Die Schriftstellerin Anna Seghers an ihrem 80. Geburtstag am 19.11.1980 in Berlin.
Anna Seghers war eine weltbekannte Schriftstellerin und in der DDR sehr einflussreich. Bildrechte: dpa

Buch "Mit einer Flügeltür ins Freie fliegen" Persönliche Briefe zeigen Anna Seghers Position im Kulturbetrieb der DDR

Die Neue Deutsche Literatur (NDL), später neue deutsche literatur (ndl), war eine zwischen 1952 und 2004 erschienene Literaturzeitschrift, die zusammen mit Sinn und Form eine der wichtigsten Zeitschriften dieser Art in der DDR war. Achim Roscher, langjähriger Redakteur und zuletzt auch Chef-Redakteur, hat nun in dem Buch "Mit einer Flügeltür ins Freie fliegen" seine Korrespondenz mit der weltbekannten Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes Anna Seghers versammelt. Darin werden Spannungen im Kulturbetrieb der DDR offenbar. Jörg Schieke stellt das Buch vor.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Die Schriftstellerin Anna Seghers an ihrem 80. Geburtstag am 19.11.1980 in Berlin.
Anna Seghers war eine weltbekannte Schriftstellerin und in der DDR sehr einflussreich. Bildrechte: dpa

Achim Roscher hat die Schriftstellerin Anna Seghers jahrzehntelang aus der Sicht des Literaturredakteurs und auch des guten Freundes befragt und begleitet. Viele der Gespräche hat Roscher, mit Erlaubnis Seghers natürlich, mitgeschnitten, um später aus diesen Mitschnitten Material, etwa für literaturwissenschaftliche Aufsätze über Seghers, zu gewinnen. Fassbar wird so zum einen die Arbeitsweise eines Literaturredakteurs in der DDR der 1960er, 70er und frühen 80er-Jahre und es wird, zumindest in Ansätzen, zugleich die Position der Anna Seghers im Kulturbetrieb jener Jahre bezeichnet.

Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes unter Druck

Das Buchcover.
Das Buchcover von "Mit einer Flügeltür ins Freie fliegen"
ISBN: 978-3-355-01884-5
20 Euro
Bildrechte: Verlag neues Leben

Regelmäßig bitte Roscher Anna Seghers um Texte für die "neue deutsche literatur" (ndl), er möchte von ihr aber auch Wortmeldungen zu aktuellen kulturpolitischen Debatten dieser Zeit. Seghers ist als Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes natürlich einem gewissen Druck ausgesetzt und versucht zwischen der Ungeduld der Jüngeren und dem ideologischen Starrsinn der Älteren zu vermitteln. Allerdings agiert sie hier oft auch nur halbherzig, zuckt in entscheidenden Momenten zurück, will den eigenen Status nicht gefährden. Als Roscher sie um einen Artikel zum neuen, von Kurt Hager und anderen Funktionären heftig angefeindeten Buch "Nachdenken über Christa T." von Christa Wolf bittet, weicht Seghers aus.

Auszug aus dem Buch "Mit einer Flügeltür ins Freie fliegen"

"Ich bin so schrecklich durcheinander, das sind Vorgänge, die einen aus der Spur werfen können. Ich kram' jetzt immer in alten Sachen rum, um überhaupt etwas zu tun. So fand ich eine Erzählung, die ich als junges Mädchen geschrieben habe: "Die Wellblechhütte" heißt sie. Diese Geschichte ist seltsamerweise nie wieder gedruckt worden. Vielleicht liest du sie einmal – nicht jetzt, das würde zu lange dauern – und sagst mir nächstens deine Meinung."

Angepasst oder erschöpft?

Anna Seghers
Eine sichtlich erschöpfte Anna Seghers Bildrechte: dpa

All das liest sich, aus der Distanz von 40, 50 Jahren, heute als mal mehr, mal weniger interessantes Material zum Verständnis des DDR-Literaturbetriebs. Seghers hat auch bei der Verhaftung Walter Jankas, der einer ihrer Gefährten in den Jahren im Exil war, eher ängstlich agiert. Aber Seghers hatte zu der Zeit bereits Flucht und Verfolgung, Exiljahre in Mexiko und nicht zuletzt auch den Tod ihres Mannes hinter sich. Angekommen in der DDR, war sie möglicherweise auch schon zu müde, in manch altem Verbündeten einen neuen Feind der künstlerischen Freiheit auszumachen.

Auszug aus dem Buch "Mit einer Flügeltür ins Freie fliegen"

"Während des anstrengenden Gesprächs hatte Anna Seghers beim Reden mehrmals lange die Augen geschlossen gehalten, einige Male auch unvermittelt den Kopf sinken lassen. Ich wusste nicht, ob sie nachsinnt oder erschöpft ist. Einmal sah sie jedoch hoch und sagte: Jetzt is' se abgetaucht, hast du gedacht, stimmt's? Eine Betreuerin, die ins Zimmer gesehen hatte, wurde abgewiesen. Dennoch war ihr deutlich Erschöpfung anzumerken."

Anna Seghers, auch das wird in diesem Buch deutlich, hat sich nur ungern auf die politischen Tageskämpfe eingelassen. Sie, die mit den Romanen "Das siebte Kreuz" und "Transit" Schlüsselromane der deutschsprachigen antifaschistischen Literatur verfasst hatte, konnte sich den Vereinnahmungen des DDR-Politapparates kaum entziehen. Wo, an welchen Stellen, mit welchen Winkelzügen und Interventionen sie sich dieser Vereinnahmung aber zugleich entgegenstellte – das ist nachzulesen in diesem Buch.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Oktober 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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