 verstorbenen Journalisten Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen", verheiratet war.

Schirrmacher-Gegner und Schirrmacher-Freunde werden deshalb freudig zu ergründen suchen, was der – literarisch erstaunlich bewanderte – Chirurg Ludwig mit ihm gemeinsam haben könnte. Für die literarische Wertschätzung von "Jahre später" ist das freilich völlig ohne Belang. 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 12. Februar 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2018, 10:35 Uhr

Cover: Angelika Klüssendorf - Jahre später
Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Angelika Klüssendorf: Jahre später

Angelika Klüssendorf: Jahre später

Roman
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018
159 Seiten, 17 Euro, gebunden
ISBN 978-3-462-04776-9

Angelika Klüssendorf ist zu Gast auf der Buchmesse: Am Freitag, 16.3. um 15.30 Uhr am MDR-Stand.

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