Anne Frank
Anne Frank starb 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, vermutlich an Fleckfieber Bildrechte: imago images / United Archives International

Zum 90. Geburtstag "Liebe Kitty" – Romanfragment von Anne Frank veröffentlicht

Anne Franks Tagebuch ist heute weltbekannt. Doch das jüdische Mädchen schrieb im Versteck in Amsterdam auch an einem Briefroman. Ihrer erdachten Freundin Kitty erzählte sie vom geheimen Leben im Hinterhaus an der Prinsengracht und von ihren Ängsten. Bis die Familie im August 1944 verraten und deportiert wird. Jetzt ist das Roman-Fragment, das ahnen lässt, was für ein großes literarisches Talent Anne Frank war, erschienen.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Anne Frank
Anne Frank starb 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, vermutlich an Fleckfieber Bildrechte: imago images / United Archives International

Am 20. Mai 1944 begann Anne Frank in einem Zimmer ihres Amsterdamer Zufluchtsortes mit der Niederschrift ihres einzigartigen Romanfragmentes. Zweieinhalb Monate danach wurde sie verhaftet und deportiert. Während dieser kurzen Zeitspanne füllte sie mit fieberhaftem Eifer mehr als 200 Seiten. Fast wirkt es so, als ahnte sie, dass ihr Leben nur noch von kurzer Dauer sein würde. Der in Zürich beheimatete Secessions Verlag publizierte ihren imponierenden literarischen Torso jetzt. Wie das kleine Editionshaus zu dieser Ehre kam, erläutert Joachim von Zepelin, einer der beiden Inhaber:  

Das ist ganz ursprünglich die Idee des Anne Frank Hauses in Amsterdam gewesen. Dort hatte man sich überlegt, ihr zum 90. Geburtstag ein Geschenk zu machen. Auf der Suche nach einem deutschsprachigen Verlag wurde wir angesprochen auf dieses Projekt, vermutlich weil wir schon viele Texte veröffentlicht haben, die sich im weitesten Sinne mit dem Judentum, der Geschichte des Judentums und vor allem auch mit dem Holocaust beschäftigt haben. Das hat uns natürlich sehr gefreut.

Joachim von Zepelin, Secessions Verlag

Erstmals veröffentlicht: Das Tagebuch als Briefroman

Das neu erschienene Buch «Anne Frank - Liebe Kitty».
Cover des Buches "Liebe Kitty" Bildrechte: dpa

Anne Franks Idee zu dem Roman entsprang dem Zwiespalt, dass sie keine Vertraute besaß. Sie beklagte, dass sie zwar liebe Verwandte und einen Schwarm Verehrer habe, aber niemanden, den sie in ihre Probleme einweihen konnte. Deshalb erfand sie kurzum Freundinnen. Eine davon taufte sie auf den Namen Kitty. An sie adressierte sie die Romankapitel in Briefform. Ein Mädchen, das Kitty hieß, tauchte schon in Anne Franks ursprünglichem Tagebuch auf, doch die Verfasserin variierte das Material später, wie Joachim von Zepelin betont.

Der niederländische Exil-Innen- oder Bildungsminister, hatte dazu aufgefordert, in Tagebuchform zu dokumentieren, was während des Krieges passierte. Daraufhin hat sie ihr spontan geschriebenes Tagebuch noch einmal bearbeitet. Diese literarische Form, die so genannte Version B des Tagebuches, die ist bisher noch nie als Einzelveröffentlichung erschienen.

