Silly mit Anna Loos bei MDR THÜRINGEN
Anna Loos im MDR-Studio Bildrechte: MDR / Daniela Dufft

Neue "Tannbach"-Folgen im ZDF Anna Loos: Deutsche Sender sollten stärker auf Serien setzen

Nach dem Erfolg der ersten drei Teile, setzt das ZDF die Geschichte über das in Ost und West geteilte Dorf "Tannbach" fort. Hier stehen sich die Gegner bis an die Zähne bewaffnet gegenüber: Kollektivierung und Mangelwirtschaft auf der einen, Wirtschaftswunder auf der anderen Seite. Neu im hochkarätig mit Martina Gedeck, Heiner Lauterbach, Robert Stadlober u.a. besetzten Mehrteiler ist Anna Loos. Wir sprechen mit ihr über die Mauer, emanzipierte Frauenrollen und #metoo.

Silly mit Anna Loos bei MDR THÜRINGEN
Anna Loos im MDR-Studio Bildrechte: MDR / Daniela Dufft

MDR KULTUR: Wie beschreiben Sie Ihre Figur der Rosemarie?

Anna Loos: Meine Figur is eine moderne Frau für diese Zeit der 1960er-Jahre. Sie ist gedanklich eine Vorreiterin, was den Feminismus angeht, was die Selbständigkeit der Frau angeht. Sie ist untypisch für die Zeit und auch belastet durch das Sytem, in dem sie lebt.

Welche Rolle spielt für sie die Mauer, was verbinden Sie mit dem zentralen Motiv? Gibt es da Unterschiede zwischen Ost und West?

Als ich geboren wurde, gab es die DDR ja schon, ich bin in dem System aufgewachsen. Aber natürlich bin auch damals schon mit Medien wie RIAS Berlin großgeworden und mit den Westsendern, die wir heimlich geguckt haben. Dann war mir als Kind schon schnell klar, dass das beim Rest der Welt irgendwie anders läuft und dass uns die Mauer an vielen Sachen hindert. In unserer Familie war es so: Ein paar Geschwister meiner Eltern waren beim Mauerbau im Osten und ein paar waren im Westen. Ich kann das super nachvollziehen, diese Dörfer, die getrennt wurden und die Menschen, die sich dann nicht mehr besuchen durften. Wo die Menschen auf einmal anfingen, völlig verschiedene Leben in völlig verschiedenen Systemen zu führen. Das ist schon ein echt absurder Zustand.

Rosemarie Czerni (Anna Loos) steht unter Sabotageverdacht und muss eine Nacht im Ostberliner Gefängnis verbringen
Anna Loos in ihrer Rolle als Rosemarie Czerni in 'Tannbach'. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova

Wie wichtig ist die künstlerische Auseinandersetzung mit der Geschichte?

Genauso wichtig wie guten Geschichtsunterricht an Schulen, finde ich es, dass man fiktiv Geschichte aufarbeitet. Ich finde, in der Fiktion hat man die Chance, sie anhand von Menschen darzustellen, die sie gelebt haben. Das bringt so viel Zugang zur Geschichte. Ich kann mich beispielsweise erinnern, wie ich "Das weiße  Band" im Kino gesehen habe: Da bin ich rausgegangen, und ich konnte kein Wort sagen. Ich war so tieftraurig und habe zum ersten Mal verstanden, wie diese Generation sich fühlt. Das kann ein Lehrbuch nicht vermitteln. Das ist ein Geschenk, finde ich. Es ist aber auch eine Aufgabe, es so anzufassen, dass nichts verfälscht wird.

Gerade, wenn es um Filme über die DDR geht, reagieren viele Ostdeutsche sehr empfindlich, wenn sie sich nicht richtig dargestellt finden. Können Sie das verstehen?

"Das Leben der Anderen" war ja ein gefeierter Film mit tollen Darstellern und super gemacht. Aber als ich den gesehen habe, dachte ich: Ja klar, so stellen sich die Leute vor war das Leben im Osten. Es ist aber nicht so schwarz-weiß gewesen, und das hat mich dann etwas geärgert, weil ich dachte, das ist ja auch ein Teil unserer Geschichte, und wir leben ja noch. Das hat mich überhaupt nicht abgeholt, weil ich dachte: Nein, so war das nicht.

Bildergalerie "Tannbach" - Staffel Zwei

Der historische Mehrteiler erzählt vom Dorf Tannbach, das in Ost und West geteilt ist. Der Kalte Krieg ist in den 60er-Jahren auf seinem Höhepunkt: Wettrüsten, Sabotage und Mauerbau bestimmen das Schicksal der Familien.

Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) beobachtet fassungslos, wie aus dem Grenzzaun in Tannbach eine unüberwindbare Mauer wird
Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) beobachtet fassungslos, wie aus dem Grenzzaun in Tannbach eine unüberwindbare Mauer wird. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) beobachtet fassungslos, wie aus dem Grenzzaun in Tannbach eine unüberwindbare Mauer wird
Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) beobachtet fassungslos, wie aus dem Grenzzaun in Tannbach eine unüberwindbare Mauer wird. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Kathi Schober (Johanna Bittenbinder) schmiert den ostdeutschen Grenzer Hubertus Prantl (Wowo Habdank) mit Westgeld, damit sie jederzeit über die Grenze in den Osten gehen kann
Kathi Schober (Johanna Bittenbinder) schmiert den ostdeutschen Grenzer Hubertus Prantl (Wowo Habdank) mit Westgeld, damit sie jederzeit über die Grenze in den Osten gehen kann. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Hilde Vöckler (Martina Gedeck) will am Tag des Mauerbaus über die Grenze nach West-Berlin
Hilde Vöckler (Martina Gedeck) will am Tag des Mauerbaus über die Grenze nach West-Berlin. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Hilde Vöckler (Martina Gedeck) leidet an einer schweren Lungenentzündung, dennoch näht sie weiterhin zweihundert Knopflöcher am Tag
Hilde Vöckler (Martina Gedeck) leidet an einer schweren Lungenentzündung, dennoch näht sie weiterhin zweihundert Knopflöcher am Tag. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Hilde Vöckler (Martina Gedeck) und Stasimajor Robert Leonhardt (Rainer Bock) treffen im Gefängnis wieder aufeinander
Hilde Vöckler (Martina Gedeck) und Stasimajor Robert Leonhardt (Rainer Bock) treffen im Gefängnis wieder aufeinander. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Rosemarie (Anna Loos) kann Gustl Schober (Maximilian Brückner) nichts versprechen
Rosemarie (Anna Loos) kann Gustl Schober (Maximilian Brückner) nichts versprechen. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Rosemarie (Anna Loos) erfährt über Gustl Schober (Maximilian Brückner) von der Rolle ihres Mannes in der NATO-Geheimarmee
Rosemarie (Anna Loos) erfährt über Gustl Schober (Maximilian Brückner) von der Rolle ihres Mannes in der NATO-Geheimarmee. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
Rosemarie Czerni (Anna Loos) steht unter Sabotageverdacht und muss eine Nacht im Ostberliner Gefängnis verbringen
Rosemarie Czerni (Anna Loos) steht unter Sabotageverdacht und muss eine Nacht im Ostberliner Gefängnis verbringen. Bildrechte: ZDF/Julie Vrabelova
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"Tannbach" ist auch eine Geschichte über die Emanzipation von Frauen. Männer bestimmen über das Leben ihrer Frauen und Töchter. Auch Ihre Figur, obwohl für die damalige Zeit emanzipiert, muss heiraten, um einen Arbeitsvertrag zu bekommen, weil nur der Ehemann den unterschreiben kann.

Es war damals so. Meine große Tochter ist 15. Die weiß das gar nicht. Ich habe ihr davon erzählt und sie hat gesagt, das ist ja der Wahnsinn! Das glauben junge Frauen von heute kaum. Und selbst ich war erstaunt, als ich mich in diese Zeit hineingearbeitet habe, was alles nicht ging in dieser Zeit.

Aber die #MeToo-Debatte heute zeigt, dass es zwischen den Geschlechtern noch viele Kämpfe gibt ...

Ich bin seit 25 Jahren in diesem Beruf, und es hat noch nie einer versucht, sexuell irgendwas von mir zu wollen. Vielleicht habe ich das auch immer ausgestrahlt. Aber hätte das jemand versucht, dann hätte ich auf die Rolle verzichtet und gesagt: 'Das kannst du lassen', und hätte da einen riesen Wirbel gemacht. Eine unserer Aufgaben ist nicht nur, diese Männer zu verurteilen, dass sie so dumm sind und so eklig, sondern eine andere Aufgabe ist, dass wir unseren Kindern - ich habe selber zwei Mädchen - beibringen, sich zu wehren, dass die sowas nicht mit sich machen lassen. Ich habe die ganze Debatte nur am Rande mitgekriegt und dachte Wahnsinn, der jetzt auch und der auch und der auch. Die Botschaft, die diese MeToo-Debatte hat, ist: Leute, wehrt Euch. Das eine sind die Vollidioten, die das machen, das andere sind die Leute, die sich nicht wehren. Man muss eben nicht um jeden Preis irgendeine Rolle spielen oder um jeden Preis über irgendeinen roten Teppich gehen.

Serien sind die neuen Romane, meinen manche mit Blick auf diese Art des Erzählens. Wo steht Deutschland?

Ich glaube, dass wir uns in die Richtung entwickeln, weil Anbieter wie TNT, Netflix und Amazon jetzt auch anfangen, hier zu produzieren. Aber auch das ZDF, die ARD oder Vox haben alle begriffen, dass diese Erzählweise gut funktioniert. Ich glaube nicht, dass die 90-Minüter im Fernsehen aussterben, aber sie werden eher so einen Eventcharakter haben. Ich merke es selber: Ich habe selten 90 Minuten Zeit. Beispielsweise unterwegs sind 45 Minuten perfekt für kurze Flüge. Und was toll für die Fernsehbranche ist: Es gibt immer diesen Punkt, wenn die eine Folge zu Ende ist, diesen Cliffhanger. Man hat dann dieses "Immer-Hunger-Gefühl". Dieses Serienformat ist wichtig fürs Fernsehen, weil die Menschen Lust haben, sie zu konsumieren. Deshalb muss man da viel Energie reinstecken. In Deutschland ist das noch nicht so wie in Amerika. Die deutschen Produzenten und Sender müssen daran noch viel mehr arbeiten.

Das Interview führte Claudia Bleibaum.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 08. Januar 2018 | 06:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2018, 10:55 Uhr

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