Sopranistin Anna Netrebko tritt im Rahmen des Wiener Opernballs auf.
Die Sopranistin Anna Netrebko Bildrechte: dpa

Klassik Ist Anna Netrebko wirklich erschöpft oder eine Diva?

Placido Domingo, Jonas Kaufmann, jetzt Anna Netrebko – immer wieder einmal sagen Opernstars ihre Konzerte kurzfristig ab. Aus gesundheitlichen Gründen, wie es heißt. Den größten Aufreger gibt es gerade bei Anna Netrebko, erst fiel sie bei den Salzburger Festspielen aus, nun sagte sie auch noch ihren Auftritt auf den Bayreuther Festspielen ab, es wäre ihre Premiere auf dem Grünen Hügel gewesen. Ihre offizielle Begründung: Erschöpfung. Stimmt das? MDR KULTUR-Opernkritiker Uwe Friedrich über einen immer härter werdenden Klassik-Betrieb und warum es Mut erfordert, Auftritte abzusagen.

Sopranistin Anna Netrebko tritt im Rahmen des Wiener Opernballs auf.
Die Sopranistin Anna Netrebko Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Der Druck auf Anna Netrebko dürfte stark sein. Ist er manchmal vielleicht zu stark?

Uwe Friedrich: Man muss erstmal vorausschicken, dass kein Sänger gerne absagt, ob Placido Domingo oder Jonas Kaufmann, der auch gerade ein paar Aufführungen in München absagen musste, jetzt Netrebko. Sie alle machen sich das nicht leicht. Da ist entweder ein Krankheitsfall oder – jetzt ist sogar die offizielle Begründung – ein Erschöpfungszustand. Wenn man sich manche Sängerkalender so anguckt, denkt man auch: Wie schaffen die das? Zwischen Fliegen und Proben und Aufführungen. Und Anna Netrebko hat sich den Teller wirklich ziemlich voll geschaufelt in diesem Sommer. Einige, wenn man sich auf den sozialen Medien umguckt, haben auch schon ziemlich hämisch geschrieben: Da hätt ich ja drauf wetten können. Das ist ein bisschen unfair, finde ich, weil wie gesagt, gerne macht das niemand. Zum Einen wegen des Geldes, klar, sie kriegt die Gage nicht. Zum Anderen aber auch wegen des Imageverlustes. Aber wirklich überraschend kam die Absage von Anna Netrebko jetzt nicht.

Sie sagen Imageverlust, aber könnte eine Absage nicht auch ein Marketing-Spiel sein?

Ich glaube das nicht. Klar gibt es auch so eine Technik, sich rar zu machen, um den Marktwert nochmal zu erhöhen, aber man darf nicht vergessen, dass das gerade bei den Hardcore-Fans auch für Ärger sorgt. Es gibt so ein paar Sängerinnen und Sänger, die berühmt dafür sind, abzusagen. Anja Harteros ist so ein Fall. Doch irgendwann sind die Fans ungehalten, wenn sie das Gefühl haben: Oh, da ist so eine Mimose, vielleicht sollte sie ein bisschen robuster veranlagt sein in dem Beruf.

Wird dieser Klassik-Betrieb immer gnadenloser?

Der deutsche Tenor Jonas Kaufmann
Der deutsche Tenor Jonas Kaufmann musste im Mai mehrere Auftritte in Wien und Paris absagen. Bildrechte: dpa

Das wird er mit Sicherheit. Die echten Stars werden wirklich ausgewrungen in jeder Hinsicht. Denen wird dann der Kalender von den Agenten, von den Opernhäusern, ziemlich vollgeschaufelt. Die Verlockung ist aber auch groß, wenn man dann nochmal einen Auftritt in der Bayrischen Staatsoper, dann noch einen an der MET, einen in Paris und zwischendrin vielleicht ein Waldbühnenkonzert – da geht es auch um richtig viel Geld. Da muss man auch den Mut haben abzusagen, wenn man einmal diesen Starruhm erreicht hat bzw. die verlockendsten Angebote nicht zuzusagen. Denn selbstverständlich sind da auch Intendanten im Hintergrund, die sagen: Na, nun mach doch, für mich und für uns und an unserem tollen Haus, und dir macht die Rolle doch auch Spaß. Da "Nein" zu sagen, da braucht man auch Kraft für.

Aber man sollte lernen, sich zu schonen? Denn es gibt doch kein Instrument, das näher an der Persönlichkeit eines Menschen ist, als die eigene Stimme.

Unbedingt. Ich würde auch jedem Sänger raten, wenn er gesundheitliche Probleme spürt oder während der Probenzeit merkt, die Rolle ist doch nichts für mich, sich dann auch zu trauen, abzusagen, obwohl sie damit Fans enttäuschen. Was wir auch gerne vergessen, die hören sich selbst nicht singen. Selbst die Aufnahme ist etwas anders als das, was wir im Saal hören. Dazu gehört auch, dass Sänger Vertrauenspersonen brauchen, die ihnen auch mal sagen: Lass das lieber, das ist problematisch, die sie unterstützen in einer Entscheidung, auch mal abzusagen.

Wenn Konzerte mit großen Namen beworben werden und derjenige dann absagt: Hat man da das Recht, sein Ticket erstattet zu bekommen?

Bei den Opernveranstaltungen ist das so, dass man eine Karte für die Aufführung kauft und nicht für den bestimmten Sänger. Sonst hätten Opernhäuser ein echtes Problem mit der Kartenrückerstattung. In Salzburg war es nun offenbar anders – weil ausdrücklich Anna Netrebko vermarktet wurde. Ansonsten ist es so, solange die Aufführung stattfindet, auch mit einem Ersatzsänger, hat man als Zuschauer keinen Anspruch.

Und hat am Ende des Konzerts vielleicht eine Entdeckung gemacht?

Das passiert natürlich, dass man dann Sänger hört, die man noch gar nicht auf der Karte hatte und dann völlig verblüfft ist. Das ist aber zugegebenermaßen nicht die Regel. Wenn jemand Hochkarätiges ausfällt, ist man in jedem Opernhaus froh, wenn man einigermaßen Ersatz findet, gerade in etwas randständigem Repertoire.

Das Gespräch führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Bayreuther Festspiele 2019

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2019, 07:10 Uhr