Joachim von Zepelin, Secessions Verlag

Szenen aus dem Alltag beeindruckend geschildert

Laureen Nussbaum, eine Bekannte der Schwestern Margot und Anne Frank
Laureen Nussbaum, Jugendfreundin von Anne Frank Bildrechte: dpa

Es berührt und erstaunt, welche künstlerische Reife Anne Frank an den Tag legte, als sie mit 14 Jahren ihr Romanprojekt anpackte. Sie beherrschte bereits ein weit gefächertes Vokabular und baute mit sicherem Instinkt grammatisch niveauvolle Sätze. Außerdem vermochte sie Szenen aus ihrem Alltag intelligent und wunderbar plastisch zu schildern. Dass sie fraglos über das Potenzial zu einer beachtlichen Schriftstellerin verfügte, unterstreicht auch der Epilog zu ihrem Buch. Er stammt von einer renommierten Germanistin, die bis zu ihrer Pensionierung an der Portland State University unterrichtete und in den Augen Joachim von Zepelins weltweit als die Anne Frank-Expertin schlechthin gilt:

"Laureen Nussbaum war eine Jugendfreundin von Anne Frank. Mit ihr hat sie zusammen Theater gespielt in Amsterdam im Exil." Im Nachwort macht sie von Zepelin zufolge nicht nur deutlich, warum diese Ausgabe sich vom bekannten Tagebuch unterscheidet, sondern auch, welches große literarische Talent darin sichtbar wird.

Immer Angst – "Hungern, Sterben, Bomben"

Anne Frank
Anne Frank auf einem nachcolorierten Foto Bildrechte: imago/Leemage

Die Kernbotschaft von Anne Franks Romanentwurf steckt in den politisch geprägten Abschnitten. Häufig ist darin die Rede von der rasant wachsenden Furcht vor der Invasion der Hitler-Truppen in Holland.

Dann wieder dominiert die panische Angst vor – so wörtlich – "Hungern, Sterben, Bomben, Feuerspritzen, Judenausweisen, Giftgasen".

Das Thema Verfolgung und Ausrottung rankt sich wie ein roter Faden durch das dichterische Vermächtnis Anne Franks, das dank des Engagements von Joachim von Zepelin hierzulande durch geplante Aufklärungsaktionen einem breiteren Publikum zugänglich wird:

Zur Veröffentlichung dieses Buches wird es einen großen Anne-Frank-Tag geben. Da haben sich bisher 250 Schulen angemeldet. Das freut uns natürlich ganz besonders, weil es gerade in dieser Zeit wichtig ist, an das Schicksal von Anne Frank zu erinnern und auch daran, was im Zweiten Weltkrieg, im deutschen Faschismus und auch in den besetzten Ländern geschehen ist.

"Schreiben will ich", lautete das Credo von Anne Frank noch kurz vor ihrer Verschleppung. Ihr Buch verkörpert Warnung und Mahnmal zugleich. Es sollte künftigen Generationen als eindringliches Lehrstück dienen.    

Zur Person: Anne Frank Im Hinterhaus an der Prinsengracht schrieb Anne Frank ihr weltberühmtes Tagebuch. Von 1942 bis 1944 lebte die gesamte Familie, die 1934 aus Frankfurt/Main vor den Nazis nach Amsterdam geflüchtet war, in dem Versteck. Im August 1944 wurde sie verraten.

Anne Frank wurde im September 1944 nach Auschwitz deportiert, sie überstand die Selektion. Mit den Häftlingsfrauen, die Ende Oktober, als sich die sowjetischen Truppen näherten, zurück nach Deutschland transportiert wurden, kam sie todkrank nach Bergen Belsen. Dort starb sie im Februar oder Anfang März 1945, kurz vor der Befreiung des Lagers, im Alter von 15 Jahren.

Nur ihr Vater Otto überlebte den Holocaust. Er veröffentlichte 1947 die Tagebücher und wandelte das Haus an der Prinsengracht in ein Museum um. Nach zweijährigem Umbau wurde es im Herbst 2018 mit einer komplett überarbeiteten Dauerausstellung eröffnet.

Am 12. Juni wäre Anne Frank 90 Jahre alt geworden.

Angaben zum Buch Anne Frank: "Liebe Kitty"
Romanfragment
Aus dem Niederländischen übersetzt von Waltraud Hüsmert
208 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-906910-62-8
Secession Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juni 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 04:00 Uhr

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