Gespräch Journalistin Anja Reschke: "Man hätte früher auf den Osten schauen müssen"

Sie ist eine der renommiertesten Journalistinnen Deutschlands: Anja Reschke moderiert seit nunmehr fast 20 Jahren das politische Magazin Panorama und ist damit das Gesicht von Deutschlands traditionsreichster Politiksendung. Mit MDR KULTUR spricht Reschke über Haltung im Journalismus und Versäumnisse in der Berichterstattung über den Osten.

Journalisten, Politiker, Whistleblower – immer wieder gibt es Menschen in unserer Gesellschaft, die öffentlich Haltung zeigen. Wer dies tut, wird gelobt, geliket, kritisiert oder gar angefeindet. Anja Reschke ist so eine Journalistin, der immer wieder attestiert wird, sie zeige Haltung. Vielleicht ist das der Grund, warum sie sich mit dem Thema beschäftigt und das Buch "Haltung zeigen!" dazu geschrieben hat. Im Gespräch mit MDR KULTUR fordert Reschke auch eine andere Haltung zu Ostdeutschland.

Blick des Ostens vernachlässigt

Anja Reschke ist in der Nähe von München aufgewachsen. Ihr Blick auf die Republik war naturgemäß ein westdeutscher. Inzwischen kritisiert sie im Gespräch mit MDR KULTUR: Ostdeutschland wurde in den 30 Jahren der Einheit in den überregionalen Medien bislang schlecht repräsentiert.

In den großen Tages- und Wochenzeitungen sei überwiegend aus der Westperspektive berichtet wurden: "Das ist wirklich ein Versäumnis der Medien, wenn man das so sagen kann, dass viel zu viele Jahre gar nicht auf den besonderen Blick des Ostens geguckt wurde. Und eigentlich ist es erschütternd, dass das erst gekommen ist in dem Moment, wo Rechtsextreme dort groß geworden sind und wo die Zahlen meinetwegen der AfD oder so groß geworden sind oder Pegida sich formiert hat, sodass man erst so eine Wut braucht. Und dann guckt man dahin. Das ist total schade und auch falsch, weil es ja eigentlich nicht darum geht, jetzt nur auf die auf die Wut zu gucken, sondern eigentlich auf alles. Und das gibt auch ein falsches Bild. Es ändert sich jetzt gerade schon. Man guckt jetzt viel mehr drauf. Aber man hätte das früher machen müssen."

Haltung oder Gesinnung

Der Rechtsruck, der eben nicht nur in Dresden, Erfurt oder Chemnitz deutlich wird, hat auch ein Einfluss auf die journalistische Arbeit. Haltung sei immer ein sehr positiv besetzter Begriff gewesen, doch das habe sich heute teilweise geändert. Haltung werde im Diskurs oft mit Gesinnung gleich gesetzt, meint Reschke bei MDR KULTUR.

Gesinnung hat natürlich im Journalismus nichts verloren. Es geht nicht darum, dass wir jetzt irgendwie links gesinnt oder rechtsgesinnt oder sowas sind, sondern ich habe ja für mich immer beschrieben, dass eine Haltung natürlich eine grundsätzliche Haltung ist, die auf den Grundwerten dieser Gesellschaft fußt. All das, was sozusagen in den Grundwerten unserer Demokratie steht.

Vorwürfe vom rechten Rand

Anja Reschke glaubt, dass diese negative Besetzung des Begriffs vor allem aus der rechtspopulistischen oder rechtskonservativen, teilweise auch rechtsextremen Richtung komme. Hinter den Vorwürfen stecke meist nur eine andere Meinung. Man erlebe diese Vorwürfe auch nur bei bestimmten politischen Feldern, die in der Gesellschaft stark diskutiert werden: "Niemand regt sich darüber auf, dass wir nicht neutral berichten, wenn wir die schönsten Küsten Irlands zeigen. Da kriege ich auch keinen Brief, wo drinsteht 'Ja, sorry, da gibt es aber drei Küstenabschnitte nebenan, wo noch irgendwie Industriebrache ist oder wo der Müll in der Bucht rumschwimmt'."

Journalismus muss wahrhaftig sein

Journalisten sollen neutral berichten. Für Anja Reschke ist Neutralität aber der falsche Ausdruck. Journalismus sei gewissermaßen auch subjektiv. Man gehe normalerweise an jedes Thema mit einer Hypothese heran und überlege, wie es sein könnte: "Das Wichtigste im Journalismus ist, Fakten zu recherchieren. Aber dann dich auch immer und ständig zu überprüfen. Das heißt, du musst auch die Argumente, die gegen diese Hypothese sprechen, genauso akribisch und gut recherchieren und prüfen, wie die Argumente, die für diese These sprechen. Und dann kriegst du ein Bild, das ist guter Journalismus."

Für die Zuschauer und Zuschauerinnen habe die journalistische Arbeit den Effekt, dass sie sich mit einem Thema beschäftigen und einen neuen Aspekt erfahren, den sie bei ihrer Meinungsbildung noch nie bedacht haben. Es sei auch Aufgabe der Presse, mit ihrer Arbeit etwas für die Gesellschaft zu erreichen. Zum Beispiel, dass ein Thema im Bundestag besprochen werde oder sich ein Untersuchungsausschuss damit befasse. Über die Aufgabe der Presse meint Reschke weiter:

Das ist ja der Sinn der freien Presse, dass ich für den Bürger mit kontrolliere. Ist es eigentlich in Ordnung? Was machen die in der Regierung mit dieser Macht? Missbrauchen die die oder setzen die gut ein? Das finde ich eine tolle Aufgabe.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. September 2020 | 12:00 Uhr