Silhouette eines Jungen, der auf einem Sprungturm steht und nach unten schaut.
Der Sprungturm im Schwimmbad ist eine Möglichkeit, seine Ängste zu überwinden Bildrechte: IMAGO

Sachbuch: "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren" Kann man mit diesem Buch Ängste überwinden?

Es gibt viele Ängste, ob vor dem Alter, vor Spinnen, der Dunkelheit oder dem Fliegen. Aber wie kann man seinen Ängsten begegnen, wie kann man sie überwinden oder zumindest eindämmen? Und welche Ängste sind vielleicht sogar ganz nützlich? In seinem neuen Buch "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren" begibt sich der Berliner Philosoph Gregor Eisenhauer auf die Spuren der Angst und entwickelt Mechanismen, mit denen man seiner Ängste Herr werden kann.

von Irene Binal, MDR KULTUR-Literaturexpertin

Silhouette eines Jungen, der auf einem Sprungturm steht und nach unten schaut.
Der Sprungturm im Schwimmbad ist eine Möglichkeit, seine Ängste zu überwinden Bildrechte: IMAGO

Gregor Eisenhauer hat mit "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren" ein Buch über Ängste geschrieben. Und er ist bestens geeignet dafür, denn er hat selber Angst: vor dunklen Kellern, vor Wasser, vor Krankheiten und Ärzten, vor der Turnstunde in der Schule, vor fremden Menschen, vor dem Alleinsein und vor zu viel Nähe. Doch Eisenhauer geht noch weiter. Er verspricht im Untertitel "Furchtlos in sieben Tagen" zu sein.

Das Buch ist das literarische Eingeständnis meiner Angst.

Gregor Eisenhauer
Gregor Eisenhauer: Wie wir die Angst vor der Angst verlieren. Furchtlos in 7 Tagen
Gregor Eisenhauer: "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren. Furchtlos in sieben Tagen" Bildrechte: Dumont

Spritzig und humorvoll erzählt Eisenhauer in seinem Buch von einer ungewöhnlichen Therapiewoche. Hilfe sucht er bei einer Kafka-Liebhabern nicht unbekannten Therapeutin namens Frau Bürstner ("Der Process"). Sie verordnet ihrem Patienten eine einwöchige Express-Konfrontationstherapie und verlangt von ihm jeden Tag eine kleine Mutprobe.

So muss er im Café einen wildfremden Menschen ansprechen, er nimmt an einem Experiment zur Feststellung des Angstempfindens teil und besucht einen Tanzkurs, um seine Scheu vor Frauen zu überwinden. Dazu bemerkt Eisenhauer: "Man lernt, in geordnetem Rahmen sich dem anderen Geschlecht zu nähern, es anzufassen und auch wieder loszulassen. Und diese Einübung in der Begegnung der Geschlechter, noch nicht mal zum Zweck der Paarung, sondern zum Zweck des Vergnügens oder des Tanzens, wenn das in den Schulen wieder beginnen würde (zum Beispiel ein verpflichtender Tanzkurs) hätte man eine Begegnung der Geschlechter, die mal was ganz anderes wäre als tindern."

Eine Gesellschaft voller Angst

Die vergnügliche Prosa soll freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Eisenhauer um etwas sehr Ernstes geht: um die Zunahme der Angst in einer ständig überforderten Gesellschaft:

Wir sind überfordert mit allem. Wir sind überfordert mit den menschlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen, wir sind überfordert mit den moralischen Ansprüchen, die an uns gestellt werden, was sollen wir nicht alles machen - das können wir gar nicht alles machen.

Gregor Eisenhauer

Eisenhauer beleuchtet eine Reihe von Ängsten: die Angst, zu versagen und die Angst vor dem Erfolg, die Angst unsichtbar zu bleiben und die Angst, aufzufallen, die Angst vor Einsamkeit und die Angst vor Liebe. Viele Menschen wünschen sich einen Partner – wissen aber gar nicht genau, was sie suchen. Der Autor erläutert: "Viele suchen einen Therapeuten, meinen aber in Wirklichkeit einen Freund. Andere suchen einen Freund, meinen aber einen Therapeuten. Liebhaber werden mit Ehemännern verwechselt, Ehemänner mit Kuratoren. Die Erwartungen boykottieren die Anstrengungen der Suche. Die Angst, stets den Falschen zu finden, verstellt den Blick auf den Richtigen."

Ein junger Mann sitzt im Gebirge auf einem Felsen an einem Abgrund.
Auch ohne manifeste Höhenangst bekommen so manche bei diesem Bild Beklemmungen Bildrechte: IMAGO

Es geht in dem Buch um den Angsttunnel, um John Travolta und griechische Mythologie, um positive Seiten der Angst – und immer wieder um Franz Kafka, einen Mann, der unter vielen Ängsten litt und dem sich Eisenhauer sehr nahe fühlt.

Dieses Gefühl, meine Angst ist deine Angst, deine Angst ist meine Angst, über Zeiten hinweg, über intellektuelle Distanzen hinweg, das ist was Beruhigendes und das lässt einen lächeln. Weil, da ist man nicht mehr einsam.

Gregor Eisenhauer

Soziale Klimakatastrophe

So entsteht ein philosophischer Streifzug durch die Welt der Angst, ein Text, der Fragen stellt und gesellschaftliche Entwicklungen beleuchtet.

Junger Mann an eine Wand gelehnt und sich die Hand an die Stirn haltend.
Angst kann zur sozialen Isolation führen Bildrechte: Colourbox.de

Eisenhauer bennent Probleme und bietet Lösungsansätze: "Wir haben eine soziale Klimakatastrophe. Es wird immer über die geothermische geredet, schlimm genug, aber wir haben eine Erkaltung, einen Gefrierbrand der Seelen, der die Leute so unfähig macht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Da hilft es nur, auf den Nächsten, den Nächsten, den Nächsten zuzugehen und zu fragen: wie geht es dir eigentlich?"

In sieben Tagen wird man seine Ängste wohl nicht überwinden können - aber eine einwöchige Auszeit kann hilfreich sein. Eine Auszeit, in der man sein Leben auf den Prüfstand stellt und die eigene Angst hinterfragt. Und in der man sich, wie Gregor Eisenhauer es getan hat, auch einen nicht ganz realen Begleiter als Unterstützung suchen kann.

Angaben zum Buch Gregor Eisenhauer: "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren. Furchtlos in sieben Tagen"
300 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-8321-8358-5
Dumont

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2019, 04:00 Uhr

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