Netflix-Logo auf der Netflix-Internetseite, 2014
Angriff aufs Kino? Bildrechte: dpa

Was Regisseure und Schauspieler sagen Hollywood goes Netflix: Wie Streaming-Anbieter das Kino verändern

Es ist schon lange kein Kampf mehr von David gegen Goliath. Denn Hollywood ist mittlerweile in Hab-Acht-Stellung und beobachtet genau, was der Streamingdienst Netflix macht. Lange Zeit stand Netflix für Serien, also in direkter Konkurrenz zum Fernsehen. Mittlerweile baut der Streaming-Gigant seine Filmbibliothek auch mit zahlreichen Eigenproduktionen aus. Und so macht ein Film wie "Roma" den klassischen Filmstudios jetzt auch noch die großen Auszeichnungen streitig.

von Anna Wollner, MDR KULTUR

Netflix-Logo auf der Netflix-Internetseite, 2014
Angriff aufs Kino? Bildrechte: dpa

Netflix schweigt. Wie immer. Keine Auskünfte über aktuelle Zahlen – egal, ob sie die Zugriffe auf die Plattform selbst oder den in ausgewählten Kinos laufenden Film "Roma" betreffen.

Auch wenn sich Kritiker einig sind, dass "Roma" von Alfonso Cuarón der beste Film des Jahres sei, der schließlich bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde – Netflix hält sich bedeckt und lässt sich nicht in die Karten schauen.

Auch zu "Mowgli" von Andy Serkis gibt es keine Informationen. Dabei handelt es sich um eben jenen Film, den Netflix von Warner kaufte, nachdem eine Kinoauswertung dieser enorm teuren Produktion in weite Ferne rückte, weil Disney mit seiner "Dschungelbuch"-Version schneller als Warner war.

Alfonso Cuarón: "Ein tolles Geschenk"

Filmemacher wie "Roma"-Regisseur Cuarón sehen die Streamingportale jedenfalls als Möglichkeit, ihre Werke einem Publikum zugängig zu machen, das sie sonst vermutlich ignorieren würde: Denn ein Film wie "Roma", in nicht-englischer Sprache und ohne Stars, würde es schwer haben im Kino, überall, sagt Cuarón und meint:

Jetzt kann den Film jeder sehen, der ihn sehen will, im Kino oder auf der Plattform selbst. Das ist ein tolles Geschenk.

Alfonso Cuarón, Regisseur

Cuaróns "Roma" und Serkis "Mowgli" haben eins gemeinsam: Netflix hat sie nicht selbst produziert, sondern die fertigen Filme gekauft und damit keinen Einfluss auf die Entwicklung gehabt. So baut das Unternehmen mit dem "Fremd"-Material die Datenbank aus, um gegen die immer größer werdende Konkurrenz gewappnet zu sein. Denn mittlerweile arbeiten neben Netflix, Amazon Prime und Sky auch andere an Streamingdiensten.

Disney will in den nächsten Jahren ein eigenes Portal starten und hat vor allem deswegen gerade den Verleih Fox übernommen, der die Rechte an vielen Klassikern hält. Apple hat sich gerade die Rechte an den "Peanuts" gesichert, selbst Facebook produziert schon eigene Film- und Serieninhalte. Auch Netflix rüstet auf und produziert Filme nur fürs eigene Portal. Filmische Katastrophen wie "Bright" mit Will Smith oder Duncan Jones Sci-Fi-Seifenoper "Mute" gehen im chaotischen Überangebot allerdings unter und fallen nicht weiter auf. Martin Scorsese bekam 100 Millionen Dollar Budget für seinen Mafia-Thriller "The Irish Man" – geplante Veröffentlichung 2019, ob mit oder ohne Festival- und Kinoauswertung ist noch offen.

Susanne Bier: "Es gibt Dinge, die kann man nicht kontrollieren"

Die dänische Regisseurin Susanne Bier hat für Netflix "Bird Box" produziert, einen packenden Survival-Horrorfilm mit Sandra Bullock in der Hauptrolle. Bier scheint hin- und hergerissen zwischen den Vor- und Nachteilen einer Streaming-Plattform-Auswertung:

Ich saß neulich neben jemandem, der den 'Paten' auf dem iPhone geguckt hat. Da habe ich mich auch gefragt, was wohl Francis Ford Coppola dazu sagen würde. Aber der Typ war vollkommen in die Story vertieft.

Susanne Bier, Regisseurin

Natürlich sei das eine andere Erfahrung, einen Film wie den "Paten" auf dem iPhone zu sehen, aber hoffentlich eine ebenso fesselnde: "Als Regisseurin will ich immer alles unter Kontrolle haben, aber es gibt eben Dinge, die kann man nicht kontrollieren."

Schauspielerin Sandra Bullock (l) und Regisseurin Susanne Bier.
Schauspielerin Sandra Bullock (links) und Regisseurin Susanne Bier (rechts) bei der Europapremiere des Horror-Thrillers "Bird Box" Bildrechte: dpa

Netflix bietet – da sind sich vor allem Regisseure wie Bier und Cuarón einig, ein potenziell größeres Publikum als jede Kinoauswertung. Die dänische Regisseurin Susanne Bier meint dazu: "Wir Filmemacher haben ein vollkommen neues potenzielles Publikum – nämlich alle Netflix-Abonnenten, also über 130 Millionen Zuschauer weltweit. Das sind nur die Abonnenten, wir gehen aber davon aus, dass sie den Film nicht alleine gucken. Ich will Geschichten erzählen. Geschichten mit Substanz. Einen Film bei Netflix rauszubringen, gibt mir die Möglichkeit viel mehr Leute zu erreichen als mit einem normalen Kinostart. Das tut doch gut und ist – hoffentlich – befriedigend."

Sandra Bullock: "Mit den Streaminganbietern kommt die Genre-Vielfalt zurück"

Auch wenn es bei Netflix und Co. viel Ausschussware gibt – Filme, die weder ins Kino noch auf ein Online-Portal gehören – belebt Konkurrenz das Geschäft. Und wie "Bird Box"-Hauptdarstellerin Sandra Bullock meint, hätten die Angebote der Streaminganbieter die Messlatte für Filme wieder höher gelegt:

Superheldenfilme hatten nie ein Problem, gemacht zu werden. Aber alles andere ist im Kino nicht mehr wahrgenommen worden.

Sandra Bullock, Schauspielerin

Mit den Streaminganbietern komme die Genre-Vielfalt zurück, meint Bullock: "Und ganz nebenbei haben wir Schauspieler wieder die Möglichkeit zu spielen, wahrgenommen zu werden.

Quantität vor Qualität. Netflix und Co. als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Schauspieler. In einer idealen Welt geht beides. Am Ende muss immer noch der Zuschauer entscheiden, ob er ins Kino geht oder auf dem heimischen Sofa bleibt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Dezember 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2018, 04:00 Uhr

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