Ann-Marlene Henning
Die Autorin rät den Männern, selbst neugieriger zu sein. Bildrechte: MDR/Reiner Freese

Buch "Männer: Körper.Sex.Gesundheit." Warum Männer beim Thema Sex neugieriger sein sollten

Seit "Make Love" im Fernsehen lief, ist die Sexologin und Autorin Ann-Marlene Henning erklärt vielen ein Begriff. In ihrem neuen Buch untersucht sie, wie das männliche Empfinden von Liebe, Nähe und Sexualität zusammenhängen. Im Interview mit MDR KULTUR empfiehlt sie, auch im Alter immer neugierig auf den Partner zu bleiben und neue Wege zu gehen, wenn es mal nicht so gut steht.

Ann-Marlene Henning
Die Autorin rät den Männern, selbst neugieriger zu sein. Bildrechte: MDR/Reiner Freese

MDR KULTUR: Brauchen Männer mehr Aufklärung als die anderen Geschlechter in Deutschland?

Ann-Marlene Henning: Nein, brauchen sie nicht. Mein dänischer Co-Autor und Sexologe, Jesper Bay-Hansen, meinte, wir müssen ein Männerbuch schreiben. Weil schauen sie mal nach, wie viel Frauen-Literatur es gibt. Aber das hier ist für den Mann – für alle Männer und für Frauen, die mit Männern sind. Weil man Männer sagen hört – und auch Frauen oft – 'Naja, mein Mann, der kann das ja nicht.' Also Gefühle spüren und dazu auch etwas sagen.

Sie sagen, die Männer und Jungs müssen dazu erzogen werden. Ich stelle mir aber vor, ich bin ein Mann und habe mein ganzes Leben in diesem Rollenkonzept verbracht. Und jetzt sagen Sie: 'Das musst du doch gar nicht.'

Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning. Mit ihrem Bestseller "Make Love" will sie Tabus brechen und zu mehr Spaß am Sex und einer erfüllten Partnerschaft verhelfen.
Autorin und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning. Bildrechte: Gunnar Meyer

Ich habe ja auch ältere Klienten und ich hatte eine für mich sehr berührende Situation. Da saß ein 67 Jahre alter Mann und weinte. Und er sagte dann: 'Ich habe die letzten 40 Jahre verschwendet.' Da geht es dann um Kontakt – um in Kontakt kommen mit seinem Gegenüber. Um Liebe. Um berührt werden. Um wahre Intimität. Um wirklich wahrgenommen zu werden von dem anderen. Und dafür muss ich mich auch zeigen mögen.

Was ich in der Praxis feststellen kann ist, dass es sehr viele Menschen gibt, die kommen und sagen: Ich kann mit meinem Partner oder meiner Frau nicht schlafen. Ich kann kein Sex haben, weil ich keine Erektion habe. Oder andere Probleme, die gelöst werden können. Denn da gibt es schon Statistiken, die den Mann betreffen. Dass er später zum Arzt geht oder gar nicht zum Arzt geht. Auch früher stirbt und aber länger lebt, wenn er verheiratet ist.

Da stellen die Männer eine Sondergruppe dar, bezüglich Gesundheit, kombiniert mit Sexualität.

Ann-Marlene Henning, Autorin und Sexologin

Wenn Ihr Buch wie eine "Nachhilfe in Sachen guter Sex" zu verstehen ist, was ist dann die wichtigste Botschaft?

Wenn jemand super Sex hat, wie er ist, dann ist das so. Aber wenn jemand sagt: 'Ich kann meine Erektion nicht halten', dann fehlt es an Erregung. Also der Penis braucht einfach ein bisschen mehr als sonst. Was er jahrelang nur brauchte, das reicht nicht mehr. Deshalb sollte er den ganzen Körper als erogene Zone entdecken. Und nicht nur den "Rein-Raus-Sex", der super funktioniert hat bis dahin, und jetzt vielleicht nicht mehr reicht. Auch ein Penis leiert im Alter aus. Und vielleicht ist da auch ein Partner dazu, also wenn es eine Frau ist, eine Vagina, die auch nicht trainiert ist. Das ist ein Riesenthema. Also wenn ich wählen dürfte, dann wäre es: Ganzen Körper einsetzen und Beckenboden entdecken.

Wenn die Männer wüssten, wie wichtig der Beckenboden gerade für sie ist, dann würde es ganze Beckenboden-Institute geben.

Ann-Marlene Henning, Autorin und Sexologin

Und alle denken immer alle noch, dass das eine Frauensache ist.

Sie legen mit großer Offenheit in Ihrem Buch einen anderen Umgang, eine andere Haltung mit dem Thema Sex nahe. Hat das Tabu aber nicht auch eine erotisierende Funktion? Droht den Dingen durch die Offenheit nicht auch eine Entzauberung?

Cover Männer von Ann-Marlene Henning
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Ja, das ist eine ganz wichtige Frage. Nur die zählt nicht, wenn man Probleme hat. Jetzt muss ich leider etwas behaupten: Dass viele, viele Leute Sex auf den Prämissen des Mannes haben. Nach dem Vorspiel führt er den Penis ein und dann geht es hin und her bis er kommt. Es geht einfach so viel mehr! Man kann Wissen sammeln, sich mit dem Thema beschäftigen und danach muss man wieder den Zauber reingeben – dann kann es wieder neugierig, lustig und verspielt werden. Wir denken, das müsste alles so sein wie am Anfang, wo alles von allein passiert und alles interessant ist, weil der andere unbekannt ist.

Jeden Tag etwas anderes machen. Setzen sie sich woanders hin. Seien sie ungewöhnlich und denken sie nicht: Ich weiß doch was mein Partner mag. Nein, das wissen sie nicht – und ich weiß es auch nicht, wie ich jeden Tag feststelle. Seien sie aufrichtig neugierig auf den anderen.    

Das Gespräch führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Infos zum Buch Männer: Körper. Sex. Gesundheit.
Ann-Marlene Henning; Jesper Bay-Hansen
400 Seiten
Rowohlt Verlag
15,00 €
ISBN: 3499633485

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. November 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2018, 04:00 Uhr

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